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EPINOMIS


Anhang zu den "Gesetzen"

 

Nach der Übersetzung von Franz Susemihl

 

[973 St.]  KLEINIAS: So sind wir denn unserer Verabredung gemäß richtig alle Drei wieder da, lieber Freund, ich, du und unser Megillos, um zu untersuchen, was das Wesen der Weisheit ist, und zu erforschen auf welche Weise man es ins Reine bringen kann, was denn Dasjenige sei dessen Erkenntnis uns den Besitz der Weisheit verschafft, so weit ein Mensch überhaupt dessen fähig ist. Denn alles Andere was zur Gesetzgebung gehört haben wir unserer Ansicht nach abgehandelt, aber gerade das Wichtigste was man suchen und feststellen kann, nämlich was der sterbliche Mensch zu erlernen habe um weise zu werden, das haben wir noch nicht aufgesucht und noch nicht festgestellt, und so wollen wir denn jetzt uns bemühen dies nicht unerörtert zu lassen. Ließen wir ja doch sonst geradezu das Werk unvollendet, welches wir uns ja doch Alle bestrebten vom Anfang bis zum Ende klar und deutlich zu machen.

DER ATHENER: Du hast Recht, lieber Kleinias, indessen glaube ich, was du jetzt hören wirst wird dir seltsam klingen, gewissermaßen indessen auch wieder nicht. Denn es wird ähnlich lauten wie das Urteil Vieler die sich große Lebenserfahrung erworben haben, daß das Menschengeschlecht nämlich nie glücklich und selig sein werde. Folge mir also und siehe zu ob dieses ihr und mein Urteil auch dir das richtige zu sein scheint. Auch ich nämlich urteile daß es den Menschen unmöglich sei glücklich und selig zu werden mit Ausnahme Weniger, jedoch so daß ich dies auf die Zeit dieses Lebens beschränke. Denn es bleibt uns nach meiner Ansicht die beste Hoffnung nach dem Tode Alles zu erlangen um deswillen der Mensch während seines Lebens mit allen seinen Kräften dem Edlen zustrebt und im Tode nach einem entsprechenden Ende trachtet. Ich sage damit nichts Tiefgelehrtes, sondern Etwas was wenigstens in gewisser Weise uns Allen, Griechen so wie Nichtgriechen, wohl bekannt ist. Denn wir Alle wissen daß für jedes lebendige Wesen vom Anbeginn an das Leben ein mühseliges Ding ist, daß das Dasein im Mutterleibe, daß sodann die Geburt und die Auferziehung und Ausbildung, daß dies Alles mit tausenderlei Mühseligkeiten verknüpft ist. [974 St.] Dann folgt eine Zeit welche uns kurz vorkommt, nicht etwa in Ansehung der erduldeten Mühsale, sondern dessen was ein Jeder für befriedigend ansehen wird, und die uns etwa in der Mitte unseres Lebens eine gewisse Erholung gewährt, allein schnell bricht dann eben das Greisenalter herein und wird wohl Niemanden wünschen machen, wenn er sein vollbrachtes Leben überdenkt, dasselbe noch einmal von vorne zu beginnen, er müßte denn ganz von kindischen Vorstellungen erfüllt sein. Und was dient mir wohl zum Beweise hierfür? Eben dies daß es gerade mit Dem was wir jetzt suchen eben so bestellt ist. Wir suchen nämlich ja darnach, was man tun müsse um weise zu werden, gerade als ob Jedermann die Fähigkeit hiezu besäße. Allein die Weisheit flieht mit schnellen Schritten, je mehr man in Allem was gemeiniglich für Kunst und Wissenschaft gilt zur Einsicht kommt, indem man sodann inne wird daß keine derselben wirklich den Namen Weisheit verdient, und daß letztere nicht auf diese menschlichen Erdendinge sich erstreckt und wie trotz der hohen Zuversicht und der stolzen Ahnung unserer Seele als ob sie ein natürliches Anrecht auf den Besitz der Weisheit hätte, sie doch durchaus nicht ausfindig zu machen weiß worin dieselbe bestehe und wann und wie man ihrer teilhaftig werde. Oder steht es nicht etwa durchaus so mit der Ungewißheit in welcher wir uns über das Wesen der Weisheit befinden, und dem mühseligen Forschen welches wir erst nach derselben anstellen müssen? Sind sie nicht wirklich größer als jene Zuversicht bei allen Denen unter uns die im Stande sind sich selbst und Andere in vernunftgemäßer Weise zu prüfen und durch alle Arten von Schlüssen und alle möglichen Anwendungen derselben zu übereinstimmenden Ergebnissen zu gelangen? Habe ich Unrecht oder müßt ihr mir zugeben daß es sich wirklich so verhalte?

KLEINIAS: Wir wollen es zugeben, lieber Freund, in der Hoffnung daß wir mit deiner Hilfe hernach hierüber mehr erfahren werden, welches uns in den Stand setzen wird hierin die volle Wahrheit zu erkennen.

DER ATHENER: Wir müssen also zuerst alle andern sogenannten Wissenschaften, welche trotzdem Denjenigen welcher sie sich aneignet und schon besitzt nicht weise machen, durchgehen, um nach ihrer Beseitigung zu versuchen, ob wir nicht jenes wahrhafte Wissen dessen wir bedürfen herbeizuschaffen und sodann uns anzueignen im Stande sind.

Was nun zunächst diejenigen Kenntnisse anlangt nach denen zuerst im Menschengeschlecht das Bedürfnis rege ward, so müssen wir hinsichtlich ihrer bemerken daß sie zwar wie die ersten so auch die unentbehrlichsten sind und daß daher wer sie sich zuerst erwarb für einen Weisen gelten mochte, daß aber doch wer sie heutzutage sich angeeignet hat deshalb nicht nur nicht für einen solchen angesehen, sondern ob des Besitzes einer solchen Wissenschaft noch gar geringschätzig behandelt wird. [975 St.] Wir wollen nun angeben welches diese Künste sind und zeigen daß ein Jeder welcher um den Ruhm als ein möglichst tüchtiger Mann zu erscheinen kämpfen will dieselben ganz bei Seite setzt, um sich den Besitz der Weisheit und ihrer Ausübung zu erwerben. Zuerst stehe unter diesen Künsten diejenige welche das Verzehren anderer lebendiger Geschöpfe, wie die Sage lautet, einesteils unter uns ganz beseitigt, andernteils auf ein gesetzliches Maß zurückgeführt hat. Mögen es uns unsere Vorfahren zu Gute halten, und sie werden es, wer immer die ersten Urheber dieser Kunst gewesen sein mögen, wir können hier Nichts weiter mit ihnen zu schaffen haben. Sodann wird auch die Anfertigung des Gersten- und Weizenmehls und die Bearbeitung derselben zur Speise für ein gutes und löbliches Ding gelten müssen, aber einen Mann wirklich weise zu machen wird doch wahrlich auch diese Kunst nicht im Stande sein. Denn schon das Wort Anfertigung und Bearbeitung selbst bezeichnet ja die Mühseligkeit dieser Arbeit. Und eben so steht es wohl mit der gesamten Landwirtschaft, denn nicht eine bewußte Kunst, sondern ein blinder göttlicher Naturtrieb war es offenbar welcher uns bewog die Erde mit unseren Händen zu bearbeiten. Und ein Gleiches gilt wahrlich auch von der Kunst Häuser und Wohnungen zu bauen, so wie von der Verfertigung aller möglichen Gerätschaften, von der Schmiedekunst und der Zubereitung der Werkzeuge zum Zimmern, Bilden und Flechten und zu allem Ähnlichen, denn alle diese Künste haben für das Volk ihren Nutzen, aber wo es sich um Weisheit und Tugend handelt sind sie nicht zu rechnen, und eben so wenig kann die gesamte Jägerei, so reichhaltig und erfinderisch sie ist, Seelenadel und Weisheit erzeugen. Ja sogar von der Seherkunst und der Auslegung von Göttersprüchen überhaupt können wir nicht anders urteilen, denn sie kennt nur ihre Aussprüche, ob dieselben aber wahr sind vermag sie nicht zu beurteilen. Da wir also sehen daß durch diese Künste zwar die Erwerbung des Notwendigen herbeigeführt wird, aber keine derselben irgendwie jemand weise macht, so bleiben uns demnächst noch die Künste des Vergnügens übrig, welche meistens nachahmende Künste und alle, so zu sagen, ein bloßes Spiel sind. Ihre Meister ahmen teils mit vielerlei anderen Werkzeugen, teils mit ihrem eigenen Körper, und zwar oft mit nicht sonderlich anständigen Bewegungen desselben, sie ahmen in Worten, in allen Arten musischer Kunst und in allen Schöpfungen der bildenden Künste, in der Feuchtigkeit der Farben und in der Trockenheit des Steines nach. Allein auch alle diese nachahmenden Künste haben noch Keinen, ob er sie auch noch so fleißig betrieb, irgendwie weise gemacht. Nachdem aber so Alles was zur Notdurft und was zur Annehmlichkeit des Lebens dient bewirkt ist, treten im Übrigen noch hilfreiche Künste tausendfacher Art hinzu. Unter ihnen steht obenan und gewährt uns den reichhaltigsten Nutzen die sogenannte Kriegs- und Feldherrnkunst, ihrer sind wir am häufigsten benötigt, und sie verschafft in ihrer Anwendung den größten Ruhm, aber sie hängt auch am Meisten vom Zufall des Glückes ab und ist ihrer Natur nach mehr der Tapferkeit als der Weisheit eigen. [976 St.] Auch die sogenannte Arzneikunst ferner gewährt uns Hilfe wider den Schaden welchen die Jahreszeiten durch allzu große Kälte und Hitze und andere Witterungsverhältnisse für alles Lebendige mit sich bringen, doch den Ruhm zur wahren Weisheit zu führen kann man ihr in keinem Stücke zuerteilen, denn regellos treibt sie sich in bloßen Vorstellungen und blinden Mutmaßungen umher. Für gute Helfer werden wir auch die Steuermänner samt den Schiffern erklären, und doch soll uns Niemand einreden uns aus der Zahl aller dieser einen Weisen Mann zeigen zu wollen, denn schwerlich wird einer von ihnen das wahre Wesen von des Fahrwindes Gunst und Zürnen kennen, so sehr dies auch für die ganze Steuermannskunst erwünscht sein würde. Und fürwahr, eben so wenig sind alle Die weise welche sich dafür ausgeben durch die Kraft ihrer Beredsamkeit in Rechtshändeln Hilfe zu leisten, da ihre Kunst bloß auf Gedächtnis und Übung beruht und sie bloß den herrschenden Meinungen oder Gewohnheiten ihre Aufmerksamkeit zuwenden und in die wahre Natur des Rechts keineswegs eingedrungen sind. So bleibt denn nur noch eine eigentümliche Geschicklichkeit übrig welche auf den Namen der Weisheit Anspruch machen könnte, doch pflegt man sie schon gemeinhin mehr als Naturgabe denn als Weisheit anzusehen. Man bemerkt nämlich oft Leute welche teils alles Mögliche leicht lernen, teils auch ein umfassendes und sicheres Gedächtnis besitzen und, so bald man sie nur daran erinnert was das Angemessenste für sie zu tun sei, dasselbe schnell auszuführen wissen. Alles dies wird nun bald als Naturgabe, bald als Weisheit, bald als Scharfsinn und Geistesgegenwart bezeichnet, allein kein Verständiger wird doch irgend Jemanden um irgend einer dieser Eigenschaften willen im eigentlichen Sinne als weise bezeichnen wollen.

