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SECHSTER BRIEF
[322 St.] PLATON WÜNSCHT DEM HERMEIAS, ERASTOS UND KORISKOS HEIL UND SEGEN DER VERNUNFT IN ALLEN IHREN HANDLUNGEN
Mir scheint eines der höheren Wesen mit Huld und voller Hand euch ein schönes Glück zu bescheren, wenn Ihr es wohl zu benutzen wisset. Denn Ihr wohnt ja erstlich euch hübsch in der Nachbarschaft, sodann wohnt ihr so, daß ihr im Falle einer Verlegenheit in den wichtigsten Interessen euch einander erbaulich beistehen könnet. Dem Hermeias einerseits kann keine Masse Kavallerie, kann überhaupt keine Kriegsmacht, noch auch eine Masse überdem angehäuften Goldes eine größere Stütze in jeder Beziehung sein als eine Anzahl von Freunden mit einem derbbiederen und zugleich mit einem des wahren Heils teilhaftigen Charakter, dem Erastos und Koriskos ist dagegen andererseits, wenigstens nach meinem Rate, nebst jener ihrer himmlischen Weisheit von den unvergänglichen Wesenheiten der Dinge, obgleich ich darin ergraut bin, noch dazu die wachsame Weltklugheit und ein praktisches Abwehrungsgeschick gegen die Schurken und Spitzbuben der Welt notwendig; sie kennen die Welt noch nicht, weil sie einen großen Teil ihres Lebens in unserer ordentlichen und unverdorbenen Gesellschaft zugebracht haben. Der Grund, weshalb ich sagte, daß sie neben ihrer himmlischen Weisheit noch dazu jene beiden, die Weltklugheit und die Abwehrungs-Geschicklichkeit gegen die Außenwelt, nötig hätten, ist natürlich der, damit sie nicht veranlaßt werden, die ewig wahre Weisheit darob zu vernachlässigen und nach jener Weltklugheit übermäßig zu trachten, obgleich auch die notwendig ist. Diese praktische Geschicklichkeit scheint mir andererseits Hermeias teils durch seine bloße angeborne Anlage, sofern diese damals noch nicht in meiner Schule gewesen war, [323 St.] und dann auch weiter mit Wissenschaft an der Hand der Erfahrung sich angeeignet zu haben.
Welches ist nun der Rat, den ich euch demzufolge zu erteilen habe? Dir, Hermeias, einerseits rate, verkünde und beteure ich auf den Grund der von mir mit Erastos und Koriskos länger als von dir gemachten Erfahrung, daß du keine zuverlässigeren Freunde finden werdest als eben jene deine Nachbarn, ich rate dir also, auf alle mit der Tugend verträgliche Weise mit diesen Männern in Verbindung zu treten und das für keine Kleinigkeit zu halten, dem Koriskos aber und dem Erastos rate ich, dem Hermeias diese Anhänglichkeit zu erwidern und durch die gegenseitigen Beweise von Liebe ein unzertrennliches Freundschaftsband zu erreichen zu suchen. Wenn aber Einer von euch ein Mal dieses Band auf irgend eine Weise zu lockern scheinen sollte, denn alles Menschliche ist nicht von ewiger Dauer, so schickt den Klagepunkt in einem Briefe hierher vor meinen und der meinigen Richterstuhl, denn falls der Bruch etwa nicht allzugroß ist, so denke ich, daß unser von hier ausgegebener Spruch auf dem Grunde des Rechts und Rechtsgefühles eher als jede heilende Zauberformel den Bruch der früher bestandenen Liebe und Gemeinschaft wieder heilen und vermitteln werde. Wenn alle insgesamt, ich und ihr, nach allen unsern Kräften und jedesmaligen Verhältnissen, darnach streben, so werden meine jetzigen Prophezeiungen in Erfüllung gehen, die Folge aber von dem Falle, daß wir diese Anstrengungen unterlassen, will ich nicht aussprechen, denn ich spreche nur ein Wort guter Vorbedeutung und sage also nur das: wir werden alle die oben angedeuteten Bestrebungen glücklich zu Ende bringen, wenn ein höherer Geist es will.
Diesen Brief müßt Ihr alle drei lesen, am liebsten zusammen, wenn das nicht angeht, so leset ihn zu Zwei nach Vermögen so oft als möglich in Gemeinschaft, macht ein Bündnis und richtet euch nach dem Gesetze, welches auf der Idee der Gerechtigkeit beruht, als eurem souveränen Herrn, indem ihr zuschwört dem ernsten, von aller Handwerksmäßigkeit entfernten wissenschaftlichen Studium und dem mit ernsten Studium zugleich verschwisterten Spiele des Geistes erstlich bei dem alle Wesen der Gegenwart und der Zukunft beherrschenden Sonnen-Gotte, und dann bei dem Herrn und Schöpfer jenes allbeherrschenden Sonnengottes und allgemeinen Lebensprinzips, und wenn wir mit wahrer Liebe dem Wissensdurste nach dem Ewigen leben, so werden wir diesen in seiner Klarheit erkennen, soweit es Menschen möglich ist, welche den besseren Teil erwählt haben.