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Buch IX


 

POLITEIA.


Der Staat.


Zehntes Buch.

 

[595 St.2 A]  Und in der Tat, hob ich wieder an, in vielen anderen Bestimmungen nehme ich an unserem Staate wahr, daß wir ihn vortrefflich angelegt haben, insbesondere behaupte ich das aber in Hinblick auf die Dichtkunst.

Welche denn? fragte er.

Daß wir sie auf keinerlei Weise aufnahmen, soweit sie nachahmender Art ist, denn daß diese durchaus nicht aufgenommen werden darf, das stellt sich meines Erachtens jetzt noch deutlicher heraus, [B] nachdem die drei Seelenteile einzeln in bestimmter Unterscheidung dargestellt worden sind.

Was willst du damit sagen?

Unter uns gesagt, denn ihr werdet mich doch bei den tragischen und den übrigen nachahmend darstellenden Dichtern nicht verraten, so ist sie offenbar ein Verderben für den denkenden Geist aller, die dergleichen anhören ohne ein Gegengift zu haben an dem gründlichen Wissen dessen, was eigentlich an ihnen ist.

In welcher Hinsicht, fragte er, äußerst du denn dieses?

Ja, antwortete ich, obwohl eine von Jugend auf an Homer mich fesselnde Liebe und Ehrfurcht [C] mich hindern will, zu äußern, was ich denke, es muß einmal heraus. Denn er ist offenbar von allen diesen Tragikern der erste Lehrmeister und Anführer. Heraus muß es, was ich über ihn denke, weil kein Mensch über die Wahrheit gestellt werden darf.

Ja, sagte er, allerdings.

So höre denn, oder vielmehr, antworte.

Frage nur!

Nachahmende Darstellung allgemein überhaupt, kannst du mir das sagen, was sie eigentlich ist? Denn ich selbst finde es gar nicht recht zusammen, was sie eigentlich sein will.

Nun, sagte er, da soll ich es etwa finden?

Wäre gar kein Wunder, meinte ich, denn mancherlei schon haben Leute  [596 St.2 A]  auch mit schwächeren Augen früher gefunden als Leute mit schärferem Blicke.

Ja, sagte er, das ist der Fall, aber in deiner Gegenwart könnte ich nicht einmal den Mut finden, eine Ansicht auszusprechen, wenn eine solche sich mir zeigt, drum richte selbst dein Auge darauf.

Wollen wir also unsere Untersuchung auf unsere übliche Weise beginnen? Unsere übliche Weise ist nämlich, daß wir allemal einen Begriff für jede Art von Vielheiten bilden, denen wir damit denselben Namen geben, oder verstehst du mich nicht?

Ja, ich verstehe.

So wollen wir denn auch jetzt, als Beispiele, einige beliebige Vielheiten annehmen. Es gibt doch viele Betten und viele Tische?

Allerdings.

Aber [B] Begriffe gibt es von diesen Gerätschaften nur zwei, einen vom Bett, einen vom Tisch.

Ja.

Nach unserer Gewohnheit drücken wir uns aus, daß der Verfertiger jeder dieser Gerätschaften diese nach ihrem Begriff schafft, der eine Betten, der andere Tische zu unserem Gebrauche, denn den Begriff davon verfertigt uns keiner der Werkmeister, wie sollte er denn auch?

Auf keine Weise.

Aber sieh dir einmal folgenden Meister an, welchen Namen wirst du ihm geben?

Welchen denn?

Der alles macht, was nur immer auch jeder dieser Werkmeister hervorbringt.

Von einem [C] außerordentlichen Manne sprichst du da, und von einem, der den Namen eines Wundermannes verdient.

Noch gar nicht. Du wirst ihm gleich noch einen besseren Namen geben, denn derselbe Meister kann nicht nur alle Gerätschaften bilden, sondern er bildet auch alle Erzeugnisse der Erde, bringt alle lebenden Wesen hervor, alles übrige sowohl als auch sich selbst, außerdem Erde, Himmel, Götter, alles am Himmel und im Hades unter der Erde, alles macht er.

Ja, sagte er, da sprichst du von einem wunderbaren Zauberer.

Es kommt dir unglaublich vor? fragte ich. Gib mir nur eine Antwort auf folgende Frage: Soll es ganz und gar [D] nicht nach deiner Ansicht einen solchen Meister geben, oder kann er auf gewisse Weise die genannten Dinge alle machen, auf gewisse Weise aber auch nicht? Oder merkst du nicht, daß du selbst auf eine gewisse Weise imstande bist, alle jene Dinge zu machen?

Und worin besteht denn diese Weise? fragte er.

Es hat gar keine Schwierigkeit damit, erwiderte ich, sondern läßt sich vielfach und schnell bewerkstelligen, am schnellsten wohl, wenn du einen Spiegel zur Hand nehmen und überall herumtragen wolltest, da wirst du bald eine Sonne machen und sonstige Himmelskörper, bald dich selbst sowohl wie alle übrigen lebenden Wesen, Geräte, Gewächse überhaupt alles eben Genannte.

Ja, freilich, sagte er, dem Scheine nach, aber wohl nicht in Wahrheit.

Ganz gut, [E] bemerkte ich, und recht zupasse kommst du da mit dieser Antwort unserer Untersuchung. Denn zu solchen Meistern, meine ich, gehört auch der Maler, oder nicht?

Jawohl.

Aber, du wirst, glaube ich, einwenden, was er macht sei nicht wirklich wahr, und doch macht auch auf eine gewisse Weise der Maler ein Bett, oder nicht?

Ja, freilich, sagte er, aber auch er nur ein scheinbares.

Wie sieht es aber mit dem Verfertiger des Bettes aus? [597 St.23 A]  Eben stelltest du ja doch den Satz auf, nicht den Begriff davon, in welchem ist, wie wir behaupten, was ein Bett eigentlich ist, verfertige er, sondern dieses oder jenes beliebige Bett?

Ja, den Satz stellte ich auf.

Wenn er nicht macht, was eigentlich ist, so macht er auch nicht das Seiende, sondern nur dem etwas Ähnliches, das Seiende aber nicht. Daß aber das Werk des Tischlers oder das eines anderen Handwerkers im eigentlichen Sinne seiend sei, wenn das jemand behauptete, so würde dieser demnach nicht die Wahrheit vorbringen.

Freilich nicht, sagte er, wenigstens nicht nach den Grundsätzen derer, die sich mit solchen Fragen beschäftigen.

Demnach dürfen wir es nicht wunderlich finden, daß ein solches Werk im Vergleich zur vollen Wahrheit nur ein schwaches Gegenstück darstellt.

Freilich nicht.

[B] Wollen wir nun, sprach ich, an eben diesen Beispielen den vorhin erwähnten Nachahmer untersuchen, was er eigentlich ist?

Ja, sagte er, wenn es dir recht ist.

Es ergeben sich für uns dreierlei Betten. Ein begrifflich seiendes, das wohl nach meiner Ansicht ein Gott geschaffen hat, oder wer sonst?

Niemand anders, denke ich.

Zweitens eines, das der Tischler gezimmert hat.

Ja, sagte er.

Drittens eines, das der Maler gemalt hat, oder nicht?

Es ist so.

Also Maler, Tischler und Gott sind drei Meister für drei Arten von Betten.

Ja, drei.

Der Gott nun erstlich hat, sei es, daß es ihm so beliebte, oder daß er vermöge einer höheren Notwendigkeit [C] nicht mehr als ein wirklich seiendes Bett schaffen durfte, nur jenes eine wirkliche Bett gemacht, jenes das das Bett ist, zwei aber oder mehrere dergleichen Betten sind nicht geschaffen worden und werden auch nicht geschaffen werden.

Warum denn? fragte er.

Weil, erwiderte ich, wenn er auch nur zwei machen sollte, von neuem darüber eines gebildet würde, dessen Gestaltung wiederum jene zwei hätten, und dieses würde dann das Bett sein, und nicht jene zwei.

Richtig, sagte er.

Weil nun dieses, denke ich, der Gott natürlich wußte, so hat er nur jenes eine wahre Bett geschaffen, weil er in Wahrheit Verfertiger eines wahrhaft seienden Bettes sein wollte, aber nicht von diesem oder jenem bestimmten Bett, [D] und auch kein Tischler.

Ja, offenbar.

Wollen wir ihn also nun den Wesensbildner davon oder mit sonst einem ähnlichen Namen benennen?

Ja, ganz mit Recht, sagte er, dieweil er ja von Anfang an dieses dem Wesen nach und alles andere gemacht hat.

Und wie nennen wir zweitens den Verfertiger des Bettes? Nicht etwa den Werkmeister davon?

Ja.

Und drittens der Maler, nennen wir etwa auch diesen so?

Keineswegs.

Aber was soll der denn nach deiner Meinung vom Bette sein?

[E] Da scheint mir, erwiderte er, wenigstens der angemessenste Name der zu sein: Nachbildner dessen, von dem jene die Werkmeister sind.

Gut, sagte ich. Den Verfertiger des vom Wesen an erst den dritten Rang einnehmenden Erzeugnisses nennst du also einen Nachbildner?

Allerdings, war seine Antwort.