Nun muß aber doch irgend eine Wissenschaft zu finden sein durch deren Besitz Jemand wirklich und nicht bloß nach der Meinung der Leute weise wird. Laßt und also zusehen. Wir machen uns da freilich an eine schwer auszumittelnde Sache, wenn wir so außer den erwähnten Wissenschaften noch eine andere aufzufinden suchen, welche wirklich und mit vollem Recht Weisheit zu heißen verdient und deren Inhaber nicht mehr ein handwerksmäßiger und ungebildeter Geist, sondern durch sie ein weiser und tugendhafter Bürger sein soll, gerecht gleich sehr als Herrscher wie als Untertan im Staate und taktvoll. Laßt uns denn also zuvörderst in Betracht ziehen welche von allen Wissenschaften wohl allein so geartet ist daß, wenn man sie dem Menschengeschlecht entzöge oder wenn sie nie demselben zu Teil geworden wäre, dasselbe ganz unvernünftig und unverständig sein würde. Diese zu finden wird nun nicht so gar schwierig sein. Denn wenn man die eine Wissenschaft gegen die andere hält, so wird diejenige welche dem ganzen Menschengeschlecht den Begriff der Zahl verliehen hat es sein welche so Großes leistet, und ich glaube daß uns eher ein Gott selber als irgend ein Zufall diese Wissenschaft zu unserer Erhaltung verliehen hat, und auch darüber welchen Gott ich meine muß ich mich erklären, vielleicht freilich werdet ihr diesen meinen Gedanken seltsam finden, vielleicht aber auch nicht. Wie sollte man nämlich denjenigen Gott welcher der Urheber alles Guten für uns ist [977 St.] nicht auch für den des bei Weitem größten Gutes, der Weisheit, halten, und welchen Gott habe ich nun dabei wohl in aller Ehrfurcht im Sinne, Megillos und Kleinias? Doch wohl eben das Weltall selbst, welches wir, wie es auch alle andern Götter und Dämonen tun, mit allem Rechte vorzüglich zu verehren und anzubeten haben. Daß dieser Gott uns alle übrigen Güter verliehen habe, das werden wohl Alle zugeben, daß er aber uns in Wahrheit auch die Wissenschaft der Zahlen beschert habe und sie auch hinfort einem Jeden bescheren werde welcher aufmerksam seiner Leitung folgt, das behaupten wir wenigstens. Gehe man nämlich nur an eine richtige Betrachtung dieses unseres Alls, oder nenne man es lieber Himmel und Erde oder Weltgebäude, und man wird es verfolgen können wie dasselbe sich selbst und jedes Gestirn das es in sich trägt auf ihren mannigfaltig verschlungenen Märschen herumführt und allen ihre Nahrung und den Wechsel ihrer Jahreszeiten gewährt. Und so würden wir behaupten dürfen daß es uns alle anderen Güter und alle andere Weisheit zugleich mit der Kunst der Zahlen geschenkt hat. Diese letztere aber ist das wichtigste Geschenk für Jeden der es annimmt und nach Anleitung der Zahl alle Bewegungen der Himmelskörper verfolgt.

Laßt uns nun ein wenig wieder zurückgehen, und zusehen daß wir vorhin mit gutem Grunde behaupteten daß, wenn man dem Menschengeschlechte die Zahl nähme, wir zu keinerlei Weisheit gelangen könnten, so wie denn ja wo Weisheit und Vernunft fehlen die Seele eines lebendigen Wesens nimmer zu vollständiger Tugend gelangen kann. Denn ein lebendiges Wesen welches nicht weiß was Zwei und Drei und Gerade und Ungerade sind, welches überhaupt von der Zahl keinen Begriff hat, wird auch keine vernünftige Erklärung von irgend Etwas zu geben im Stande sein, da es ja dann von allen Dingen nur sinnliche Wahrnehmung und Erinnerung besitzen kann. Daß es nun dabei der übrigen Tugenden, Tapferkeit und Besonnenheit, teilhaftig werden könne, Dem steht Nichts im Wege, weise aber kann kein Geschöpf werden welchem das vernünftige Denken abgeht, und wem die Weisheit fehlt, dem fehlt gerade der wichtigste Teil der gesamten Tugend und folglich diese gesamte und vollkommene Tugend selbst, und somit wird ihm auch selbst die wahrhafte Glückseligkeit fehlen. Aller unserer Erkenntnis muß daher notwendig die der Zahl zu Grunde gelegt werden. Diese Notwendigkeit vollständig darzutun, dazu würde es freilich einer noch viel ausführlicheren Auseinandersetzung bedürfen, aber auch die jetzt gegebene wird bereits hinlänglich gezeigt haben daß alle anderen Künste, die wir jetzt eben durchgingen und bei Seite schoben, in keinem Stücke bestehen könnten, sondern alle gänzlich zu Grunde gehen müßten, sobald Jemand uns der Wissenschaft der Zahlen beraubte. Allerdings möchte es indessen vielleicht manche Leute bedünken daß man der Zahl doch nur wenig bedürfe wenn man bloß diese Künste ins Auge fasse. Doch wäre auch dieses Wenige schon wichtig genug. Wenn man aber seinen Blick auf Alles was göttlichen und was menschlichen Ursprungs ist richtet und so auch die Natur der Götterverehrung und das eigentliche Wesen der Zahl selber zu erkennen sucht, [978 St.] dann möchte Keiner Wahrsager genug sein um die Kraft und Wirkung der Zahl in ihrem ganzen Umfange zu begreifen, so viel aber ist wohl Jedem offenbar daß im ganzen Bereiche der musischen Kunst alle Töne und Bewegungen unter ihrem Gesetze stehen, und, was das Wichtigste ist, aus ihr entspringt alles Gute. Denn daß nichts Schlechtes aus ihr hervorgehe ist leicht einzusehen und wird hoffentlich aus folgender Erwägung auch wirklich erhellen. Ermangelt doch die regellose und ungeordnete, die unschöne, unrhythmische und unharmonische Bewegung, und so Alles was irgend vom Übel ist, eben schlechterdings des Zahlmaßes. Davon muß ein Jeder überzeugt sein welcher ein seliges Ende finden will, das Gerechte, das Gute, das Schöne und Alles was dahin gehört, wird also Keiner ohne Kenntnis der Zahl sich richtig vorstellen und zergliedern und so bestimmen können daß er sich selbst und Andere überzeugte.

