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ZWEITER BRIEF
[310 St.] PLATON WÜNSCHT DEM DIONYSIOS HEIL UND SEGEN DER VERNUNFT IN
ALLEN SEINEN HANDLUNGEN
Ich habe von Archidemos gehört, du glaubtest das Recht zu haben, zu verlangen, daß nicht nur ich sondern auch meine Freunde ablassen sollten, etwas Schlimmes gegen dich zu tun oder zu sagen, mit dem Dion aber machst du dabei eine Ausnahme. Aber gerade dieser Ausdruck, daß mit dem Dion eine Ausnahme zu machen sei, beweiset offenbar, daß ich in dieser Beziehung keine Gewalt über meine Freunde in Händen habe, hätte ich solche Gewalt über sie, insbesondere über dich und den Dion, so sollte es mit euren sizilischen und den übrigen hellenischen Staaten besser stehen, nach meiner Idee einmal. Unter den jetzigen Umständen aber kann ich die große Bedeutung meiner moralisch-politischen Reform-Idee nur dadurch zeigen, daß ich die Verfassung meines Innern meinem philosophischen Reformplane gemäß einrichte.
Die obigen meinen Ohren zugekommenen Nachrichten spreche ich hier aus, in der Hoffnung daß die von Kratistolos und Polyrenos bei dir angebrachten Zuflüsterungen sich als unwahr herausstellen. Der eine von ihnen soll nämlich gesagt haben, er habe Manche von meiner Gesellschaft zu Olympia Schlimmes dir nachsagen hören. Vielleicht hat der Mann ein spitzeres Gehör als ich, denn ich einmal habe nichts gehört. Wenn dir wieder Jemand so Etwas über einen von uns zu Ohren bringen sollte, so solltest du nach meinem Dafürhalten künftig so verfahren: schreibe deshalb und erkundige dich bei mir. Weder Furcht noch Scheu wird mich abhalten, die Wahrheit zu sagen.
Was aber nun unsere gegenseitigen Verhältnisse anlangt, so ist es damit so: unsere Personen bleiben gar Niemandem in Hellas unbekannt, unser persönlicher Verkehr bleibt in der Gegenwart nicht verschwiegen. Wisse aber, daß er auch bei der Nachwelt es nicht bleiben wird. Dafür bürgt die Qualität derer, welche von unserem Verkehr Kenntnis genommen haben, er war ja nicht unwichtig und geschah auch nicht geheim.
Doch wohin, wirst du fragen, wollen denn diese Worte? Ich will es dir sagen, werde aber erst ein wenig weit ausholen.
Es ist der Wille des Schöpfers der Welt, daß die wahre Vernunft-Erkenntnis des Weisen und die oberste Gewalt des Königs zusammen nach einem Ziele gehen sollen, diese zwei folgen sich, suchen sich und leben gerne zusammen. Sodann hat die Welt ihre Freude daran, einmal wenn sie selbst über solchen Verkehr der Weisen mit den Königen sprechen können, und dann auch, wenn sie Andere darüber sich äußern hören, sei es in engeren bürgerlichen Kreisen, sei es in öffentlich dargestellten Schöpfungen der dramatischen Poesie, [311 St.] wie aus folgenden Beispielen erhellt. Wann Leute auf den Hieron, auf den Lakedämonier Pausanias zu sprechen kommen, so freuen sie sich, auch der von Simonides mit ihnen unterhaltenen Freundschaft zu erwähnen, was er bei ihnen tat und was er zu ihnen sprach, eben so verherrlichet man gewöhnlich den Periander von Korinth und den Thales von Milet zu gleicher Zeit, eben so den Perikles und Anaxagoras; ferner den Krösos und Solon als Weise und den Kyros als König. Und diese Beispiele aus dem Leben nehmen sodann bekanntlich die Dichter sich zu Vorbildern, und bringen in ihren Dichtungen in Verbindung Kreon mit Teiresias, Polyeidos mit Minos, Agamemnon mit Nestor, Odysseus mit Palamedes, ja, meines Bedünkens, hat die Vorwelt in diesem Sinne auch Prometheus mit Zeus in Verbindung gebracht. Und nach ihrer poetischen Darstellung kommt's mit einigen von diesen zu Feindschaft, mit einigen zu gegenseitiger Freundschaft, mit einigen abwechselnd zu Freundschaft und Feindschaft, zu Sinnes-Einheit und Zwiespalt.