Demnach wird auch der Tragödiendichter, wofern er ein Nachbildner ist, eigentlich nur ein Abbild im dritten Grade etwa von dem Könige geben und von der Wahrheit, und so alle übrigen Nachbildner auch.

Es scheint so.

Über den Nachbildner sind wir also einmal im reinen, [598 St.2 A]  aber über den Maler gib mir noch Antwort auf folgende Frage: Scheint er dir jene Wesensbilder von den Dingen nachbilden zu wollen, oder die Erzeugnisse der Werkmeister?

Die der Werkmeister, sagte er.

So wie sie sind, oder so wie sie scheinen? Denn das ist noch bestimmter anzugeben.

Wie verstehst du das? fragte er.

Auf folgende Weise: Ein Bett, wenn du es von der Seite oder von vorn oder wie immer ansiehst, hat es da nicht jedesmal eine von der vorigen verschiedene Gestalt, oder ist kein Unterschied vorhanden, sondern nur der Schein einer Verschiedenheit, und so hinsichtlich aller Dinge überhaupt?

Ich meine letzteres, sagte er, es ist nur ein Schein von Unterschied vorhanden, es ist aber keiner.

[B] Diesen Punkt nun halte fest im Auge! Auf welchen der beiden Zwecke geht die Malerei, für das Nachbilden des Wesenhaften, wie es ist, oder für das des Scheinenden, wie es sich im Scheine gibt. Ist sie also eine Nachbildung von Schein oder von Wahrheit?

Vom Scheine, antwortete er.

Weit also von der Wahrheit ist offenbar die Nachbildung entfernt, deswegen kann sie auch alles mögliche nachmachen, weil sie nur weniges von jedem Ding trifft, und dazu noch mit einem Schattenbilde davon. [C] So wird der Maler in unserem Beispiele einen Schuhmachermeister, einen Zimmermeister und überhaupt alle übrigen Meister nachmachen, ohne das geringste von allen diesen Handwerken zu verstehen, dessen ungeachtet aber wird er, wenn er ein guter Maler ist, durch das Bild eines Zimmermanns,  indem er es nur aus der Ferne zeigt, Kinder sowie unvernünftige Menschen täuschen, als wäre es ein Zimmermann, wie er leibt und lebt.

Ohne Zweifel.

Aber, mein Freund, dies gilt, denke ich, nicht nur vom Maler, denn von allen dergleichen Leuten, deren Beschäftigung in der Nachbildung liegt, muß man folgenden Gedanken festhalten: Falls jemand von einem gewissen Manne berichtete, er habe in ihm einen Menschen kennengelernt, [D] der nicht nur alle Handwerke, sondern auch von allen übrigen Wissenschaften, wovon jede die Aufgabe eines Einzelnen ist, so gut als irgend einer verstünde, so muß man von einem solchen Berichterstatter annehmen, daß er ein einfältiger Mensch ist, daß er offenbar auf eine Art Taschenspieler und Nachbildner geraten war und von diesem zur Verblendung, jener sei ein Allwisser, verführt wurde, aus keiner anderen Ursache, als weil jener Einfaltspinsel nicht imstande ist, zwischen Wissen, Nichtwissen, und Nachbildung zu unterscheiden.

Ja, ganz recht, sagte er.

Wir müssen uns nun der Tragödiendichtung und vornehmlich [E] ihrem Anführer Homer zuwenden, dieweil wir von einigen Leuten hören, diese Dichter hätten nicht nur alle Künste inne, sondern auch alles aus dem praktischen Menschenleben sowie was sich auf Tugend und Laster bezieht, wie auch auf das Göttliche, denn der gute Dichter müsse natürlich, wenn er über einen Gegenstand schön dichten wolle, das wissen, worüber er dichtet, oder er wäre gar nicht imstande zu dichten. Es muß natürlich nun untersucht werden, ob jene Leute nicht an Nachbildner der vorhin beschriebenen Art geraten sind, von ihnen sie hintergangen worden sind und daher bei Betrachtung ihrer Erzeugnisse nicht bemerken, [599 St.2 A]  daß diese Nachbildner drei Stufen vom Seienden entfernt sind, und daß es einem gar leicht ist, darüber zu dichten, ohne die eigentliche Wahrheit davon zu kennen, denn Trugbilder und keine Wirklichkeit stellen ja die Nachbildner her, oder ob die Behauptung jener Leute doch begründet ist und die guten Dichter wirklich ein Wissen über die Dinge haben, worüber sie der großen Menge so herrlich zu reden scheinen.

Ja, sagte er, allerdings ist das zu prüfen.

Glaubst du nun, es würde einer, wenn er beides herstellen könnte, sowohl das Nachzubildende wie das Schattenbild davon, [B] sich im Ernst auf die Erzeugung von Schattenbildern legen und diese sich zum Ziele seines Lebens setzen in dem Glauben, als habe er den besten Teil erwählt?

Nein, ich glaube es nicht.

Sondern er würde, denke ich, wenn er denn doch in Wahrheit von den Dingen, die er nachbildet, ein gründliches Wissen hätte, sich mit mehr Eifer auf die Werke selbst verlegen als auf die Nachbildungen davon, würde eher sich anstrengen, viele schöne eigene Werke als Denkmale von sich zu hinterlassen, würde viel eher der Gepriesene als der Preisende sein wollen.

Ja, ich glaube, erwiderte er, denn nicht nur die Ehre, sondern auch die Vorteile sind nicht gleich.

[C] Über die vielen Zweige des Wissens wollen wir nun Homer oder überhaupt einen anderen der Dichter nicht zur Rede stellen, wie etwa durch die Fragen: wenn denn wirklich ein Heilkünstler unter ihnen und nicht bloß ein Nachahmer heilkundiger Reden gewesen wäre, welche Leute denn da ein Dichter aus der alten oder neueren Zeit gesund gemacht haben solle, wie Asklepios dies getan, oder welche Schüler er in der Heilkunde hinterlassen habe, wie jener Asklepios seine Jünger? Auch wollen wir die Dichter über die übrigen Künste nicht befragen, sondern es ihnen hierin hingehen lassen. Aber über die wichtigsten und herrlichsten Dinge, [D] worüber zu sprechen sich Homer unterfangen hat, über Kriegsführung und Heeresleitung, über Staatsverwaltung und Menschenbildung, darüber müssen wir pflichtgemäß ihn durch Vorlegung folgender Fragen prüfen: „Mein lieber Homer, wenn du denn in bezug auf Tugend nicht etwa gar im dritten Grade von der Wahrheit entfernt stehst, wie ein Schattenbildner, wie wir den Nachbildner definiert haben, sondern nur im zweiten Grade und demnach imstande sein müßtest, wirklich zu erkennen, welche Lebenseinrichtungen die Menschen sowohl im Häuslichen wie im Staatsleben besser oder schlechter machen, so gib uns Rede und Antwort, welcher Staat durch dich besser eingerichtet worden ist, wie durch Lykurg Lakedaimon, [E] und wie durch sonst viele andere es noch viele große und kleine Staaten wurden? Wer rühmt dich als guten Gesetzgeber und seinen Segensbringer? So rühmen Italien und Sizilien Charondas, wir unseren Solon, wer aber dich?“ Wird er einen angeben können?

Ich glaube nicht, sagte Glaukon; wenigstens wird keiner angeführt, nicht einmal von den Homeriden.

Nun, wird wohl aus den Zeiten  [600 St.2 A]  Homers eines Krieges gedacht, der unter seinem Kommando oder auf seinen Rat glücklich geführt wurde?

Gar keiner!

Nun, werden denn von ihm, als einem kundigen Kopfe für das Leben, viele und wohlerdachte Erfindungen in bezug auf Künste und andere bürgerliche Geschäfte berichtet, wie dies wiederum von Thales aus Milet und von dem Skythen Anacharsis geschieht?

Keineswegs so etwas von Homer!

Nun denn, wenn demnach Homer kein Held im Kriegs- und Staatsleben war, so wird doch vielleicht von ihm erzählt, daß er in seinem Leben der Wegweiser der Ausbildung für einige war, die ihm wegen seines lehrreichen Umganges anhingen und dann an ihre Nachfolger eine gewisse homerische Lebensordnung weitergaben, [B] wie Pythagoras schon zu seiner eigenen Lebzeit aus diesem Grunde gesucht war und auch jetzt noch seine Nachfolger durch ihre pythagoreische Lebensordnung, wie sie sie nennen, sich eines ausgezeichneten Rufs unter allen erfreuen?

Auch von der Art, sagte er, wird nichts berichtet, denn der Kreophylos, o Sokrates, der Freund Homers, muß gewiß in Ansehung seiner Bildung noch lächerlicher gewesen sein als hinsichtlich seines Namens, wenn die Berichte über Homer wahr sind. Es wird nämlich berichtet, daß er zu seiner Lebenszeit wegen dem Beispiel eben jenes seines Jüngers einen sehr geringen Anhang gehabt habe.