Laßt uns denn nun in unserer Untersuchung eben dazu fortschreiten, auf welche Weise denn wir des Zahlenbegriffs inne geworden sind. Wohlan also! Woher kam es daß wir vom All mit der natürlichen Fähigkeit ausgestattet sind aus der Betrachtung desselben den Unterschied zwischen Eins und Zwei abzunehmen während dieselbe so vielen anderen lebenden Wesen von ihrem Vater nicht zu Teil ward? In unsere Natur legte der Gott zunächst eben dies Vermögen diesen Unterschied, wenn er uns gezeigt wurde, zu begreifen, und sodann zeigte er ihn uns und zeigt ihn noch fort und fort. Und welche schönere Einheit von Allem was er uns zeigte hätte da der Mensch wohl finden können als den Tag? Und nachdem dies geschehen war, mußte er in seiner Betrachtung zunächst dazu kommen die Nacht von ihm abzugliedern, weil diese ihm in dieser seiner Betrachtung als das gerade Gegenteil desselben entgegentrat.

Den Wechsel dieser beiden Zeitabschnitte verfolgt nun der Himmel viele Tage und viele Nächte hindurch in unaufhörlichem Kreislauf, und so lehrt er den Menschen unaufhörlich den Unterschied von Eins und Zwei, bis endlich auch der Ungelehrigste das Zählen genugsam erlernt hat, denn auch wie die Dreiheit und Vierheit und die ganze Vielheit sich bildet wird jeder von uns aus diesem Anblick inne werden. Weiter schuf dann der Gott in sich selber den Mond, welcher dadurch daß er bald größer und bald kleiner erscheint innerhalb fünfzehn Tagen und Nächten jeden Tag als einen veränderten erscheinen läßt und so seine Bahn durchläuft. Das ist nun ein regelmäßig wiederkehrender Umlauf und wird als solcher einem Jeden entgegentreten welcher nur alle einzelnen Tage dieses Kreislaufes zu einem einzigen Ganzen verbinden will, so daß man wohl sagen darf daß von allen lebendigen Wesen denen Gott überhaupt die Fähigkeit zu lernen verliehen hat auch das ungelehrigste dies lernen wird. So weit nun also und hierin ist jedes überhaupt dazu fähige Geschöpf des Zählens durchaus kundig geworden, in so weit es nämlich ein jedes Ding als ein besonderes Eins für sich betrachtet. [979 St.] Was aber die Auffindung des gegenseitigen Verhältnisses aller Zahlen anlangt, so glaube ich daß der Gott zwar noch um eines größeren, aber auch um dieses Zweckes willen den Mond, wie schon bemerkt, als einen zunehmenden und abnehmenden in sich einbildete und die Monate zum Jahre zusammensetzte, und so begannen alle jene Geschöpfe die gegenseitigen Verhältnisse von Zahl zu Zahl mit glücklichem Geschick zu bemerken. Dieser Einrichtung aber haben wir auch die Früchte zu danken welche die Erde in reichem Maße hervorbringt, so daß Nahrung für alle lebendigen Geschöpfe vorhanden ist, wenn nicht Sturm und Regenguß zur Unzeit oder im Übermaße eintritt. Aber wenn auch dieser Ordnung entgegen schlimmer Mißwachs vorkommt, so darf man doch die Schuld nicht der Gottheit, sondern nur den Menschen beimessen, die ihren Lebensunterhalt nicht nach der Gerechtigkeit einander mitteilen.

Wir fanden nun in unserer bisherigen Forschung über die Gesetze daß es ziemlich leicht sei alles andere den Menschen Ersprießliche zu erkennen, und daß Jedermann geschickt dazu sei Alles was wir als dazu gehörig angeführt haben zu begreifen und, sobald er nur eingesehen hat ob ihm Etwas von augenscheinlichem Nutzen sei oder nicht, dasselbe auszuführen. Es schienen uns und scheinen uns noch alle anderen Bestrebungen dieser Art nicht sehr schwierig, wohl aber sei die Art und Weise wie man ein tugendhafter Mensch werde ein gar schweres Ding. Und gleichermaßen von allen anderen Gütern geht mit Recht die Rede der Leute, es sei nicht bloß möglich sie zu erwerben, sondern auch nicht schwer. Jedermann weiß entbehrliche und unentbehrliche Habe zu unterscheiden, Jedermann weiß was zum Wohle des Körpers erforderlich ist und was nicht. Dagegen daß die Seele der Tugend bedürfe, auch das zwar geben Alle einander zu, und fragt man, auf welche Weise sie tugendhaft werden müsse, so räumt auch das noch Jedermann ein daß sie dazu der Gerechtigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit, und auch wohl das noch daß sie dazu der Weisheit bedürfe, aber was für eine Weisheit dies sein müsse, darüber ist, wie wir vorhin gesehen haben, nicht mehr Jeder aus der großen Menge mit dem Andern einverstanden. Nun haben wir aber überdies neben allen anderen vorher angegebenen Weisheiten noch eine neue ausfindig gemacht, die erst recht eigentlich ihren Zweck erfüllt und Dem welcher sie sich angeeignet hat erst recht eigentlich die Geltung eines Weisen verschafft, wie wir dies ja so eben gesagt haben. Ob derjenige welcher diese Erkenntnis besitzt dadurch wirklich zu einem weisen und tugendhaften Manne wird, darüber müssen wir uns jetzt noch näher verständigen.

KLEINIAS: Freund, wie sehr hattest du Recht wenn du sagtest daß du Wichtiges über wichtige Dinge vorzutragen unternähmest.

DER ATHENER: Allerdings ist die Sache von großer Wichtigkeit, Kleinias, aber das Schwierige ist zu zeigen daß sie durchaus und in jedem Betracht auch wahr ist.

KLEINIAS: Ohne Zweifel, Freund, gleichwohl aber werde nicht müde uns deine Gedanken über sie vorzutragen.

DER ATHENER: Nein, aber werdet auch ihr es nicht sie anzuhören.

KLEINIAS: Gewiß nicht, das verspreche ich dir in unser beider Namen.

[980 St.]  DER ATHENER: Brav! Um die Sache denn von Grund aus anzufangen, müssen wir notwendig, wie es scheint, uns zuerst vor Allem darüber aussprechen, worin denn Das besteht was wir für Weisheit ansehen, wenn anders wir überhaupt im Stande sind es unter einen einzigen Begriff zu fassen, und wenn wir dazu schlechterdings unvermögend sind, so liegt uns wenigstens das Zweite ob, zu bestimmen, welche und wie viele Wissenschaften es denn sind die Jemand sich aneignen muß um nach unserer Ansicht den Namen eines Weisen zu verdienen.

KLEINIAS: So sprich denn.

DER ATHENER: Nächstdem wird der Gesetzgeber vor allem Tadel sicher sein wenn er eine schönere und würdigere Ansicht von den Göttern als alle früher geäußerten sich bildet und ausspricht und so sein ganzes Leben hindurch die Götter mit den schönsten Gaben heiterer Kunst verehrt, indem er ihnen die frohen Empfindungen seines Herzens in Lobgesängen ausdrückt.

KLEINIAS: Schön gesagt, Freund! Ja, mögest du damit das Werk deiner Gesetzgebung krönen daß du im heitern Spiele der Musen den Göttern dienst, und so dein Leben in höherer Reinheit zu durchleben und das beste und schönste Ende desselben zu erreichen!

DER ATHENER: Was wäre also zu diesem Zwecke zu tun, Kleinias? Dünkt es dich würdig daß, indem wir den Göttern unsere tiefste Ehrerbietung in Lobgesängen darbringen, wir in denselben zugleich sie anflehen daß sie uns das Schönste und Beste über sie zu sagen in den Sinn legen? Gefällt dir mein Vorschlag oder weißt du etwas Besseres?

KLEINIAS: Nein, er gefällt mir ganz wunderherrlich. Drum also, du trefflicher Mann, bete denn zu ihnen und trage dann vertrauensvoll Dasjenige vor was dir Schönes über die Götter und Göttinnen zu sagen in den Sinn kommt.

DER ATHENER: Das soll unter des Gottes gnädiger Führung geschehen, bete nur auch du mit mir.

KLEINIAS: Und nun sprich denn.