Alle diese Beispiele zähle ich hier in der selbstverständlichen Absicht auf, um dir augenscheinlich zu beweisen, daß wenn wir einmal im Grabe liegen, nicht auch die Gedanken und Zungen über uns begraben sein werden. Daraus folgt der Schluß, daß auf diesen unsern künftigen Ruf Bedacht genommen werden muß. Denn es liegt ohne Zweifel in einem unabweisbaren Naturtriebe begründet, daß wir an die Zukunft denken, dieweil bekanntlich allemal die edelsten Naturen Alles aufbieten daß sie für die Zukunft einen guten Ruf haben, während die gemeinen sich gar nicht darum bekümmern. Daher stelle denn auch ich die Vermutung auf, daß den Abgeschiedenen noch ein gewisses Empfindungs-Vermögen des Diesseits verbleibt, denn allemal die besten Seelen ahnen, daß es so ist, während die gemeine Schlechtigkeit es in Abrede stellt. Entscheidender sind aber die Ahnungen der Gotteskinder als der gemeinen Menschenkinder. Und meines Bedenkens einmal würden die oben genannten Männer, falls sie ihren Umgang noch ein Mal von vorn beginnen könnten, sich alle mögliche Mühe geben, damit Besseres über sie gesprochen würde, als jetzt. Das ist nun uns, Gott sei Dank, noch möglich, wenn Etwas hinsichtlich unseres früheren Umganges verfehlt worden ist, so können wir es durch Tat und Wort wieder gut machen. Einen besseren Ruhm und Nachruf werden wir, wenigstens nach meiner Einsicht, genießen, wenn wir in der Philosophie, d.h. in der Forschung nach dem Wesen des wahrhaft Guten, Meister sind, sind wir aber Pfuscher darin, so werden wir das Gegenteil davon haben. Ja keinen besseren Gottesdienst können wir verrichten als wenn wir jene Wissenschaft studieren, und auch keine größere Sünde gegen Gott begehen, als wenn wir sie vernachlässigen. Wie es aber hinsichtlich unseres Verkehres sein sollte und worin in dieser Beziehung das rechte Maß besteht, das will ich dir nach meiner Idee in Folgendem zeigen.
Ich kam nach Sizilien mit der Meinung, daß meine Philosophie eine ganz andere sei als die der andern Philosophen, [312 St.] und nach meiner dortigen Ankunft wünschte ich an deiner Person auch eine äußere Auctorität für dieselbe zu gewinnen, damit mir die Liebe zu geistiger Selbstveredelung auch außer der Schule bei dem großen Publikum Eingang und Verherrlichung erhalten möchte. Aber dieser Plan ging nicht leicht von Statten. Als den Grund hievon gebe ich nicht das an, was Viele aussagen werden, sondern ich sehe denselben bloß darin, daß du, wie es schien, mir nicht ganz vertrautest, daß du mich gerne wieder fortschicken und Philosophen anderer Farbe kommen lassen wolltest, daß du mittelst derselben ausforschen wolltest, was denn eigentlich mein Vorhaben sei, alles Dies, nach meinem Dafürhalten, aus bloßem Mißtrauen. Und es gab Viele, welche deshalb die Welt voll schrieen, indem sie erzählten, mein System hättest du verworfen und du studiertest andere. So lautet also denn das Geschrei der Welt. Was nun hingegen nach solchen Vorgängen zu tun ist, das vernimm hierauf, damit ich dir auch auf deine Frage antworte, wie ich und du uns gegen einander verhalten müßten.
Im Falle du gegen Philosophie überhaupt Verachtung hegest, so lass' uns einander Lebewohl sagen, falls du aber eine bessere von einem Andern gehört oder selbst gefunden hast, als die meinige, so halte jene in Ehren, falls bei dir aber endlich unser System gefällt, so ehre dies und vorzüglich meine Person. Gehe du also nun, wie auch von Anfang, voraus, ich werde dir folgen. Denn wenn ich von dir geehrt werde, so werde ich dich ehren, werde ich aber von dir nicht geehrt, so werde ich mich ruhig verhalten. Dazu kommt, daß du durch Ehrerweisungen und durch ein Vorausgehen hierin deinerseits die Philosophie zu ehren scheinen wirst, und selbst der Umstand, daß du auch andere Philosophen, sowie den Unterschied zwischen mir und ihnen kennen zu lernen suchtest, wird dir von Seiten des Volkes den Ruhm eines Philosophen bringen. Wenn ich dagegen dich ehre, ohne daß du mich ehrst, so bekomme ich den Schein, als sähe und jagte ich nach Reichtum, und wir wissen, ein solcher Charakter bringt bei aller Welt keinen guten Ruf. Kurz und gut, wenn du mir Ehre erweisest, so ist es eine Zierde für uns Beide, wenn ich dir aber den Hof mache, so macht es uns Beiden Schande. Über diese Materie also hiemit nun genug.