Ja, sprach ich, berichtet wird das freilich, [C] aber, mein Glaukon, wenn Homer wirklich imstande gewesen wäre, Menschen auszubilden und besser zu machen, als ein Mann, der in dieser Beziehung nicht nur Nachbildungen zu liefern, sondern mit Verstande zu verfahren verstand, müßte er da nicht sich viele Anhänger verschafft haben, und müßte er nicht von ihnen sehr geehrt und geschätzt worden sein? Können ja doch ein Protagoras von Abdera, ein Prodikos von Keos und andre dergleichen mehr durch ihren Umgang ihre Zeitgenossen in den Glauben versetzen, daß sie weder ihr Haus noch ihren Staat zu verwalten imstande sein würden, [D] wenn nicht diese ihre Lehrmeister wären, und wegen dieser ihrer Weisheit sind sie so beliebt, daß ihre Anhänger sie fast auf den Schultern herumtragen. Und da sollen nun den Homer, als Förderer der Tugend, oder einen Hesiod die Zeitgenossen haben herumziehen und bänkelsängern lassen. Ja, würden sie nicht mehr an ihnen als an ihrem Gelde gehängt und sie eingeladen haben, bei ihnen im Hause zu wohnen, [E] und würden sie nicht, falls die Einladung fruchtlos geblieben wäre, selbst ihrem Unterrichte auf allen ihren Wegen nachgezogen sein, bis sie genügend Bildung empfangen hätten?

Ja, sagte er, o Sokrates, du scheinst mir durchaus recht zu haben.

Wir dürfen also als ausgemacht annehmen, daß alle Künstler, von Homer an gerechnet, in bezug auf Tugend und die anderen Dinge ihrer Darstellung nur nachahmende Schattenbildner sind und die Wahrheit nicht erfassen, sondern, um in dem Beispiel von vorhin fortzufahren, der Maler einen Schuhmacher  [601 St.2 A]  nur zum Scheine hinstellt, ohne daß er selbst etwas von der Schuhmacherei versteht noch die Leute, für die er ihn darstellt, indem diese nur nach den Farben und Umrissen urteilen.

Ja, allerdings.

Und ebenso dürfen wir auch von dem Dichter sagen, daß er gleichsam auch nur Farben von jeglicher Kunst in Wörtern und Ausdruck auftrage, ohne selbst davon etwas gründlich zu verstehen als eben das Nachbilden, so daß es dann anderen ebenso unverständigen Menschen, die nur den Glanz seiner Rede sehen, eine ganz gediegene Darstellung zu sein scheint, mag es sich nun um Schuhmacherei oder Feldherrnkunst oder um jede beliebige andere Sache handeln, wenn es nur in Versen sowie in wohlgebauter und wohlklingender Rede geschieht, so groß sei der Zauber, [B] den eben diese Darbietung von Natur ausübe. Denn entblößt von dem Farbenglanz des musikalischen Zaubers und rein nach dem bloßen Texte vorgetragen, weißt du, glaube ich, selbst, wie die Worte dieser Dichter erscheinen, denn du hast es wohl beobachtet.

Ja, sagte er.

Nicht wahr, fuhr ich fort, sie sehen dann aus wie die Gesichter jugendlicher, aber nicht schöner Menschen, wenn sie die Jugendblüte verlieren?

Ein ganz richtiger Vergleich, sagte er.

Komm mit mir jetzt zu einer weiteren Betrachtung. [C] Der ein Schattenbild darstellende Verfertiger, der Nachbildner, versteht nach unserem ausgemachten Satze gar nichts vom Wesenhaften, sondern nur etwas vom Scheine, nicht so?

Ja.

Aber wir dürfen diesen Satz nicht halb betrachten, sondern wollen ihn gründlich untersuchen.

Sprich nur, sagte er.

Ein Maler, denken wir, malt sowohl Zaum wie Trensengebiß?

Ja.

Es macht sie aber der Sattler und der Schmied?

Jawohl!

Versteht denn nun auch der Maler, welche Eigenschaften der Zaum und das Trensengebiß haben müssen? Oder versteht das nicht einmal der, welcher sie macht, der Schmied und der Sattler, sondern nur jener allein, der sie braucht: der Reiter.

[D] Sehr richtig.

Wird es nun nicht überhaupt so in allen Dingen sein?

Wie?

Daß es überhaupt bei jedem Dinge drei Wissenschaften gibt: die des Gebrauches, die der Herstellung, die der Nachbildung?

Ja.

Nicht wahr, Tüchtigkeit, Schönheit, Richtigkeit eines jeden Gerätes, lebenden Wesens, Handelns bezieht sich auf sonst nichts anderes als auf den Gebrauch, wofür ein jedes bestimmt ist, rühre es nun von Menschen oder von der Natur her?

Ja, so ist's.

Mit großer Notwendigkeit folgt also daraus, daß der Gebrauchende von jedem Gegenstand auch der Erfahrenste sein und dem Hersteller berichten muß, was er von dem Gegenstand, den er gebraucht, gut oder schlecht für den Gebrauch macht. [E] So berichtet der Flötenspieler dem Flötenmacher, welche Flöten im Spielen taugen, und gibt ihm auf, wie er sie machen soll, und dieser befolgt seine Anweisungen.

Ja.

Der erstere berichtet als ein Wissender über gute und schlechte Flöten, während letzterer nur als ein Glaubender die Verfertigung bewerkstelligt?

Ja.

Von einem und demselben Gerät wird also hinsichtlich Brauchbarkeit und Unbrauchbarkeit der Herstellende davon nur darum den rechten Glauben haben, weil ihm der Wissende zur Seite steht  [602 St.2 A]  und er notgedrungen auf den Wissenden hören muß, dagegen der davon Gebrauch machende hat das Wissen.

Gewiß.

Der nachbildende Maler dagegen, hat der aus dem Gebrauche Wissen über die von ihm gemalten Dinge, ob sie schön und richtig oder es nicht sind, oder hat er einen richtigen Glauben infolge des Umgangs mit dem Wissenden und der Angabe, wie er die Dinge machen soll?

Keines von beiden.

Der Nachbildner hat also in den Dingen, welche er nachbildet, in bezug auf Güte und Schlechtigkeit weder ein Wissen noch einen richtigen Glauben.

Hiernach nicht, wie es scheint.

Ein großer Kenner wäre da der in der Dichtung mit [B] Nachbildung Befassende im Wissen, worüber er dichtet?

Nein, kein sonderlicher!

Aber dessen ungeachtet wird er doch seine Nachbildung fort treiben, ohne bei dem einzelnen Dinge zu wissen, inwiefern es unbrauchbar oder brauchbar ist, sondern er wird nur das nachbilden, was der großen und ebenfalls auch keine Wissenschaft davon besitzenden Menge schön zu sein scheint.

Nichts anderes.

Darüber nun sind wir uns, sollte ich doch meinen, hinlänglich einig, daß erstlich der Nachbildner gar kein ordentliches Wissen besitzt von dem, was es nachbildet, sondern daß die nachbildende Kunst [C] nur eine Spielerei und keine ernsthafte Tätigkeit ist, daß zweitens die, welche sich mit tragischer Dichtung, sei es in theatralischen Iamben oder epischen Hexametern befassen, Nachbildner im stärksten Sinn sind.

Allerdings.

Wohlan denn, bei Gott, fuhr ich fort. In bezug auf diese Nachbildung ist bereits erwiesen, daß sie mit einem in dritter Stufe von der Wahrheit entfernten Dinge sich beschäftigt, nicht wahr?

Ja.

Auf worauf in der menschlichen Seele ist ihre Wirkung offenbar gerichtet?

Was ist denn das für eine Wirkung, wovon du hier redest?

Ein und dieselbe Größe, in der Nähe und der Ferne durch das Gesicht wahrgenommen, erscheint uns [D] wohl nicht gleich groß?

Nein.

So erscheinen uns dieselben Gegenstände krumm und gerade, je nachdem wir sie in oder außer dem Wasser sehen, ferner dieselben gezeichneten Gegenstände bekanntlich hohl und erhaben infolge einer bei den Farben stattfindenden Täuschung des Gesichtssinnes, und so hat überhaupt eine jede sinnliche Täuschung der Art offenbar ihren Grund in einem verworrenen Seelenzustand. Dieser schwache Teil unserer Natur ist es nun, auf den die Maler, die Gaukler und die vielen anderen Blender ähnlicher Art es anlegen [E] und keine Täuschung unversucht lassen.

Ja, richtig.

Erscheinen nun nicht das Messen, Zählen und Wägen gegen jene Sinnentäuschungen als die geeignetsten Hilfsmittel, infolge welcher nicht der Eindruck der sinnlichen Erscheinung vom Größeren oder Kleineren oder Mehreren oder Gewichtigeren in uns das Urteil bestimmt, sondern ein Vermögen, das jene sinnlichen Erscheinungen vorher zu zählen, zu messen und zu wägen verstand?

Jawohl!

Aber dies ist doch nun das Geschäft des rechnenden Verstandes und Vernunftvermögens in unserer Seele?

Ja, freilich.

Wenn dieses Seelenvermögen des Verstandes aber die sinnlichen Eindrücke mit seinem Maßstabe prüft und dann findet, daß diese oder jene Dinge größer oder kleiner sind als diese oder jene, die die Sinne als gleich darstellten, oder auch daß Dinge gleich sind, die jene als verschieden ansehen, so erscheint ihm oftmals über dieselben Gegenstände zugleich mit den Sinnenwahrnehmungen das entgegengesetzte.

Ja.

Nach unseren obigen Grundsätzen ist es aber unmöglich, daß Ein und Derselbe über dieselben Dinge entgegengesetzte Vorstellungen hat?