DER ATHENER: Da liegt mir denn zunächst, wie ich glaube, die Pflicht ob von dem Ursprunge der Götter und der lebenden Wesen statt der unwürdigen Darstellung der Früheren eine bessere unsern zuvor entwickelten Grundsätzen gemäß zu geben. Und dabei will ich wieder auf Das zurückgehen was ich den Lehren der Gottlosen entgegengesetzt habe, indem ich nachwies daß die Götter allen Dingen, kleinen und großen, ihre Fürsorge angedeihen lassen und daß sie unerbittlich seien in allen Dingen welche sich auf Recht und Unrecht beziehen. Ihr werdet euch dessen noch erinnern, Kleinias, denn ihr nahmt ja sogar schriftliche Aufzeichnungen davon. Auch war diese meine Auseinandersetzung vollkommen begründet. Der Hauptsatz derselben war nun der daß Alles was Seele ursprünglicher sei als Alles was Körper heißt, nicht wahr, ihr erinnert euch dessen noch? Und gewiß auch das Folgende habt ihr noch ganz im Gedächtnis. Was besser, ursprünglicher und gottähnlicher ist wird natürlicherweise vornehmer sein als Alles was schlechter, von mehr abgeleiteter Art und von geringerem Werte ist, ebenso gut wie man umgekehrt sagen muß daß das Herrschende und Leitende auch ursprünglicher ist als das Beherrschte und Geleitete. Halten wir also daran fest daß hiernach die Seele ursprünglicher ist als der Körper, und ist dies richtig, [981 St.] so wird es sicher von Demjenigen was von jenem Urgrunde alles Werdens noch selbst wieder den Urgrund bildet glaublich werden daß es ursprünglicher als alle Dinge ist, und so dürfen wir denn weiter annehmen daß dieser Urgrund des Urgrunds auch vorzüglicher als sie alle ist, und daß wir in voller Wahrheit den Pfad der höchsten Weisheit betreten wenn wir zu der Lehre vom Ursprunge der Götter fortschreiten.

KLEINIAS: Gut, daran wollen wir mit allen Kräften festhalten.

DER ATHENER: Wohlan denn, werden wir nicht behaupten daß am Naturgemäßesten und Richtigsten der Name eines lebenden Wesens da angewandt werde wo aus dem Zusammentreten von Seele und Körper eine einzige gemeinsame Bildung entsteht?

KLEINIAS: Allerdings.

DER ATHENER: Ein lebendes Wesen heißt also mit allem Recht ein solches Gebilde?

KLEINIAS: Ja.

DER ATHENER: Feste Körper nun sind aller Wahrscheinlichkeit nach fünf anzunehmen, die den trefflichsten und schönsten Bildungen zu Grunde liegen, von allem Unkörperlichen dagegen gibt es nur Eine Art. Denn was auch immer schlechthin körperlos und farblos entstehen mag, Alles gehört zu der in Wahrheit göttlichsten Gattung der Dinge, zu der der Seele. Und dieser allein kommt es zu zu bilden und zu schaffen, Allem dagegen was wir körperlich nennen, gebildet und geschaffen zu werden und sichtbar zu erscheinen, während Alles was Seele heißt, wir können das nicht oft genug sagen, unsichtbar und nur vermöge des Denkens zu erfassen, so wie selber mit Denkkraft ausgerüstet, indem es der Erinnerung und des Vermögens alle wechselnden Verhältnisse der geraden und ungeraden Zahlen zu berechnen teilhaftig ist. Jene fünf Grundkörper nun sind Feuer, Wasser, Luft, Erde und Äther, und jeder derselben hat sein Bereich in deren jedem lebendige Wesen von großer Zahl und Mannigfaltigkeit sich bilden, und man muß daher die Gattungen jedes dieser Bereiche abgesondert für sich betrachten. Fassen wir daher zunächst die lebendigen Wesen der Erde, Menschen und Tiere mit und ohne Füße, und neben diesen willkürlicher Bewegung fähigen Geschöpfen auch die fest an ihrem Orte angewurzelten als Eine Gattung zusammen. Alle diese Arten von Wesen bilden nämlich in sofern eine Einheit als man anzunehmen hat daß sie zwar alle aus allen Grundkörpern in verschiedener Weise, aber doch zum größten Teile aus Erde zusammengesetzt und daher von fester Beschaffenheit sind. Als eine zweite Gattung belebter Wesen werden wir sodann die Gestirne anzusehen haben, da auch diese mit ihrer Entstehung zugleich sichtbar geworden sind. Denn sie bestehen zumeist aus Feuer, enthalten aber auch Erde und Luft und kleine Bestandteile von den beiden anderen Grundkörpern in sich, und wir müssen daher behaupten daß aus der verschiedenen Mischung dieser Bestandteile verschiedenartige Wesen von dieser Gattung hervorgehen, alle aber sichtbar. Alle diese Arten himmlischer Wesen muß man also wiederum als eine einzige Gattung zusammenfassen und als ein göttliches Geschlecht bezeichnen, welchem der schönste Körper und die edelste und glücklichste Seele zu Teil geworden ist. Was aber ihr Schicksal anlangt, so kann man nur zwischen zweierlei Annahmen wählen, nämlich der daß jedes von ihnen schlechthin unsterblich und unvergänglich und in jedem Betracht von ganz göttlicher Natur ist, [982 St.] oder der daß sie wenigstens ein sehr langes Leben führen, so daß keinem von ihnen dies nicht genügte, sondern irgend eines noch eines längeren bedürftig wäre.

Wir wollen uns nun zunächst von beiden Gattungen lebender Wesen einen näheren Begriff machen. Wiederholen wir es also: beide sind sichtbar, die eine aber besteht dem äußern Anscheine nach ganz aus Feuer, die andere aus Erde, und diese bewegt sich ohne Regel und Ordnung, jene aber hält eine vollkommene Ordnung in allen Stücken inne. Was sich nun aber ohne Regel und Ordnung bewegt, das müssen wir für unweise halten, und so handeln ja insgemein auch die lebendigen Geschöpfe auf unserer Erde; was aber geordnet am Himmel seine Bahnen durchläuft, das legt eben damit einen starken Beweis seiner Weisheit ab, denn wie sollte es einen stärkeren dafür liefern als dadurch daß es stets derselben Regel und Ordnung in allen seinen Bewegungen und allem seinem Tun und Leiden folgt? Denn die Notwendigkeit welche in einer weisen und vernünftigen Seele herrscht ist bei Weitem die stärkste von allen Notwendigkeiten, denn eine solche Seele beherrscht sich selbst nach ihrem eigenen Gesetz, ohne von etwas Anderem beherrscht zu werden, und wenn eine Seele nach dem Rate vollendeter Einsicht das Beste beschlossen hat, dann bleibt auch ihr Wille dieser Einsicht gemäß in Wahrheit vollkommen unabänderlich, und selbst der Stahl kann nicht fester und unwandelbarer sein, vielmehr wachen die drei Schicksalsgöttinnen darüber und halten darauf daß unabänderlich vollendet werde was jeder der Götter nach seinem besten Ratschlusse beschlossen hat. Den Menschen sollte daher zum Beweise dafür daß dieser ganze Zug der Gestirne Vernunft besitze der Umstand dienen daß sie bereits unermeßliche Zeiten hindurch unaufhörlich das ausführen was sie von Anbeginn beschlossen haben, und nicht in ihren Beschlüssen hin und her wanken und daher bald Dies bald Jenes ausführen, noch in ihrem Laufe schwanken und ihre Bahn verlassen. Und doch zogen die meisten von uns Menschen gerade daraus daß die Sterne immer Dasselbe und auf dieselbe Weise tun den entgegengesetzten Schluß, daß sie unbeseelt sein müßten, und von den Unverständigen, die zuerst so urteilten, ließ sich auch die große Menge zu der Meinung verleiten daß das Menschengeschlecht belebt und vernünftig sei, weil es willkürliche Bewegungen besitze, jene Götter aber nicht, weil sie stets in denselben Bahnen verharren, während doch jeder Mensch, wenn er richtiger und besser und mit liebevollem Sinne urteilen will, einsehen muß daß ein Wesen welches beständig in allen seinen Handlungen derselben Regel und Ordnung und denselben Gründen folgt doch gerade deshalb für weise zu gelten habe, und daß dies eben die Natur der Gestirne sei, welche nicht bloß den herrlichsten Anblick gewähren sondern auch den herrlichsten und erhabensten aller Märsche und Reigentänze ausführen und durch ihn den lebenden Wesen alles Nötige gewähren. Und ferner mit welchem Rechte wir sie als beseelt ansehen wird auch erhellen wenn wir ihre Größe in Erwägung ziehen, [983 St.] denn so klein wie sie dem Auge erscheinen sind sie nicht in Wirklichkeit, sondern jedes von ihnen hat vielmehr einen erstaunlichen Umfang, daran ist kein Zweifel, sondern es lassen sich dafür hinlängliche Beweise führen, so daß wir, wenn wir das Richtige denken wollen, annehmen müssen daß die ganze Sonne größer als die ganze Erde ist und daß überhaupt die Größe aller jener am Himmel daherwandernden Sterne unsere Vorstellung weit übersteigt. Und fragen wir nun, auf welche Weise wohl irgend eine Naturkraft eine so große Masse immer in der gleichen Zeit, wie sie ja noch heutzutage so bewegt werden, im Kreise herumbewegen kann, so behaupte ich daß nur ein Gott dies vermöge und daß es auf keine andere Weise je möglich sei. Denn kein Körper kann auf andere Weise beseelt werden als durch einen Gott, wie wir bereits dargetan haben, kann ein Gott aber überhaupt einen Körper beseelen, so muß es für ihn auch etwas durchaus Leichtes gewesen sein einen jeden Körper von noch so großer Masse zu einem belebten Wesen zu machen und sodann dasselbe in der Weise sich bewegen zu lassen wie er sie sich als die beste ausgedacht. Und so mögen wir denn nun über alle diese Weltkörper einen untrüglichen Satz aufstellen: es ist unmöglich daß Himmel und Erde, daß die Sterne und ihre Massen alle insgesamt ihren Umlauf so genau nach Jahren, Monaten und Tagen zurücklegen und daß Alles was die Folge davon ist für uns Alle ohne Ausnahme so sehr zum Guten sich gestalten könnte wenn nicht bei jedem dieser Körper oder auch in ihm eine Seele wäre.