Jetzt zu etwas Anderem! Was das Sphärium anlangt, so ist es noch nicht richtig erklärt; eine nähere Erklärung wird dir Archidemos geben, wenn er zu dir kommt. Und nebst dem muß ihm auch über folgenden Gegenstand, welcher noch hochwürdiger und göttlicher ist, eine recht gründliche Erklärung an dich mitgegeben werden, da du darüber nicht im Klaren bist und deshalb an mich geschickt hast. Du sagst nämlich nach dem Berichte desselben, du hättest über die Natur es ursprünglich Ersten noch keine hinlänglich klare Belehrung erhalten. Ich muß dir also diese in rätselhaften Ausdrücken geben, damit, wenn etwa der Brief auf dem Meere oder in irgend einer Ecke des Landes verunglücken sollte, der Leser denselben nicht versteht.
Es verhält sich nämlich damit so. Auf das Alleroberste, den König der Welt, beziehen sich alle Dinge, und alle Dinge sind seinetwegen, und es ist die Grundursache alles möglichen Guten in der Welt, das Zweite geht auf die Dinge zweiten Rangs, das Dritte auf die des Dritten. Die Seele des Menschen strebt nun darnach, über das eigentliche Wesen jener Dinge sich eine richtige Erkenntnis zu verschaffen, [313 St.]weil sie bei dem Blick auf die ihr verwandten Dinge nichts Vollkommenes findet. Bei dem obersten Vernunft-Vermögen, bei dem Könige der Welt, und bei allem Dem wovon er, wie ich vorhin erwähnte, die Ursache ist, befindet sich keine solche Unvollkommenheit. Hierauf nun sagt die Seele: aber, o Sohn des Dionys und der Doris, wie sieht es denn weitere mit der Frage aus, welche sich um die Grundursache aller Übel der Welt dreht? Ja der der Seele angeborene Geburtsschmerz über diese Frage ist noch in höherem Grade vorhanden, wer diesen nicht stillt wird niemals recht die Wahrheit treffen. Und da warst du es nun nach einer Äußerung im Garten unter den Lorbeerbäumen, mit welcher du über diese Frage eine originelle Idee und Erfindung hattest. Und ich sagte darauf, wenn dir das Licht der Wahrheit in dieser Beziehung erschiene, so hättest du mir viele Untersuchungen deshalb erspart. Denn wahrhaftig, ich sei noch keinem Andern in der Welt begegnet, welcher dieses Rätsel gelöst hätte, ja mein Hauptstudium beziehe sich auf die schwierige Lösung dieser Frage. Was deine angebliche Erfindung darüber anlangt, so hast du vielleicht, nachdem du einmal durch glücklichen Zufall auf jene Frage gefallen warst, von irgend Jemandem Etwas aufgefaßt, hernach aber die Winke desselben nicht durch eigene Geistestätigkeit in einen wissenschaftlichen Zusammenhang gebracht, weil du glaubtest, du hättest an ihnen schon einen festen Besitz; da machst du denn in Bezug auf jene Frage bald diesen bald jenen Phantasie-Sprung. Die Lösung derselben ist aber gar nicht der Art. Dieses Mißgeschick ist dir aber nicht allein begegnet. Vielmehr wisse, daß Niemand der mich zum ersten Male gehört hat Anfangs in einer andern Lage sich befunden hat, der eine kommt mit mehr, der andere mit weniger Schwierigkeit davon, keiner indessen mit unbedeutender. Wenn das also schon früher war und noch sich so verhält, so haben wir nach meiner Meinung einmal auch die Antwort auf die Frage in deinem Briefe gefunden: Wie sollen wir uns gegen einander verhalten? Denn wenn du die oben gedachten erhaltenen Winke mit prüfendem Verstande verarbeitest, sowohl durch einen praktischen Verkehr mit andren Philosophen als auch durch einen vergleichenden theoretischen Blick mit den Gedanken von Andern, sowie durch eine Betrachtung derselben an und für sich, so werden dann diese meine Ideen bei dir in Fleisch und Blut verwachsen, und du wirst nicht nur mit ihnen intim sondern es auch mit meiner Person sein. Wie soll nun dieses Prüfen mit eigenem Verstande und wie sollen alle hier von mir gemachten Vorschläge wieder bewerkstelligt werden?