Und diese Grundsätze waren richtig.

[603 St.2 A]  Das zu dem wahren Maß im Widerspruch stehende Seelenvermögen ist also nicht identisch mit dem, das mit dem wahren Maß übereinstimmt?

Gewiß nicht.

Da ist aber nun doch das dem Messen und Berechnen den Vorzug gebende Seelenvermögen das beste?

Allerdings.

Somit gehört das mit diesem in Widerspruch stehende zu den schlechteren Vermögen der Seele.

Notwendig.

Das war es also, was ich vorhin als Behauptung aufstellte und durch die Erörterung mit dir zur einsichtigen Wahrheit bringen wollte, daß nämlich die Malerei und überhaupt die mit Nachbildung sich abgebende Kunst sich nicht nur weit von der Wahrheit entfernt hält, sondern auch nur mit einem gleichfalls [B] von Vernunft entfernten Vermögen in unserer Seele Verkehr hat, mit ihm buhlt und liebelt zu einem Ziele, das durchaus kein rechtes, kein wahres ist.

Ganz recht, sagte er.

Als etwas Schlechtes beschäftigt also die Nachbildungskunst sich mit dem Schlechten unserer Seele und kann demnach auch nur schlechte Folgen erzeugen.

Ja, offenbar.

Tut dies, fuhr ich fort, bloß die auf den Gesichtssinn sich beziehende Nachbildungskunst oder auch die auf das Gehör sich beziehende, die wir bekanntlich Dichtkunst nennen?

Wahrscheinlich, sagte er, tut's auch diese.

Laß uns jedoch, sprach ich weiter, nicht bloß einer von der Malerei [C] hergeleiteten Wahrscheinlichkeit unseren Glauben schenken, sondern laß uns nun direkt zu eben dem Seelenvermögen treten, mit dem die Nachbildung in der Dichtkunst ihren Verkehr hat, und laß uns einen eigenen Augenschein nehmen, ob es schlecht oder edel ist.

Ja, das müssen wir.

Laß uns dabei auf folgende Weise zu Werke gehen: Diese Nachbildnerei bildet doch Menschen nach, die gezwungene oder freiwillige Handlungen verrichten, die durch ihr Handeln entweder glücklich oder unglücklich geworden zu sein meinen, und die bei allen diesen Handlungen entweder traurig oder lustig sind. Oder sollte es außer diesen zwei Zuständen noch irgend einen anderen geben?

Nein.

Stimmt nun ein Mensch in alledem mit sich selbst überein? Oder wird er nicht hier bei den Handlungen [D] ebenso uneinig mit sich und kommt er dabei nicht mit sich selbst in einen Kampf, wie er mit dem Gesichtssinn mit sich uneinig wurde und entgegengesetzte Meinungen zugleich über dieselben Dinge in seinem Inneren erhielt? Wir brauchen diesen Satz wenigstens jetzt gar nicht mehr mit einander festzustellen, denn in unseren früheren Unterredungen haben wir uns über alles dieses geeinigt, daß unsere Seele gleichzeitig vielfach voll solcher Widersprüche ist.

Ja, richtig, sagte er.

Ja, sagte ich, freilich ist dieser Satz richtig, aber die Erörterung dessen, den wir damals übergangen haben, müssen wir jetzt noch nachholen.

Was für ein Satz ist denn dies? fragte er.

[E] Daß ein vernünftiger Mann, antwortete ich, der so ein Unglück habe, daß er einen Sohn oder sonst etwas sehr Teueres verlöre, dies bei weitem leichter als die übrigen Leute ertragen werde, diesen Satz stellten wir schon früher auf.

Ganz recht.

Hierzu müssen wir aber nun noch erwägen, ob es ihn nämlich gar nicht schmerzen wird, oder ob dies zwar unmöglich wäre, aber er den Schmerz doch einigermaßen meistern könne?

Das letztere, sagte er, wird wohl eher das Richtige sein.

[604 St.2 A]  So antworte mir jetzt auf folgende Fragen: Wenn er von seinesgleichen gesehen werden kann, wird er da wohl den Schmerz eher bekämpfen und meistern, als wenn er einsam allein für sich ist?

Viel eher, erwiderte er, wenn er gesehen wird.

Ja, in der Einsamkeit wird er, denke ich, kein Bedenken tragen, manche Klagelaute auszustoßen, worüber er sich schämen würde, wenn sie jemand hörte, und er wird auch manche Handlungen sich erlauben, bei welchen einen Zuschauer zu haben ihm nicht lieb wäre.

Ja, so ist's, sagte er.

Nicht wahr, was einerseits zum Widerstande ermahnt, ist Vernunft und Sitte, [B] was aber zu Wehklagen zieht, ist eben der für den Schmerz empfindliche schwache Teil unserer Seele?

Richtig.

Wenn aber in dem Menschen über dieselbe Sache ein Zug nach entgegengesetzten Richtungen entsteht, so müssen wohl notwendig zwei Vermögen zugleich in ihm tätig sein.

Allerdings.

Nicht wahr, die eine ist bereit, der vernünftigen Sitte zu folgen, wohin die Sitte ihr Anleitung gibt?

Welche Anleitung denn?

Es lehrt die Sitte wohl, es sei am schönsten, bei Unglücksfallen möglichst ruhig sich zu verhalten und nicht dem Ausbruche seines Schmerzes sich zu überlassen, denn man könne ja erstlich nicht wissen, ob ein Gutes oder ein Übles mit dergleichen Zufällen verbunden sei, auch komme einem [C] etwas Ersprießliches dabei für die Zukunft nicht heraus, wenn man sie ungeduldig ertrage, es sei auch keiner der menschlichen Verluste eines so großen Aufhebens wert, und es sei die Hingabe an den Schmerz dem hinderlich, was wir in jenen Fällen am meisten nötig haben.

Welchem hinderlich nach deiner Meinung? fragte er.

Dem Vermögen, antwortete ich, bei einem geschehenen Unfall mit sich vernünftig zu Rate zu gehen und wie bei einem Würfelspiel nach dem, was liegt, seine Maßnahmen zu treffen, so wie der vernünftige Verstand nach den obwaltenden Verhältnissen es für das beste hält, statt wie Kinder nach dem Falle die wunde Stelle mit der Hand zu halten [D] und immerfort zu schreien, im Gegenteil soll man die Seele gewöhnen, sobald als möglich an das Heilen und Wiedergutmachen des Schadens und der Wunde zu gehen, und man soll durch Heilkunst das Klagegeschrei beschwichtigen.

Ja, sagte er, das wäre gewiß die richtigste Art, mit welcher jemand den Unglücksfällen begegnen könnte.

Wir räumen also damit ein, daß der beste Teil in uns [E] der Vernunft gerne folgt.

Offenbar natürlich.

Der andere Teil dagegen, der zu den Erinnerungen an den Schmerz und zum Wehgeklage hinzieht und darin unersättlich ist, nicht wahr, den werden wir für unvernünftig, für tat- und ratlos erklären dürfen?

Ja, das dürfen wir.

Der ungeduldig sich gebärdende Teil der Seele liefert nun bekanntlich Stoff zu vieler und mancherlei Nachbildung, dagegen die verständig überlegende und ruhige Gemütsart ist, weil sie sich immer gleichbleibt, weder leicht nachzuahmen noch durch Nachahmung leicht begreiflich, besonders für eine festlich versammelte Volksmenge und für eine bunte Menschenversammlung in Theatern, denn es wäre die Nachbildung eines ihnen fremden Zustandes.

[605 St.2 A]  Ja, ganz gewiß.

Nun hat doch offenbar der für die Nachbildung geschickte Dichter zu einer solchen verständig ruhigen Gemütsart keinen Sinn, und seine Kunstgeschicklichkeit kann gar nicht das Ziel haben, derselben zu gefallen, wofern er den Beifall bei der großen Menge davontragen will, vielmehr nur für die zu kläglicher und ungeduldiger Gebärdung und zu vielfacher Änderung aufgelegte Sinnesart, weil diese leicht nachzuahmen ist.

Offenbar.

Jetzt erst können wir dem nachbildenden Dichter mit vollem Recht zu Leibe rücken und ihn als dem Maler gleichartig hinstellen? Denn ihm ja ist jener Dichter ähnlich dadurch, daß er im Vergleich mit der eigentlichen Wahrheit nur schlechte Scheinerzeugnisse hervorbringt, [B] sodann ist er ihm auch insofern gleich dadurch, daß er nur mit einem gleichfalls schlechten Seelenvermögen in uns verkehrt und nicht mit dem besten. Und so dürften wir denn nun aus gutem Recht ihn nicht in einen Staat aufnehmen, der eine vollkommene Verfassung hat und behalten soll, weil er das niedere Seelenvermögen weckt, nährt und durch dessen Kräftigung das edle vernünftige verdirbt, geradeso wie wenn einer in einem Staate die Schurken zu Machthabern machte, ihren Händen den Staat überlieferte und die Tugendhaften zugrunde richtete, [C] auf gleiche Weise dürfen wir vom nachahmenden Dichter behaupten, daß er in der Seele jedes einzelnen Menschen eine schlechte Verfassung einführt, indem es dem unvernünftigen Teile derselben, der weder das Größere noch das Kleinere unterscheidet, sondern dieselben Dinge bald für groß, bald für klein ausgibt, dadurch verführerisch zu Willen ist, daß es von ohnehin unwesenhaften Bildern nur hohle Schattenbilder verfertigt, die vom wahren Wesen weit entfernt sind.