Je geringer der Mensch ist, um so mehr sollte er sich vor albernem Geschwätz hüten, vielmehr sich einleuchtender Reden befleißigen. Wer aber gewisse Schwungkräfte, gewisse natürliche Eigenschaften der Körper oder etwas Ähnliches für die wirkenden Ursachen dieser Kreisläufe ausgibt sagt damit Nichts was klar und einleuchtend wäre. Vielmehr müssen wir das von uns Behauptete noch einmal und mit allem Nachdruck wiederholen, ob diese unsere Sätze Grund haben oder gänzlich aus der Luft gegriffen sind, daß nämlich alle Dinge in zwei Klassen zerfallen, Seelen- und Körperwesen, daß es von beiden vielerlei Arten gebe, daß beide Klassen von einander und jede Art von ihnen von der andern wesentlich verschieden seien, und daß es durchaus kein Drittes gebe was zweien von ihnen gemeinsam wäre, der Hauptunterschied jedoch sei der dieser beiden Klassen selbst. Denn die Seele sei als vernünftig, der Körper aber als vernunftlos, jene als beherrschend, diese als beherrscht, jene als Ursache von Allem, dieser als unfähig zu irgend welcher Einwirkung zu bezeichnen. Darnach ist denn die Behauptung daß die Bewegungen des Himmels von einer andern Ursache herzuleiten seien als von der Seele offenbare Torheit und großer Unverstand. Wenn aber sonach vielmehr die unsere in einer so wichtigen Sache über alle anderen Behauptungen den Sieg davon tragen und es für zuverlässig erachtet werden muß daß alle diese Bewegungen ein Werk von Göttern sind, so muß Eins von Beidem festgesetzt werden: entweder daß wir die Gestirne selbst als Götter mit allem Rechte zu preisen, [984 St.] oder daß wir sie wenigstens als Götterbilder gleich den Statuen anzusehen haben, und zwar als solche die von den Göttern selbst gemacht sind. Eins von Beidem, wie gesagt, müssen wir annehmen, denn auch wenn wir uns dafür entscheiden wollten daß sie bloße Bilder sind, so dürfen wir sie doch nicht als Werke von unverständigen und wenig bedeutenden Künstlern ansehen, sondern müssen sie weit vor allen andern Götterbildern verehren, denn nie wird man schönere noch so sehr allen Menschen gemeinsame oder an so erhabenen Orten aufgestellte und ein so vollkommenes Leben, solche Reinheit und solche Würde an den Tag legende Götterbilder erblicken als wie es auf diese Weise in jedem Betracht zu Stande gebracht ist.

Laßt uns also über die Götter folgende Lehre vortragen. Wir haben bisher zwei Gattungen sichtbarer belebter Wesen in Betracht gezogen, von denen wir die eine für unsterblich, die andere, irdische, aber für sterblich erklärt haben. Nun müssen wir aber auch versuchen die drei noch übrigen Gattungen zu bestimmen, welche unter allen fünf, wie wir aller Wahrscheinlichkeit nach anzunehmen haben, die mittleren bilden. Den Rang zunächst nach dem Feuer müssen wir nun dem Äther zuerteilen und annehmen daß auch vorwiegend aus ihm die Seele lebendige Wesen, von seiner Art bildet, gerade wie aus den anderen Grundkörpern, wozu sie denn wiederum geringere Teile von den übrigen Elementen, und zwar nur so viele als zur Verbindung notwendig waren, hinzufügte. Wir müssen dann ferner annehmen daß sie nächst dem Äther ebenso aus der Luft eine andere Gattung solcher Wesen und eine dritte aus dem Wasser bilde. Und so muß es uns als wahrscheinlich bedünken daß sie, indem sie dies Alles schuf, das ganze Weltall mit lebenden Wesen erfüllte, indem sie alle Elemente in allen möglichen Arten der Zusammensetzung dazu verwandte, und jedem derselben Leben einhauchte, und zwar so daß sie dabei mit der Erzeugung der sichtbaren Götter den Anfang machte, dann zur Bildung der zweiten, dritten und vierten Gattung schritt, und endlich den Abschluß mit der fünften und unter ihr mit uns Menschen machte.

Dem Zeus nun, der Hera und allen anderen Götter dieser Art mag ein Jeder die Stelle einräumen welche er will, nur halte er dabei an diesem Gesetz und an diesen Grundsätzen fest. Unter den sichtbaren Göttern, den größten, verehrungswürdigsten und mit dem schärfsten Blicke welcher überall hindringt ausgestatteten, aber stelle man obenan die Gestirne und Alles was als mit ihnen erzeugt in die Sinne fällt. Der nächste Rang nach und unter den Göttern kommt sodann den Dämonen zu, dem Äther- und Luftgeschlecht, welches eine dritte, und zwar mittlere Stelle einnimmt, den Göttern als Dolmetsch dient und von uns mit Gebeten fleißig zu ehren ist, damit diese Wesen uns geneigte Vermittler bei den Göttern seien. Es gibt zwei Dämonengeschlechter, eins von ätherischer und ein zweites, niedrigeres von luftiger Art. Keins von beiden aber ist uns vollständig sichtbar, und wir werden einen Dämon nicht gewahr wenn er sich auch ganz nahe bei uns befindet, aber wir müssen ihnen dennoch eine staunenswerte Einsicht zuschreiben und [985 St.] sie als ein scharfsinniges und gedächtnisstarkes Geschlecht bezeichnen, welches alle unsere Gedanken kennt und uns, wenn wir edel und tugendhaft sind, auf das Lebhafteste liebt und, wenn wir nichtswürdig sind, auf das Heftigste haßt. Denn dies Geschlecht ist bereits dem Schmerz und der Betrübnis unterworfen und nur die Götter, denen das höchste Maß göttlicher Vollkommenheit zu Teil geworden ist, sind erhaben über Lust und Schmerz und leben nur ein Leben reiner Vernünftigkeit und Weisheit. Und da nun das ganze Weltall mit lebenden Wesen erfüllt ist, so können nicht bloß Alle einander alle ihre Gedanken mitteilen, sondern dieselben auch zu den höchsten Göttern gelangen lassen weil diese leichtbeschwingten Wesen von ihrem Wohnsitz in der Mitte der Welt aus eben so wohl zur Erde sich hinablassen als zu allen Regionen des Himmels sich emporzuheben im Stande sind. Das fünfte Geschlecht lebendiger Wesen gehört dem Wasser an und ist aus ihm geboren, und dies ist als ein Geschlecht von Halbgöttern anzusehen, welche bald sichtbar erscheinen bald sich unseren Blicken verbergen und wegen dieser ihrer nebelhaften Erscheinung unser Staunen erregen.

