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ELFTER BRIEF
[358 St.] PLATON WÜNSCHT DEM LAODAMAS SEGEN IN ALLEN SEINEN HANDLUNGEN
Ich habe dir schon früher geschrieben, daß es in allen den von dir angegebenen Beziehungen von großem Interesse wäre, wenn du selbst nach Athen kämest, dieweil dies aber nach deiner Angabe unmöglich ist, so wäre es in zweiter Linie hierauf am Besten, wenn wo möglich ich oder Sokrates käme, wie du schreibst. Was nun erstlich den Sokrates anlangt, so ist er krank in Folge des Harnzwangs, und was meine Person anlangt, so würde es für mich eine Schande sein, wenn ich hinkäme und die Aufgabe nicht vollbrächte, zu welcher du mich berufst, ich habe aber gar geringe Hoffnung, daß sie von mir gelöst werden würde. Aus welchen Gründen? Dazu bedürfte es eines zweiten langen Briefes, wenn man sie alle aufzählen wollte. Unter andern bin ich auch in Folge meines Alters an Körper nicht der Mann eine kleine Reise zu unternehmen und mich allen Gefahren zu Land und zu Wasser zu unterziehen, wie es solche jetzt allerwegs gibt. Ich kann dir indessen und deinen Kolonisten einen Rat geben, [359 St.] mag er auch nach der Mitteilung desselben, um mich eines Ausdruckes Hesiods zu bedienen, dem ersten Anscheine nach schlecht und schwer zu begreifen sein. Denn wenn sie wähnen, die Einrichtung eines wohlgeordneten Staates hänge bloß von irgend einer neuen Konstitution ab, ohne Vorhandensein eines souveränen Hauptes, das die Oberaufsicht führt über das gesamte Staatsleben, damit er bei Herrn wie bei Knechten auf der Bahn der vernünftigen Ordnung und der Tugend sich bewege, wenn sie das wähnen so ist ihr Kopf verkehrt. Und ein solches Haupt wird auch schon von selbst zum Vorscheine kommen, wenn bereits Männer vorhanden sind, welche sich zum Regieren verstehen, sind diese aber nicht vorhanden, und bedarf es zur Heranbildung eines solchen Hauptes erst eines Schulmeisters von außen, so wird es euch sowohl an einem Meister gebrechen, der euch auf dem Wege der Ordnung und der Tugend erhält, als auch an gehorsamen Schülern, welche auf einen solchen Meister hören, und es bleibt euch in diesem Falle nicht Anderes übrig als die Hände zum Himmel zu erheben und von ihm den Retter aus der Anarchie zu erbitten. Denn die früheren Staaten haben sich so ziemlich in derselben Lage befunden wie jetzt der eurige, und später kamen sie zu einem wohlgeordneten Staatshaushalt in Folge der Ereignisse großer Taten, die auf dem Schlachtfelde sowohl wie in den Gebieten der bürgerlichen Tätigkeit geschahen, wann nämlich ein moralisch-politisch großer Mann in solchen günstigen Zeitmomenten aufstand und eine seiner Größe entsprechende Gewalt in die Hände bekam.
Zuvor müßt ihr also in Bezug auf jene Dinge guten Mut haben, das ist eine unbedingte Notwendigkeit, dann müßt ihr aber auch den Rat wohl beherzigen, welchen ich euch hier gebe, und dürft in eurem Wahne euch nicht einbilden, daß es eine !eicht zu lösende Aufgabe sei. Gut Glück!