Allerdings.

Des allergrößten Übels jedoch haben wir sie noch nicht angeklagt: Daß sie nämlich sogar die Wohlgesinnten, [D] mit Ausnahme einiger ganz wenigen, zu verderben imstande ist, das ist das allerschrecklichste Unheil.

Das müßte wohl sein, wenn sie solches verübt.

Höre nur und überlege. Wenn die Besten von uns den Homer oder einen der Tragödiendichter hören, wie er irgend einen trauernden und unter Wehklage eine lange Tirade hersagenden Helden darstellt, oder wie er Helden singen und an die Brust sich schlagen läßt, so weißt du ja wohl, daß wir daran unsere Freude haben, daß wir mit Hingebung ihnen mit unserem Mitgefühl folgen, daß wir ganz ernsthaft [E] denjenigen als einen guten Dichter loben, der uns am stärksten in solchen Gemütszustand versetzen kann.

Ja, das weiß ich allerdings.

Wenn aber einem von uns ein eigenes Leid zustößt, so sieht dein Verstand auch wiederum ein, daß wir in das Gegenteil unsere Ehre setzen, darin nämlich, ruhig und standhaft sein zu können, überzeugt, daß dies die Art eines Mannes, jenes aber, dem wir vormals unseren Beifall zollten, die Art eines Weibes ist.

Ja, sagte er, das sehe ich ein.

Kann nun, fuhr ich fort, ein solcher Beifall einem Ehre machen, wenn man beim Anblicke eines Helden in solchem Zustande, den man unter seiner eigenen Würde hält und dessen man sich schämen würde, statt des Abscheues Freude und Lobsprüche äußert?

Nein, sagte er, das kann ich nicht für vernünftig halten.

[606 St.2 A]  Gewiß, sprach ich, zumal wenn du die Sache von einer anderen Seite betrachten wolltest.

Von welcher denn?

Wenn du beherzigen wolltest, daß der Teil unserer Seele, der früher mit Gewalt niedergehalten wurde und der einen Heißhunger hatte, sich einmal recht satt zu weinen, satt zu heulen und dran zu laben, weil er seiner natürlichen Beschaffenheit wegen hiernach verlangen muß, daß er es gerade ist, der von den erwähnten Dichtern seinen Hunger und seine Lust gestillt bekommt, ferner daß, während das beste in uns, das noch nicht hinlänglich gebildet ist, dann in seiner Obhut über jenen klagsüchtigen Teil nicht so streng ist, weil dieser ja doch nur an fremden Leidensgeschichten seinen Blick weide [B] und es ihm selbst keine Unehre bringe, einem anderen, seiner Äußerung nach trefflichen Manne, wenn er auch unangemessen trauert, seinen Beifall und sein Mitleid zu schenken, ja, daß der vernünftige Seelenteil es gar als Gewinn nimmt und auf das dort entstehende Vergnügen durch Verachtung all der Dichterei überhaupt nicht gern verzichten würde. Denn nur wenige, denke ich, kommen zu der vernünftigen Überlegung, daß man dabei von den fremden tragischen Leiden mancherlei für seine eigenen etwas abbekommt: [C] hat man nämlich durch das Schauen jener fremden tragischen Fälle das Trübselige genährt und gestärkt, so ist es dann gar nicht leicht, dieses bei eigenen tragischen Fällen im Zaume zu halten.

Ja, ganz richtig, sagte er.

Gilt nicht dieselbe Überlegung auch vom Komischen? Falls du nämlich an Possenreißereien, die selbst zu machen du dich schämen würdest, eine gewaltige Freude hättest und sie nicht als Schlechtigkeiten verabscheutest, wenn du sie bei einer komisch nachahmenden Darstellung auf der öffentlichen Bühne oder auch im kleinen Kreise anhörtest, da verübst du dieselbe Sünde an deiner Seele wie bei den tragischen Jammerszenen. Dem nämlich, welches bei seiner Lust zur Spaßmacherei [D] du auch dabei durch die Vernunft, aus Furcht vor dem Rufe eines Possenreissers, in deiner Brust niederhieltest, läßt du dann wiederum die Zügel schießen, und hast du es dort, ohne es gewahr zu werden, aufgefrischt, so läßt du dich oftmals im eigenen Verhalten gehen, so daß du ein ganzer Komödiant wirst.

Ja, sicher, sagte er.

Und wird nicht auch von dem Geschlechtstriebe, von der Zornmütigkeit, überhaupt von allen den begierlichen Regungen sowohl wie von Empfindungen von Unlust und Lust in der Seele, die bekanntlich jeder Handlung folgen, ebenso gelten, [E] daß die dichterische Nachahmung ähnliche nachteilige Folgen in uns hervorbringt? Denn sie füttert und tränkt diese Triebe, statt daß sie absterben sollen, sie macht sie zu unseren Gebietern, statt daß sie beherrscht werden sollen, auf daß wir besser und glücklicher statt schlechter und unglücklicher werden.

Ich kann hiergegen nichts einwenden, erwiderte er.

Wenn du daher, mein Glaukon, fuhr ich fort, wiederum auf Lobredner Homers triffst, die da behaupten, daß dieser Dichter Griechenland gebildet, daß man zur Unterrichtung der Menschen man ihn zur Hand nehmen und studieren müsse, daß man nach diesem Dichter sein ganzes Leben einrichten und führen müsse, [607 St.2 A]  so mußt du ihnen zwar Freundlichkeit begegnen, als Leuten, die so gut sind, als sie sein können, mußt auch zugeben, daß Homer der größte Dichter und der Fürst der Dramatiker ist, darfst dabei aber nicht vergessen, daß von Dichtkunst einzig nur Hymnen auf die Götter und Lobgesänge auf die tüchtigen Männer in unseren Staat aufgenommen werden dürfen. Wenn du dagegen jene ergötzliche Muse, sei es in Gesängen oder in Versen, aufnimmst, so werden nur Lust und Unlust in dem Staate Herrscher sein, [B] statt des herkömmlichen Gesetzes und statt dessen, was allgemein zu allen Zeiten als das Beste gegolten hat, statt der Vernunft.

Ja, sagte er, sehr wahr!

So weit, sagte ich, unsere Verteidigung wegen unserer abermaligen Erinnerung der Dichtkunst, daß wir sie früher wegen ihrer erwähnten Untugenden aus dem Staate verbannten, denn die Vernunft leitet unsere Überzeugung. Damit ihr jedoch nicht einfällt, uns der Härte und Grobheit anzuschuldigen, wollen wir zur Ergänzung bemerken, daß schon von alters her ein Streit zwischen der Philosophie und der Dichtkunst besteht. [C] Beweise davon sind die Reden: ,Es bellt gegen seinen Herrn ein kläffender Hund', ferner ‚ein Meister im leeren Geschwätz von Toren’, ferner ‚die die Gottheit meisternden Schlaumeier', auch ,das Volk der grübelnden Hungerleider’, und noch tausend andere zeugen von einer uralten Feindschaft beider. Dessen ungeachtet soll von unserer Seite die Erklärung gegeben werden, daß wir die ergötzliche Dichtung und Nachahmung gern mit offenen Armen wieder aufnehmen wollen, wenn sie nur irgend einen vernünftigen Grund angeben könnte, weshalb sie in einem wohlverwalteten Staate vorhanden sein müßte, denn wir kennen aus Erfahrung ihre entzückenden Reize, [D] aber darum dürfen wir eine gewonnene wahre Überzeugung nicht aufgeben, denn es wäre nicht zu verantworten. Nicht wahr, auch du, mein Lieber, fühlst ihre Reize, besonders wenn sie dir in Homer erscheint?

Ja, sehr.

Ihr ist also das Recht eingeräumt, aus der Verbannung wieder zurückzukehren, wenn sie sich gründlich verteidigen können wird, sei es in einem Lied oder in einer anderen Versart?

Jawohl.

Und dazu wollen wir auch ihren Schutzherren, sofern sie nicht selbst Dichter sein wollen, sondern nur Dichterfreunde, die Erlaubnis geben, für sie eine Verteidigungsrede, aber in ungebundener Rede, über das Thema zu halten, [E] wie sie nicht bloß eine Lust, sondern auch ein Vorteil und nützlich für Staatsverfassungen und das menschliche Privatleben wäre. Denn unserem Staate ja käme der Gewinn zugute, wenn sich herausstellen sollte, daß sie nicht bloß eine Lust, sondern auch nützlich wäre.

Ja, sagte er, allerdings wäre der Gewinn auf unserer Seite.