Von allen diesen Arten wahrhaft wesenhafter lebendiger Wesen, auf welche Weise immer manche Leute mit ihnen in Berührung traten, sei es während des Schlafes im Traume oder sei es daß sie weissagende Stimmen von ihnen in gesundem oder krankem Zustande oder endlich im Augenblicke des Todes vernahmen, ich sage, was für eigentümliche Vorstellungen von ihnen haben sich aber hieraus dann vielfach bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern gebildet! Aus solchen Vorstellungen sind dann bereits bei vielen von ihnen vielfache Götterdienste entsprungen und werden noch in Folge aus ihnen zu entspringen suchen. Da wird nun aber ein Gesetzgeber, wenn er irgend bei Sinnen ist, sich wohl davor hüten solche Neuerungen zuzulassen und seinen Staat einer neuen Form der Götterverehrung zuzuwenden welche nichts Zuverlässiges hat, andernteils aber freilich auch die Opfer nicht untersagen welche durch die Sitte der Vorfahren geheiligt sind, da er in solchen Dingen gar nichts Sicheres weiß, so fern ja eine wirkliche Erkenntnis in ihnen weit über die menschliche Natur hinausliegt. Auf der andern Seite folgt aus dem bisher Gesagten aber doch wohl auch eben so gut daß es nichtswürdig sein würde wenn er es nicht wagen wollte vor dem Volke diejenigen Götter welche in Wahrheit uns sichtbar sind zu bekennen, und demselben klar zu machen daß auch diese Götter sind und daß ihnen dennoch die geziemenden Ehren nicht erwiesen und die gebührenden Opfer nicht gebracht werden. Nun tritt aber hier zugleich noch der Fall ein, wie wenn einer von uns Sonne oder Mond entstehen und auf uns Alle herabblicken gesehen hätte und nun nicht bloß sprachlos vor Erstaunen Anderen nichts davon sagte, sondern gleichermaßen auch diese Wesen, die der gebührenden Ehren noch entbehrten, sich nicht bemühete wenigstens für sein Teil zu Jedermanns Kenntnis auf den ihnen geziemenden Rang zu erheben und dahin zu wirken daß ihnen Opfer und Feste veranstaltet würden, und nicht dahin strebte jedem von diesen beiden Gestirnen seine abgesonderte Zeit je nach der größeren Länge welche das Jahr des einen und der geringeren welche das des anderen hat, [986 St.] zuzuteilen. Würde es euch nicht recht dünken, wenn ein solcher Mensch sich selber für nichtswürdig erklären und von Anderen die sein Tun und Treiben bemerkten dafür erklärt werden müßte?

KLEINIAS: In der Tat, Freund, das wäre sehr nichtswürdig.

DER ATHENER: Nun, so wisse denn, lieber Kleinias, daß gerade ich mich jetzt in diesem Fall offenbar befinde.

KLEINIAS: Wie meinst du das?

DER ATHENER: Wisset daß es im ganzen Weltenraum acht miteinander verschwisterte Sphären der Bewegung gibt, wie ich beobachtet habe. Und ich habe damit nichts Großes vollbracht, denn leicht kann dies auch ein Anderer. Von diesen sind drei die der Sonne, des Mondes und der wandellosen Sterne, deren ich kurz zuvor gedachte, und zu diesen kommen dann noch fünf andere. Von allen diesen Sphären und von den Göttern welche sich in ihnen bewegen, sei es nun daß sie selber die Gestirne sind welche am Himmel einherwandern, sei es daß dies nur die Fahrzeuge sind in denen sie einherfahren, bilde ja Niemand unter uns Allen eitlerweise sich ein daß nur einige von ihnen Götter sind und die anderen nicht, oder daß nur die einen von echter Geburt sind, die andern aber Etwas was wir ohne Frevel nicht einmal aussprechen dürfen. Vielmehr wollen wir Alle von ihnen allen uns stets dahin aussprechen und äußern daß sie Brüder seien und als solche zu gleichen Teilen gehen, und wollen allen gleiche Ehre erweisen und nicht dem einen das Jahr, dem andern den Monat, noch andern aber gar keinen Anteil an der Messung der Zeit und gar keinen Zeitraum zuschreiben binnen dessen er seinen Kreislauf durchmacht und so diese sichtbare Weltordnung vollenden hilft, welche die höchste göttliche Vernunft ersonnen hat. Über diese Ordnung geriet zuerst der Mensch von höherem Geist in Verwunderung. Dann aber ward er begierig so viel von ihr genauer kennen zu lernen als es die menschliche Natur vermag, überzeugt daß diese Erkenntnis ihn zum edelsten und glückseligsten Leben und nach dem Tode in die der Tugend bestimmten Orte führen werde. Und nachdem so er allein der allein wahren Weisheit und der allein echten Weihen teilhaftig geworden, bringt er sein ganzes übriges Leben mit der Betrachtung des Schönsten hin was sich nur dem betrachtenden Auge darbietet. Nun bleibt mir hiernächst noch genauer anzugeben, wie viel und welches diese Götter sind, und ich fürchte nicht jemals dabei als Lügner befunden zu werden, dessen kann ich euch fest versichern. Ich wiederhole also daß ihrer acht sind, und drei von diesen acht habe ich bereits genannt, und es bleiben mit daher noch fünf zu nennen übrig. Der Marsch und Umlauf des vierten und fünften ist an Schnelligkeit dem der Sonne gleich und weder langsamer noch geschwinder, so daß die vernünftigen Kräfte welche alle diese drei Gestirne leiten ganz gleichartig sich verhalten. Diese drei nun sind die Sonne, der Morgenstern und ein dritter Planet, dessen Name sich nicht angeben läßt, weil man einen solchen nicht für ihn hat, wovon das die Ursache ist daß Der welcher ihn zuerst beobachtete kein Grieche war. Denn alte Gegenden, [987 St.] in denen man wegen der schönen Klarheit der Sommerzeit und an einem wolken- und regenlosen Himmel alle Gestirne stets, so zu sagen, unverschleiert erblickte, Gegenden wie Syrien und Ägypten nährten diejenigen Menschen welche zuerst den Himmel beobachteten. Von dort aus hat sich dann Das was sie Jahrtausende, was sie eine unendliche Zeit hindurch durch wiederholte Beobachtung erprobt haben, unter alle Völker und so auch zu uns verbreitet, und deshalb dürfen wir dasselbe auch getrost in unsere Gesetze aufnehmen, denn daß das Göttliche nicht verehrungswürdig oder daß diese Wesen keine Gottheiten seien, das wäre offenbar eine ganz unsinnige Behauptung, daß sie aber keinen Namen erhielten erklärt sich aus dem angeführten Grunde, auch haben sie dafür Bezeichnungen erhalten durch welche sie gewissen Göttern als deren Eigentum beigelegt werden. Denn der Morgenstern, welcher derselbe mit dem Abendstern ist, heißt der Stern der Aphrodite (Venus), und diese Bezeichnung hat ihren guten Grund und war auch des syrischen Gesetzgebers würdig, derjenige Stern ferner welcher mit ihm wie mit der Sonne die gleiche Umlaufzeit hat heißt gewöhnlich der des Hermes (Merkur). Außer ihnen gibt es sodann noch drei, welche gleich dem Monde und der Sonne nach der Rechten zu ihre Bahn durchwandern. Dazu kommt dann noch die achte Sphäre als eine ganz besondere, die man füglich das Oben der Welt nennen könnte, welche in entgegengesetzter Richtung als alle jene sieben ihre Bahn durchläuft, aber alle anderen beherrscht und mit sich fortzieht, wie es wenigstens uns Menschen scheinen muß, die wir nur wenig von diesen Dingen verstehen. Was wir aber sicher wissen, das sind wir zu sagen verpflichtet und wollen es auch sagen, denn dadurch dringt die wahre Weisheit auch zu Denen welche noch sehr wenig von der richtigen und göttlichen Einsicht erlangt haben. Es bleiben also jetzt nur noch jene drei Planeten aufzuführen, von denen einer der bei Weitem langsamste ist und gemeiniglich als Stern des Kronos (Saturn) bezeichnet wird, den zunächst langsamsten hat man den des Zeus (Jupiter) und den dritten als den des Ares (Mars) zu nennen, und dieser letzte hat die rötlichste Farbe von allen. Nichts von dem Allem ist für irgend Jemanden schwer zu begreifen, wenn man es ihm auseinandersetzt, und wer es begriffen hat wird darüber keine andere Meinung als die von uns ausgesprochene hegen können.