In dieser Beziehung hast du in dem Augenblicke einmal recht daran getan, daß du den Archidemos geschickt hast, auch für die Zukunft werden dich, wenn er zu dir zurückgekehrt sein und meine Aufschlüsse dir überbracht haben wird, noch andere Bedenklichkeiten ergreifen. Da wirst du denn, wenn du ordentlich zu Rate gehst, den Archidemos zu mir schicken, und dieser wird dann mit einer neuen Ladung zu dir zurückkehren. Und wenn du dies zwei oder drei Mal getan haben wirst, so müßte ich mich wundern, wenn deine jetzigen Bedenklichkeiten und Zweifel nicht im Vergleich zur Gegenwart zum Besseren ausschlagen sollten. Darum Mut gefaßt und also verfahren! Denn weder du noch Archidemos könnet einen eindringlicheren und gottgefälligeren Austausch treiben, als diesen Gedanken-Austausch. [314 St.] Habe du indessen Acht, daß diese Gedanken nicht unter die rohe Menge geraten, denn nach meiner Ansicht kommen solche Gedanken den Ohren des gemeinen Volkes höchst lächerlich vor, während sie andererseits bei den von dem Schöpfer bevorzugten und auserwählten Köpfen die größte Ehrfurcht und beglückendste Begeisterung erregen. Wenn jene Gedanken aber nur mündlich mitgeteilt und vernommen werden, so werden sie in einer Reihe von Jahren wie Gold geläutert, wenn es dabei am nötigen Eifer und Fleiße nicht fehlt. Was aber dabei auffallend ist, das mußt du noch hören. In Bezug auf jene Gedanken habe ich Schüler mit guter Auffassungsgabe, mit gutem Gedächtnisse, mit allseitig und gründlich prüfendem Verstande, schon Männer im Greisenalter, Hörer wenigstens seit dreißig Jahren, welche gestehen, die Anfangs ihnen ganz unglaublich scheinenden Dinge erschienen ihnen nun ganz glaubwürdig und reell, mit der Welt dagegen, welche sie früher für die reellste gehalten hätten, sei es jetzt das Gegenteil. Im Hinblick also auf diese Erfahrungen nimm dich in Acht, daß dir nicht auf eine unschickliche Weise Gedanken in die Welt entfahren, worüber du später tiefe Reue empfinden müßtest. Die größte Vorsicht besteht darin, daß man bei dem Studium der tieferen Geheimnisse der Philosophie nicht schreibt, sondern nur ordentlich studiert, denn es ist nicht möglich zu verhüten, daß das Geschriebene nicht unter die Leute komme. Aus diesen Gründen habe ich auch über jene tieferen Wahrheiten der Philosophie noch nichts geschrieben, und es gibt hierüber unter dem Namen Platon keine Schrift und wird auch keine geben. Was jetzt unter diesem Namen existiert gehört dem idealisierten und verjüngten Sokrates. Lebe wohl und folge mir, verbrenne diesen Brief nun bald, nachdem du ihn mehrmals durchlesen hast. So Viel von Dem.
Nun noch ein Wort über Polyrenos. Du wunderst dich, daß ich dir ihn schicke. Ich meinerseits machte dir über ihn, sowie über Lykophron und die übrigen bei dir weilenden Philosophen schon lange die Bemerkung und wiederhole sie dir hier, daß du in Absicht auf das Philosophieren sowohl an angeborener Anlage als auch an logischer Methode des Disputierens weit über ihnen stehst, und daß keiner von ihnen sich freiwillig von dir auf den Sand setzen läßt, wie Einige vermuten, sondern alle unfreiwillig. Du scheinst jedoch sehr viel mit ihnen umzugehen und sie reichlich zu beschenken. Doch soviel über diese Leute, schon zu viel über solchen Menschenschlag. Den Umgang des Philiston aber, wenn er selbst dazu bereit ist, benutze recht fleißig, und wenn es angeht, benutze auch die belehrende Unterhaltung des Speusippos und schicke mir ihn dann. Es äußerte mir aber auch Philiston, daß er gerne hierher nach Athen käme, wenn du ihn los ließest. Daß du Den in den Steinbrüchen losgelassen hast, daran hast du recht getan, und leicht erfüllbar war seine Bitte, sowie auch die in Bezug auf seine Freunde, sowie in Bezug auf Hegesippos und Ariston. Denn du schriebst mir ja, [315 St.] wenn Jemand jenem oder diesen Leid zufügen sollte, und du würdest es wahrnehmen, so würdest du einschreiten. Auch dem Lysikleides muß ich ein wahres Zeugnis geben. Denn er allein von den aus Sizilien nach Athen Gekommenen hat an dem Verhältnisse zwischen mir und dir nichts zu verschlimmern gesucht, im Gegenteil, er spricht über die Vergangenheiten immer Gutes und zur Herstellung eines besseren Verhältnisses.