Wenn sich dieser aber nicht herausstellt, dann müssen wir es, mein lieber Freund, machen wie die, die einmal in jemanden verliebt waren. Wie diese nämlich, wenn sie zur Einsicht kommen, daß die Liebe nichts taugt, zwar mit Gewalt, aber dennoch sich von ihr losreißen, so wollen auch wir, weil uns denn von der in gebildeten Staaten üblichen Erziehungsweise  [608 St.2 A]  eine Liebe für die Dichtung der vorhin beschriebenen Art eingepflanzt ist, ihr zwar Gelegenheit geben, sich als eine Kunst vom besten und wahrsten Gehalte zu erweisen, solange sie aber nicht imstande ist, sich gegen die von uns vorgebrachten Gründe zu rechtfertigen, so werden wir sie nicht anders hören, als indem wir mit dem Ergebnis der hier angestellten Untersuchung und mit dieser Art von Bannspruch uns unverwundbar gegen sie machen und uns also wohl in acht nehmen, nicht wieder in jene leichtsinnige und nur dem ungebildeten Volke eigene Liebe zu verfallen. Aus jenem Ergebnis entnehmen wir aber nun, daß man auf die Dichtkunst der beschriebenen Art [B] als einen Gegenstand von Wahrheit und Ernsthaftigkeit sich nicht verlegen soll, daß vielmehr der Zuhörer, der um seiner selbst gewissenhaft besorgt ist, sich vor ihr wohl in acht nehmen muß und alle Grundsätze unverbrüchlich festzuhalten hat, die wir über sie hier erörtert haben.

Ja, sagte er, ich stimme dir ganz bei.

Ja, viel, sagte ich, steht auf dem Spiele, mein Glaukon, viel mehr, als du glauben kannst, ob einer gut oder schlecht ist, [C] so daß er sich weder durch Ehre noch durch Geld noch selbst durch Herrschermacht, geschweige denn durch Dichtkunst hinreißen lassen darf, die Gerechtigkeit und die übrigen Tugenden zu vernachlässigen!

Ja, sagte er, ich stimme dieser deiner Ansicht infolge unserer bisher dargestellten Gründe bei, und es tut's auch wohl jeder andere.

Und doch, fuhr ich fort, haben wir die größten Belohnungen der Tugend und die größten gegen sie ausgesetzten Preise noch nicht dargestellt!

Eine ungeheure Größe, sagte er, denkst du da, wenn es sonst noch größere gibt als die bereits von uns besprochenen!

Aber was, fragte ich, könnte in unserer Lebenszeit sonderlich Großes einem zuteil werden? [D] Denn die ganze Zeit von der Wiege bis zum hohen Alter ist, mit der Ewigkeit verglichen, nur eine Winzigkeit.

Ja, antwortete er, freilich gar nichts.

Was sagst du nun zu folgendem? Ein unsterbliches Wesen, soll das wohl für eine solche Spanne Zeit oder für die Ewigkeit gerungen haben?

Ich wenigstens, sagte er, glaube wohl letzteres, aber was willst du damit sagen?

Weißt du denn nicht, fragte ich weiter, daß unsere Seele unsterblich ist und niemals vergeht?

Auf diese Frage antwortete er, mich mit sich verwunderndem Blicke anschauend: [E] Wahrhaftig, ich weiß es noch nicht, und du? Kannst du das behaupten?

Wenn ich mir nicht zu viel zutraue, sagte ich, aber ich glaube, auch du kannst es, denn er ist gar nicht schwer.

Für mich doch, sagte er, drum möchte ich gar zu gerne jenes ‚gar nicht Schwere’ von dir hören.

Du sollst es hören, sprach ich.

So sprich nur, sagte er.

Du nennst doch, fuhr ich fort, etwas gut und etwas schlecht?

Allerdings.

Hast du denn nun auch die Ansicht darüber, die ich habe?

Welche denn?

Daß zerstörend und verderbend alles Übel, daß dagegen erhaltend und wohltuend das Gute ist.

Ja, sagte er, ich habe diese Ansicht.

Weiter: Nimmst du auch folgendes an? Ein Übel gibt es für jedes Ding sowie auch ein Gutes. [609 St.2 A]  So ist das Übel für den Leib die Kranheit, für die Augen das Augenweh, für Getreide den Brand, für Gehölz die Fäulnis, für Eisen und Erz den Rost, und so gibt's, wie gesagt, fast für alle Dinge ein eigenes Übel und Leiden.

O ja, sagte er, ich stimme zu.

Nicht wahr, wenn ein Übel der Art einem Dinge sich ansetzt, so macht es das, woran es sich ansetzte, nicht nur schadhaft, sondern bewirkt auch endlich dessen gänzliche Auflösung und Vernichtung?

Allerdings.

Entweder das einem jeden Dinge eigene Übel und Schädliche vernichtet es, [B] oder wenn dies es nicht vernichtet, so kann sonst nichts anderes in der Welt es verderben. Denn einen dritten Fall gibt es nicht, es kann ja weder das erhaltende Gute es vernichten noch auch das, was weder gut noch übel ist.

Unmöglich, sagte er.

Finden wir also eines der Wesen, wofür es zwar ein eigenes Übel gibt, das es schlecht macht, ohne es jedoch vernichtend aufzulösen, werden wir dann wissen, daß es für das so beschaffene keine Vernichtung gibt?

Ja, sagte er, in diesem Falle offenbar.

Nun, fuhr ich fort, hat die Seele nicht auch ein Übel, das sie schlecht macht?

Ja, sicher, sagte er, [C] zumal jene Übel, die wir vorhin namentlich durchgenommen haben: Ungerechtigkeit, Zügellosigkeit, Feigkeit und Unwissenheit.

Kann nun eines dieser Übel die Seele auflösen und vernichten? Vor der Antwort auf diese Frage gib aber acht, daß wir uns nicht irreführen lassen durch die Einbildung, daß ein ungerechter und vernunftloser Mensch, wenn er durch Ertappung auf einer ungerechten Handlung den Tod findet, durch die Ungerechtigkeit, als eine Schadhaftigkeit der Seele, zugrunde gehe, sondern stelle vielmehr deine Überlegung so an: Den Körper verzehrt und vernichtet des Körpers Schadhaftigkeit, so wie die Krankheit, und bringt ihn endlich dahin, daß er als Körper nicht mehr ist, und so werden überhaupt alle vorhin genannten Dinge [D] von dem durch sein Innewohnen verderbenden Übel zum Nichtsein gebracht. Ist es nicht so?

Durchaus!

Wohlan, gib nur acht und betrachte die Seele auf diese Weise. Vermag auf dieselbe Weise eine der Seele innewohnende Ungerechtigkeit oder ein anderer Seelenschaden durch sein bloßes innewohnen sie zu verderben und ganz aufzuzehren, bis er sie endlich zum Tode und zur Trennung vom Körper bringt?

Nein, sagte er, das nicht auf irgend eine Weise.

Nun ist es aber, fuhr ich fort, nach dem vorigen ungereimt, daß die Schadhaftigkeit [E] eines anderen fremden Dinges ein Etwas vernichten soll, wenn die eigene Schadhaftigkeit dieses Etwas nicht vernichten kann.

Ja, ungereimt.

Ja freilich, o Glaukon, sprach ich, denn du brauchst nur zu bedenken, daß wir ebenso auch nicht glauben, daß ein menschlicher Körper an der nur dem Getreide eigenen Schadhaftigkeit zugrunde gehen müsse, bestehe nun jene Schadhaftigkeit in Ungenießbarkeit infolge Alters oder Fäulnis oder dergleichen, sondern wir denken vernünftigerweise dann so: Wenn die Schadhaftigkeit des Getreides dem Körper ein unheilbares Verderbnis beibringt, so gehe der Körper an einer durch jenes Getreide veranlaßten eigenen Schadhaftigkeit zugrunde, welche Krankheit heißt, daß aber von der Schadhaftigkeit des Getreides, als der eines anderen, der davon verschiedene menschliche Körper jemals zerstört werde, [610 St.2 A]  also von einem fremden Übel, welches das eigene nicht in ihm hervorbringen konnte, das werden wir niemals behaupten.

Ja, sagte er, ganz richtig ist deine Überlegung.

Nach derselben Schlußweise, fuhr ich fort, dürfen wir, wenn des Körpers Schadhaftigkeit einer Seele keine Schadhaftigkeit verursachen kann, uns auch nicht die Behauptung einfallen lassen, daß eine Seele von einem fremden Übel, also daß sie durch das Übel eines ganz von ihr verschiedenen Dinges, ohne das Dazukommen der ihr eigenen Schadhaftigkeit, vernichtet werde.

Ja, meinte er, ganz richtig.

Wir müssen also diese Behauptung widerlegen, oder wir dürfen, [B] solange sie unwiderlegt bleibt, nicht behaupten, daß die Seele durch ein Fieber, überhaupt durch eine Krankheit, daß sie durch einen Schwertstreich, selbst wenn jemand den ganzen Körper in die kleinsten Teile zerschnitte, deshalb vernichtet werde, bevor nicht einer nachgewiesen haben wird, daß durch diese körperlichen Leiden sie selbst, die Seele, ungerechter und unheiliger werde. Daß aber von einem in einem anderen Wesen vorhandenen fremden Übel, ohne daß das jedem Wesen eigentümliche Übel dazukommt, eine Seele oder überhaupt ein anderes Wesen vernichtet werden könne, diese Behauptung können wir von niemandem zulassen.

Nun, sagte er, das wird doch niemand nachweisen wollen, daß die Seelen durch den Tod ungerechter werden.