Jeder hellenische Mann aber hat alle Ursache zu erwägen daß er an seiner Heimat ein Land besitzt welches vor allen anderen geeignet ist tüchtige Männer zu bilden. Denn ihm gebührt das Lob eines Klimas welches die glücklichste Mitte zwischen allzu großer Kälte und allzu großer Hitze hält, wenn schon der Umstand daß die schöne Klarheit des Sommers bei uns hinter der in jenen vorerwähnten Gegenden zurücksteht, wie gesagt, Schuld daran ist daß die Kunde jener Sternengötter erst später zu uns drang, denn darüber können wir uns damit trösten daß die Griechen Alles was sie von fremden Völkern empfingen zu größerer Schönheit und Vollendung erhoben haben. Ist es nämlich auch in diesem Falle schwer Alles was hieher gehört so ausfindig zu machen daß es über allen Zweifel erhaben ist, so müssen wir doch auch hier denken daß die beste und stärkste Hoffnung vorhanden ist daß die Griechen vermittelst ihrer Erziehung, [988 St.] der delphischen Göttersprüche und ihres ganzen gesetzlich geordneten Religionswesens alle diese Götter schöner und wahrhaft würdiger verehren werden als deren Dienst ihnen von den fremden Völkern überliefert wurde. Es soll sich aber auch kein Hellene durch den Gedanken schrecken lassen daß es ein Frevel für Sterbliche sei über göttliche Dinge nachzuforschen; vielmehr müssen wir gerade im Gegenteil denken daß die Gottheit nicht unverständig und nicht unbekannt mit Dem sei was die menschliche Natur vermöge, sondern wohl wisse daß wir ihren Lehren zu folgen und Das wovon sie uns unterrichtet, zu lernen im Stande sind. Sie muß es also doch wohl wissen daß sie wirklich uns eben dies lehrt und daß wir es lernen, nämlich die Zahl und das Zählen, denn sie wäre ja das unwissendste aller Wesen wenn sie dies nicht wüßte, sie würde ja dann, wie man wohl zu sagen pflegt, in Wahrheit sich selber nicht kennen, wenn sie Dem der ihren Unterricht zu fassen vermag zürnen und nicht vielmehr neidlos ihre teilnehmende Freude über Den empfinden wollte welcher durch ihre Leitung weise und tugendhaft ward. Das freilich läßt sich recht leicht und wohl begreifen daß in der ersten Zeit, als die Menschen über die Götter ihre Entstehung und ihre Eigenschaften und den Grund und die Beschaffenheit ihrer Handlungen nachzudenken begannen, sie dabei zu Ergebnissen gelangten, die kein verständiger nach seinem Sinne finden noch sich mit ihnen befreunden kann, und daß ein Gleiches auch noch von Dem gilt, was sodann zunächst gelehrt wurde, daß nämlich Feuer und Wasser und alle andern Körper das Ursprünglichste und das wunderbare Gebilde der Seele das Abgeleitete, und daß diejenige Bewegung welche dem Körper eigentümlich ist die edlere und höhere sei, und daß dieser sich selbst durch Kälte und Wärme und alle ähnlichen Eigenschaften, nicht aber daß die Seele sich selbst und dadurch auch ihn in Bewegung setze. Jetzt aber hat es nichts Auffälliges mehr wenn wir behaupten daß die Seele, wofern sie sich in einem Leibe befindet, mit sich selber zugleich auch diesen bewege und herumführe, und unsere Seele zweifelt nicht mehr hieran etwa aus dem Grunde als hätte sie nicht die Kraft eine Last fortzubewegen, und wenn wir daher ferner lehren, da die Seele die wirkende Ursache von Allem sei, und da doch von allem Guten die Ursache eine gute und ebenso andererseits von allem Bösen und Schlechten die Ursache gleichfalls eine böse und schlechte sein werde, daß in einer Seele zwar die Ursache jedes Triebes und jeder Bewegung zu suchen sei, aber von dem Triebe und der Bewegung zum Guten in einer gleichgearteten Seele von der höchsten Vollkommenheit und von denen zum Entgegengesetzten in einer von entgegengesetzter Art, so muß notwendig angenommen werden daß das Gute noch stets zum Sieg über das Gegenteil gelangt ist und noch fort und fort gelangen wird.

Alle diese Sätze sprechen wir kühn im Angesichte des Rechtes aus, welches alle Gottlosigkeit rächt. Was nun aber den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung anlangt, so können wir unmöglich ein Bedenken tragen den Tugendhaften auch für weise zu erklären. [989 St.] Laßt uns nun aber zusehen ob wir diese nun schon so lange von uns aufgesuchte Weisheit auf dem Wege irgend einer Kunst oder Wissenschaft finden werden, ohne deren Bekanntschaft wir dessen was Recht und Unrecht ist unkundig sein würden. Ich glaube dies nun in der Tat und will euch meine Gedanken darüber mitteilen. Ich habe über die Sache von allen Seiten nachgedacht und will euch daher klar zu machen suchen worin ich in Folge dessen die Weisheit deutlich gefunden zu haben glaube. Daß nämlich die größte aller Tugenden bei uns nicht auf die rechte Weise geübt wird ist Schuld daran daß wir der Weisheit ermangeln, wie mir dies aus allem bisher Entwickelten sich von selbst zu zeigen scheint. Denn daß es eine größere Tugend für das Menschengeschlecht gebe als die Frömmigkeit wird Niemand uns einreden wollen, und daß diese in Folge der gröbsten Unwissenheit auch den allervortrefflichsten Naturen bisher gemangelt hat will ich euch dartun. Die vortrefflichsten Naturen sind diejenigen welche am Seltensten zum Vorschein kommen, aber, wenn sie einmal zum Vorschein kommen, auch die allerheilsamsten Einwirkungen ausüben. Zu dieser Vortrefflichkeit gehört nämlich eine richtige und wohlgeordnete Mischung des Gesetzten und des Feurigen in einer Seele, in Folge deren sie eine ruhige Festigkeit annimmt, eben so sehr zur Tapferkeit rege als zur Besonnenheit lenksam und, was das Wichtigste ist, im Besitze solcher Naturgaben lernfähig und gedächtnisstark und in Folge dessen auch dieser Eigenschaften gar froh und lernbegierig wird. Solche Gemüter entwickeln sich nun allerdings nicht leicht, wo sie aber aus den Händen der Natur hervorgehen und die erforderliche Erziehung und Bildung empfangen, da sind sie auch im Stande die große Masse der schlechteren Bürger aufs Beste im Zaume zu halten, indem sie ihnen ein Muster geben wie man über die Götter denken und reden und ihnen gegenüber handeln und die richtige Zeit dabei beachten muß, und welche Pflichten man in Bezug auf Opfer und Reinigung gegen Götter und Menschen zu beobachten hat, und dabei nicht bloß eine erkünstelte Frömmigkeit, sondern eine wahre Verehrung der Tugend an den Tag legen, was denn auch von Allem für den ganzen Staat das Wichtigste ist. Dieser Teil der Menschen, behaupten wir also, besitze von Natur die besten Anlagen und sei so befähigt als nur möglich dazu das Schönste und Beste zu lernen, wenn man es sie nur lehrt, nur daß auch der Lehrer nicht anders etwas ausrichten wird als wenn die Gottheit ihn dabei leitet, und daß daher, wenn er sie zwar unterrichtete, es aber nicht auf die richtige Art täte, es besser für sie wäre, sie empfingen gar keinen Unterricht. Im Übrigen aber ist es nach allem bisher Erörterten notwendig daß solche am Besten geartete Naturen das Erforderliche lernen und ich daher angebe was dies Erforderliche ist. Ich will mich daher darzulegen bestreben, was und von welcher Beschaffenheit es ist und auf welche Weise man es lernen muß, nach meiner Fähigkeit es auszudrücken und nach dem Vermögen meiner Zuhörer es aufzufassen, auf welche Weise eine Unterweisung zur Gottesfurcht möglich ist. [990 St.] Es wird nun freilich sich seltsam anhören und Jedem der die Sache nicht kennt unerwartet kommen wenn ich den Namen der Wissenschaft nenne welche zu ihr hinführt. Es ist die Astronomie, und es weiß Der welcher sich hierüber wundert eben nur nicht daß der wahrhafte Astronom notwendig am Weisesten ist, daß dies aber nicht derjenige ist welcher in der Weise des Hesiod oder irgend eines ähnlichen Schriftstellers Astronomie treibt, indem er bloß den Aufgang und Untergang der Gestirne beobachtet, sondern derjenige welcher von allen acht Umläufen die der sieben Planeten beobachtet wie jeder immer dieselbe Bahn durchläuft, auf eine Weise daß schwerlich ein Jeder von ihr eine Anschauung sich bilden kann, sondern daß dazu eine ganz wunderbar begabte Natur gehört. Das haben wir bereits dargelegt und werden daher, wie gesagt, jetzt noch darzulegen haben wie und auf welche Weise man diese Wissenschaft erlernen müsse. Zuerst nun sei Folgendes bemerkt.

Der Mond vollendet seinen Umlauf am schnellsten, indem er als Vollmond die Höhe desselben erreicht und durch diesen seinen Umlauf den Monat zu Wege bringt. Hiernächst muß man sich mit dem Gesamtumlauf der Sonne, welche den Wechsel der Jahreszeiten hervorbringt, und der übrigen mit ihr nach derselben Richtung kreisenden Gestirne bekannt machen. Kurz, um nicht immer Dasselbe zu wiederholen, man lerne, wenn es auch nicht leicht ist, die Bahnen der vorerwähnten Planeten zu kennen, und um hiezu diejenigen Naturen welche dergleichen zu begreifen befähigt sind vorzubereiten, muß man ihnen die vielen dazu nötigen Vorkenntnisse beibringen und sie fleißig in denselben üben. Es sind dies nun aber folgende Lehrgegenstände: zunächst und vor allen die Wissenschaft der reinen oder unbenannten Zahlen oder der Lehre vom Geraden und Ungeraden im Allgemeinen nach seiner Entstehung und der Bedeutung welche es für die ganze Natur der Dinge hat. Hat der Zögling diese, die reine Arithmetik, inne, so muß sich zunächst die Wissenschaft anschließen welche man lächerlicherweise Geometrie nennt, da sie doch vielmehr als die Kunst hervorleuchtet diejenigen Zahlen die sich von Natur unähnlich sind durch Beziehung auf Flächen ähnlich zu machen, eine Kunst welche Jeder der sie zu begreifen im Stande ist nicht für eine menschliche Erfindung, sondern für ein göttliches Wunder erklären wird. Das Dritte ist dann die Kenntnis derjenigen Zahlen welche ein Produkt aus drei gleichen Faktoren bilden und sonach der Natur des Körpers ähnlich sind, und wiederum derjenigen welche in diesem Betracht sich unähnlich zeigen, eine Kenntnis welche man durch eine andere Kunst erwirbt, ähnlich jener welche Diejenigen denen sie zuerst entgegentrat, wie gesagt, Geometrie genannt haben. Wer nun in diese Wissenschaften sich Einblick erworben hat und ihre Lehren in Erwägung zieht, der wird namentlich den Umstand als göttlich und wunderbar preisen daß, wie die Bildung einer jeder Potenz, ja eines jeden Produktes stets um eine Verdopplung sich dreht, und eben so die ihres Gegenteils, [991 St.] so nach eben denselben Verhältnissen die gesamte Natur überall ihre Gattungen und Arten abformt. Das erste Produkt ist nämlich die Zahl Eins selbst, indem sie nach eben diesem Verhältnis zur Zwei fortschreitet, die Verdopplung von ihr aber bildet sodann die erste Quadratzahl, und eben so beruht auch die erste Zahl welche ins Kubische und Körperliche und damit ins Sinnlichwahrnehmbare übergeht auf der weiteren Verdopplung von dieser, indem sie von der Eins zur Acht fortschreitet; und macht man also jene erste Quadratzahl zum Mittelgliede, so ist sie um den gleichen Faktor größer als die erste Summe und kleiner als die erste Kubikzahl, und das eine von diesen beiden äußeren Gliedern übertrifft sie gerade um denselben Faktor um welchen das andere von ihr übertroffen wird. Sucht man nun in entsprechender Weise das Mittelglied zwischen 6 und 12, so kommt man auf das Anderthalbfache und auf das Vierdrittelfache, und jene Zahl, welche gerade in der Mitte zwischen den beiden genannten liegt hat den Menschen den Gebrauch des Einklangs und Gleichmaßes zuerteilt und sie an Rhythmus und Harmonie sich erfreuen gelehrt, indem sie dem seligen Reigen der Musen bestimmt ward.

In dieser Weise also muß die Bildung in allen diesen Wissenschaften stattfinden, und dann endlich muß man Behufs der Vollendung der Weisheit zur Betrachtung der Natur und Entstehungsweise der Götter, als des Schönsten und Herrlichsten unter allem Sichtbaren, schreiten, soweit Gott den Menschen die Fähigkeit zu dieser Betrachtung verliehen hat, zu welcher Niemand so leicht ohne die eben dargelegte Vorbildung zu gelangen sich rühmen wird. Außerdem aber muß man den Zögling dazu anhalten in allen Unterredungen durch Fragen wie durch Widerlegung unrichtiger Behauptungen immer das Einzelne auf das Allgemeine zurückzuführen. Denn dies ist schlechterdings für den Menschen der beste und vornehmste Prüfstein für die Wahrheit, ja mit allem Anderen, was man sonst noch für einen Prüfstein derselben ausgeben möchte, würde man sich nur eine ganz vergebliche Mühe machen, da es doch diesem Zwecke nicht dienen kann. Endlich muß er sich auch eine genaue Kenntnis der Zeit aneignen, in welcher alle Himmelskörper stets aufs Genaueste ihre Bewegungen vollenden, in Folge dessen denn der welcher dem Grundsatz Glauben schenkt daß die Seele etwas Ursprünglicheres und Göttlicheres sei als der Leib auch den Satz für durchaus zutreffend und richtig erkennen wird daß Alles von Göttern voll sei, und daß wir nie aus Vergeßlichkeit oder Sorglosigkeit von diesen höheren Wesen vernachlässigt werden. In Ansehung aller dieser Erkenntnisse aber ist wohl zu bemerken daß sie nur dann von wahrhaftem Nutzen sind wenn man sie nach allen ihren Einzelheiten von dem richtigen Gesichtspunkte aus auffaßt. Wo das nicht der Fall ist, da begnügte man sich alle Zeit besser damit Gott um Hilfe anzurufen. Dieser richtige Gesichtspunkt aber, um ihn wenigstens so weit anzudeuten, ist der folgende. Jede Figur, jede Zahlenverbindung, das ganze System der Harmonie und des Umlaufs der Gestirne muß demjenigen welcher auf die rechte Weise darüber belehrt wird als ein einziges und gemeinsames großes Ganzes erscheinen, und es wird ihm so erscheinen, wofern er, dieser Anleitung folgend, dieses Eine beständig als sein Ziel im Auge behält. [992 St.] Denn jedem aufmerksamen Beobachter wird es einleuchten daß ein natürliches Band alle diese Gegenstände umschlingt. Wer dagegen auf irgend eine andere Weise verfährt, der mag nur ja, wie gesagt, die Hilfe des Glückes anrufen.

Ohne die Kenntnis dieses Einen wird es daher nie in einem Staate einen wahrhaft glückseligen Menschen geben, sondern dies ist der richtige Gesichtspunkt, dies die richtige Erziehung, dies die erforderlichen Wissenschaften, gleichviel ob sie leicht oder schwer sind, dies der Weg den man gehen muß. Dann wird man auch sich des Frevels enthalten die Verehrung der Götter zu verabsäumen, nachdem Einem so die heilvolle Wahrheit über sie alle richtig vorgetragen und deutlich gemacht worden ist. Wer aber dies Alles auf diese Weise sich angeeignet hat, den allein nenne ich einen wahrhaft weisen Mann, und versichere euch auch zugleich in ernster Lehre und im heiteren Scherz und Spiel der Dichtung daß ein solcher, wenn er einst im Tode sein Schicksal erfüllen wird, gleich unmittelbar nach seinem Sterben nicht mehr vielerlei sinnlicher Wahrnehmungen bedürfen, sondern einartig geworden und aus der Geteiltheit des Seins zur Einheit gelangt, wahrhaft glücklich, weise und selig sein wird, mag er nun diese seine Seligkeit auf Inseln oder festem Lande genießen, und daß sie von ununterbrochener Dauer sein wird. Mag er als öffentlicher Beamter oder als Privatmann diesen Forschungen sein Leben gewidmet haben, stets werden ihm die Götter dafür die gleiche Vergeltung zu Teil werden lassen. Was ich nun gleich im Anfang sagte, das hat sich jetzt vollständig bewahrheitet, daß es nämlich für die Menschen unmöglich sei vollkommen glücklich und selig zu werden, mit Ausnahme weniger. Denn Denen die von Natur göttlicher Art sind und Anlage zur Besonnenheit und jeder anderen Tugend besitzen und außerdem alle zur wahren Glückseligkeit erforderlichen Kenntnisse sich erworben haben, welche dies sind habe ich so eben auseinandergesetzt, diesen allein ist Alles was Götter den Sterblichen gewähren können in aller Fülle zu Teil geworden und steht ihnen fort und fort also zu Gebote. Darum entscheiden wir uns teils hier untereinander dahin teils erheben wir es öffentlich zum Gesetz daß diesen allein, wenn sie an das Ziel des Greisenalters gelangt sind, die höchsten Staatswürden übertragen werden, und daß alle anderen Bürger von ihrem Vorbilde geleitet werden sollen alle Götter und Göttinnen zu ehren, und wir haben demgemäß die Mitglieder der nächtlichen Versammlung, nachdem wir sie selber nach dem Maßstabe dieser Weisheit geprüft haben, zu berufen.