[C] Wenn jemand aber, sprach ich weiter, dennoch unserer Darlegung kühn entgegentreten und behaupten wollte, daß ein Mensch durch das Sterben ungerechter werde, um nämlich sich nicht gezwungen zu sehen, die Unsterblichkeit der Seelen einräumen zu müssen, so werden wir, die Wahrheit jener Behauptung einmal als wahr angenommen, hierauf es für erwiesen halten können, daß dann die Ungerechtigkeit für ihren Inhaber geradeso tödlich wie eine Krankheit sei, daß die von der Ungerechtigkeit Behafteten, je nach dem Grade ihrer Teilnahme, früher oder später, von nichts anderem den Tod erleiden als eben von der Ungerechtigkeit infolge ihrer Tötungskraft, und daß nicht, wie bis auf diese Stunde, die Ungerechten von einer anderen, außer ihnen befindlichen Macht, von der der strafenden Gerechtigkeit, ihren Tod finden.

[D] Wahrhaftig, versetzte er, nicht so ganz fürchterlich würde die Ungerechtigkeit erscheinen, wenn sie für den damit Behafteten tödlich sein würde, denn eine Befreiung von bösen Menschen würde sie in diesem Falle sein. Aber in der Wirklichkeit erscheint sie ganz als das Gegenteil, hier vernichtet sie, die Ungerechtigkeit, die anderen, wenn sie es vermag, und macht den damit Behafteten sehr lebenskräftig, und nicht bloß lebenskräftig, sondern auch munter bei der Nacht, so weit ist die Ungerechtigkeit von der Gefahr entfernt, ihrem Inhaber tödlich zu sein.

Ganz richtig bemerkt, erwiderte ich, denn wenn die eigne Schadhaftigkeit und Schlechtigkeit nicht mächtig genug ist, die Seele zu vernichten, so wird offenbar schwerlich von einem zur Vernichtung eines anderen ganz verschiedenen Wesens bestimmten Übel eine Seele oder sonst [E] etwas vernichtet werden, mit Ausnahme des Wesens, zu dessen Untergang es ursprünglich bestimmt ist.

Jawohl, schwerlich, sagte er, wie sich offenbar daraus ergibt.

Wenn sie also von gar keinem Übel sich vernichten läßt, [611 St.2 A]  weder vom eigenen in sich noch von einem fremden außer sich, so folgt offenbar, daß sie immer seiend und, wenn immer seiend, auch unsterblich sein müsse.

Ja, sagte er, unbestreitbar.

So steht es also damit, fuhr ich fort. Hat dies aber seine Richtigkeit, so siehst du ein, daß die Seelen auch der Anzahl nach ebenso viele bleiben. Denn weder weniger können ihrer werden, wenn keine zugrunde geht, noch auch mehr werden. Wenn nämlich das Unsterbliche [B] irgend einer Art mehr werden könnte, so müßte der Zuwachs offenbar aus dem Bereiche des Sterblichen geschaffen werden, und so müßte zuletzt alles unsterblich sein.

Richtig bemerkt.

Aber, sprach ich weiter, an das wollen wir nicht glauben, weil es dem Verstand widerstreitet, und wollen auch nicht glauben, daß die Seele sei von der Beschaffenheit, daß in ihr nichts als eine bunte Mannigfaltigkeit und voneinander verschiedenartige Zustände stecke.

Wie meinst du das? fragte er.

Es ist nicht wohl möglich, antwortete ich, daß etwas unvergänglich ist, was mehrfache Bestandteile hat, ohne daß diese in der schönsten Harmonie zu einander stehen, wie sich es jetzt von der Seele herausgestellt hat.

Nein, das ist schwerlich möglich.

Daß die Seele also ein unsterbliches Wesen ist, das erweisen sowohl die hier als auch die sonst darüber geführten Untersuchungen, aber was sie der Wahrheit nach ist, das darf man nicht an ihr ersehen wollen [C] nach ihrer Verunstaltung durch die Gemeinschaft mit dem Körper sowie durch andere verunstaltende Übel, ihr Wesen läßt sich vielmehr nur durch das Auge des Verstandes erschauen, und mit diesem Auge wird man ihr Wesen viel schöner erblicken, wird man Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten, überhaupt alle vorhin erörterten Tugenden und Untugenden, klarer sehen können. Wir haben jetzt hier über sie richig geredet, wir sehen sie aber in dem Zustande, in dem sie gegenwärtig auf Erden sich zu erkennen gibt, [D] wie die, welche den Meergott Glaukos sehen: Nicht leicht können diese nämlich seines Wesens ansichtig werden, weil seine ursprünglichen Gliedmaßen teils zerschlagen, teils zerstoßen und von den Wellen auf allerlei Weise verunstaltet, teils auch, weil sie mit anderen, fremden Körpern, wie mit Muscheln, Seemoos und Gestein bewachsen sind, so daß er eher einem Meerungeheuer gleicht als seiner ursprünglichen Gestalt. Einen solchen beschädigenden und verunstaltenden Übeln herbeigeführten Zustand bietet auch die Seele hier unserer Betrachtung dar, darum, mein Glaukon, muß man dahin die Blicke richten!

Wohin? fragte er.

[E] Auf ihre Liebe zur Erkenntnis, und hier beachte wonach sie trachtet und wie sie mit dem Göttlichen, Unsterblichen und immer Seienden verwandt ist, und was sie erst werden könnte, wenn sie einmal jenem Göttlichen mit ungeteilter Kraft folgt, wenn sie aus der Meerestiefe, worin sie sich jetzt befindet, erhoben und das Gestein und Muschelwerk von sich abgestoßen hat, mit dem sie jetzt, [612 St.2 A]  weil sie sich nur mit Irdischem nährt, erdig und steinig ringsum bunt und wild bewachsen ist, und zwar infolge jener als Glückseligkeit gepriesenen irdischen Genüsse. Und dann erst würde man ihr wahres Wesen sehen können, ob sie vielgestaltig, ob sie eingestaltig, ob sie so oder so beschaffen ist. Für jetzt aber haben wir, denke ich wenigstens, ihre im irdischen Menschenleben sich zu erkennen gebenden Zustände und Erscheinungsweisen gründlich genug dargestellt.

Ja, sagte er, allerdings.

Nicht wahr, sprach ich weiter, wir uns alles anderen in der Rede entledigt, [B] insbesondere haben wir nicht die Belohnungen, nicht die äußeren Anerkennungen der Welt bei Gerechtigkeit in Anschlag gebracht, wie dies nach eurer Bemerkung Homer und Hesiod bei ihren Lobgesängen auf diese getan haben, sondern wir haben bei der Gerechtigkeit an und für sich, ohne alle Rücksicht auf Belohnung, gefunden, daß sie für den Hauptteil des Menschen, die Seele, das Beste sei, daß sie gerecht handeln müsse, mag der Mensch nun den Gygesring haben oder nicht, und zu solchem Ringe noch den Helm des Hades dazu.

Sehr wahr bemerkt, sagte er.

Würde es denn also, fragte ich, o Glaukon, nunmehr ohne alle Besorgnis einer Verunglimpfung [C] gegen die Gerechtigkeit und die übrige Tugend geschehen können, daß man ihr zu jenen Vorteilen, die sie an sich hat, noch dazu alle jene Belohnungen wieder beilegte, die sie der Seele von seiten der Menschen wie der Götter nicht nur im Leben des Menschen, sondern auch nach dessen Ende darbietet?

Ja, sagte er, allerdings können wir das.

Werdet ihr mir also die Tugendpreise jetzt wieder zurückgeben, die ihr während der Beantwortung der Streitfragen über das Wesen und die Vorzüglichkeit der Tugend euch als Vorsprung hattet geben lassen?

Was war denn das doch?

Ich habe euch dabei den Vorsprung gegeben, daß der Gerechte das Ansehen eines Ungerechten und der Ungerechte das Ansehen eines Gerechten haben solle. Denn ihr waret der verständigen Ansicht, [D] daß man, wenn auch diese Verhältnisse Göttern und Menschen nicht verborgen bleiben könnten, doch der Untersuchung wegen diese vorläufige Annahme einräumen müsse, damit das Wesen der Gerechtigkeit, ohne Rücksicht auf Belohnung, im Vergleiche zum Wesen der Ungerechtigkeit, ohne Rücksicht auf Strafe, sich endgültig beurteilen lasse, oder erinnerst du dich nicht mehr?

Es wäre von mir sehr unrecht, bemerkte er, wenn ich mich dessen nicht mehr erinnerte.

Nachdem nun diese endgültigen Urteile vorliegen, fuhr ich fort, so mache ich im Namen der Gerechtigkeit die Rückforderung, daß die wohltätigen Anerkennungen, die von seiten der Götter und Menschen für sie wirklich statthaben, auch von uns als wirklich vorhanden zugegeben werden, [E] damit sie auch jene Siegespreise davontrage, die sie von ihrem guten Ruf erwirbt und unter ihre Anhänger verteilt, nachdem sie ausgemachterweise auch das von ihrem inneren Wesen entspringenden Gute verteilt und diejenigen nicht täuscht, die sich in Wahrheit ihrer teilhaftig machen.

Ja, sagte er, gerecht sind deine Forderungen.

Da werdet ihr mir nun, sprach ich, erstlich dies zurückgeben, daß der Gottheit nicht verborgen bleibt, von welcher Beschaffenheit jeder von beiden ist?

Ja, sagte er, das wollen wir.

Bleiben sie aber nicht verborgen, so muß der eine von den Göttern geliebt, der andere verhaßt sein, wie wir auch im Anfange einräumten.

Es ist so.

Werden wir hierauf nicht weiter zugeben müssen, [613 St.2 A]  daß dem von den Göttern Geliebten allemal das möglichst Beste zuteil werde, mit Ausnahme des Falles, daß ihm von einem früheren Vergehen her eine unabwendbares Übel bevorstand?

Durchaus so.

Es ist also bei dem gerechten Manne, wenn er in Armut, Krankheit oder in einem anderen scheinbaren Übel sich befindet, anzunehmen, daß ihm diese scheinbaren Übel endlich doch zu irgend einem Guten ausschlagen werden, in diesem Leben oder nach dem Tode. Denn offenbar wird von den Göttern der nicht verlassen, wer sich bemüht, gerecht zu werden und durch Übung der Tugend [B] der Gottheit ähnlich zu werden, soweit es einem Menschen möglich ist.

Ja, sagte er, sicherlich wird ein solcher von dem nicht verlassen wird, dem er gleicht.

Nicht wahr, von dem Ungerechten müssen wir das Gegenteil von allem dem denken?

Ja, durchaus!

Dieses wären denn die von Seiten der Götter dem Gerechten zukommenden Siegespreise.

Ja, das sind sie, meine ich, sagte er.

Wie steht es nun, fuhr ich fort, mit denen von seiten der Menschen? Wenn man in dieser Beziehung das wahre Verhältnis ausdrücken soll, spricht sich das nicht in folgendem Gleichnisse aus? Geht es nicht den Meistern in der Ungerechtigkeit einerseits wie allen den Wettläufern, die in der Rennbahn hinauf gut laufen, [C] herunter aber nicht? Zuerst von den Schranken nach dem oberen Ende zu geht es frisch und munter, von da zurück aber werden sie ein Gegenstand des Spottgelächters, wenn sie die Ohren bis auf die Achseln hängen lassen und ohne Siegeskranz davoneilen, die wahren Meister im Laufen dagegen gelangen an das bestimmte Ziel, empfangen ihre Siegespreise und werden bekränzt. Ist das nun nicht auch bei den Gerechten meist der Fall? Am Ende einer jeden Betätigung, eines jeden menschlichen Verhältnisses sowie am Ende des Lebens werden sie gepriesen und bekommen auch von Seiten der Menschen die Preise.

Ja, das ist sicher meist der Fall.

Wirst du nun nichts dagegen haben, [D] wenn ich von solchen Gerechten da behaupte, was du deinerseits von den Ungerechten behauptetest? Denn ich werde doch nun behaupten dürfen, daß die Gerechten, wenn sie älter geworden sind, in ihrem Staate die Ämter haben, wenn sie wollen, daß sie aus einer Familie heiraten, aus welcher sie wollen, daß sie ihre Töchter verehelichen, an wen sie wollen, und überhaupt alle äußeren Vorteile, die du von deinen Ungerechten behauptest, behaupte ich nun von meinen Gerechten. Und andererseits werde ich doch auch von Ungerechten sagen dürfen, daß die meisten von ihnen, wenn sie auch in den früheren Jahren unentdeckt bleiben sollten, am Ende ihrer Laufbahn [E] erwischt und zuschanden werden, daß sie im späteren Alter im Elende leben, daß sie von Mitbürgern wie Fremdlingen bittere Mißhandlungen, Peitschenhiebe und alles andere Grausige erleiden, das du mit Recht nanntest, alle diese Qualen denke auch von mir aufgezählt gehört zu haben, in der Überzeugung, daß sie den Ungerechten widerfahren, aber sieh zu, ob du nicht gegen diese meine Behauptung noch etwas einzuwenden hast!

Gar nichts, sagte er, denn deine Behauptungen sind gerecht.

Das wären also, fuhr ich fort, die Preise, Belohnungen und Geschenke, die dem Gerechten schon in diesem Leben auf Erden von Göttern und Menschen  [614 St.2 A]  außer jenen inneren Gütern zuteil werden, die die Gerechtigkeit an sich schon gewährt.

Ja, sagte er, herrliche und sichere Belohnungen!

Diese hier erwähnten, sprach ich weiter, sind nun doch nichts, weder an Menge noch an Größe, im Vergleich mit jenen, die beide, den Gerechten und den Ungerechten nach dem Tode erwarten. Aber diese letzteren Folgen nach dem Tode muß man auch noch hören, damit jeder von beiden seine vollständige Auszahlung von dem erhält, was unsere Untersuchung ihm zu verkünden schuldig ist.

O rücke doch damit heraus, sagte er. Denn nichts [B] würde ich lieber hören!

Ich werde jedoch, sagte ich, keine Erzählung eines Freundes von Märchen, wie Alkinoos einer war, sondern eines Mannes von Ehren berichten, von Er, dem Sohne des Armenios, eines Pamphyliers von Geburt. Dieser war einst in einer Kriegsschlacht gefallen, und als nach zehn Tagen die Leichname bereits verwest aufgehoben wurden, ward er noch unversehrt gefunden, nach Hause gebracht, lebte er im Augenblicke seiner Bestattung am zwölften Tage auf dem Scheiterhaufen wieder auf, und nach seinem Wiederaufleben erzählte er die Dinge, die er im Jenseits gesehen habe. Er sprach aber wie folgt: Nachdem seine Seele aus ihm gefahren, sei er mit vielen anderen gewandelt, und sie seien an einen [C] göttlichen Ort gekommen, wo in der Erde zwei nahe an einander stoßende Öffnungen gewesen seien, und am Himmel gleichfalls oberhalb zwei andere ihnen gegenüber. Zwischen diesen Öffnungen seien nun Richter gesessen, diese hätten allemal, nachdem sie ihren Urteilsspruch getan, den Gerechten befohlen, den Weg rechts und durch den Himmel zu wandern, nachdem sie ihnen zuvor vorn ein Zeichen von beurteilten Taten angehängt, die Ungerechten aber hätten sie nach der Öffnung zur linken Hand, und zwar nach unten, verwiesen, und auch diese hätten ihre Zeichen, aber hinten, anhängen gehabt über alles das, was sie verübt hätten. [D] Als nun auch er dran gekommen sei, hätten sie ihm bekannt gemacht, er müsse den Menschen ein Verkündiger des Jenseits werden, und sie hätten ihn aufgefordert, alles an diesem Orte zu hören und zu schauen. Da habe er denn nun gesehen, wie nach der einen Öffnung in dem Himmel und nach der andern in der Erde die Seelen abgegangen seien, nachdem sie jedesmal ihren Urteilsspruch vernommen hätten, aus den beiden anderen neben jenen beiden seien aus der in der Erde Seelen hervorgekommen voll Schmutz und Staub, aus der im Himmel dagegen seien andere, von jenen verschiedene, reine Seelen herabgestiegen. Und die jedesmal ankommenden [E] Seelen hätten den Anschein gehabt, als kämen sie von einer langen Wanderung, wären sehr vergnügt auf der bekannten Wiese angelangt und hätten wie zu einer festlichen Versammlung sich hingelagert. Die miteinander Bekannten hätten sich gegenseitig begrüßt, und die aus der Erde Angekommenen hätten bei den andern sich um die Verhältnisse des Jenseits erkundigt, und die aus dem Himmel Kommenden hätten jene gefragt, wie es bei ihnen herginge. Da hätten sie nun einander erzählt, die einen klagend und weinend, indem sie sich erinnerten, [615 St.2 A]  wie große und was für Leiden und Anblicke sie auf der Wanderung unter der Erde gehabt hätten, die Wanderung dauere nämlich tausend Jahre, die anderen dagegen aus dem Himmel hätten von ihrem Wohlergehen erzählt und von dem unbeschreiblich Schönen, das sie geschaut hätten. Die vielen Dinge nun, o Glaukon, die er gesehen, ausführlich zu erzählen, erforderte eine lange Zeit, die Hauptsache aber, sagte er, sei dies: Für alle Ungerechtigkeiten, die nur jeder einzelne an einem verübt gehabt, dafür habe er wegen jeder einzelnen eine besondere Strafe bekommen, nämlich wegen eines jeden Vergehens eine zehnfache, denn jede einzelne Strafe dauere hundert Jahre, [B] weil dies das Maß des menschlichen Lebens sei, so daß man für eine ungerechte Handlung eine zehnfache Strafe entgelte. So hätten diejenigen, die dadurch, daß sie Städte oder Heere verraten und in Knechtschaft gestürzt oder sonst ein großes Unglück mit angefangen hatten, eines mehrfachen Todes schuldig waren, für jede einzelne aller dieser Taten zehnfache Qualen auszustehen, und waren sie andererseits Urheber einiger Wohltaten, auch gerecht und fromm, so empfingen sie auch dafür ihren Preis nach demselben Maßstabe. In bezug auf die, welche, sobald sie geboren waren, [C] nicht lange lebten, erzählte er auch mancherlei, was aber hier der Erwähnung nicht wert ist. Für Frevelmut und Ehrfurcht gegen Götter und Eltern sowie für eigenhändigen Mord gibt es seiner Erzählung nach eine noch größere Vergeltung. So stand er nämlich, wie er sagte, neben einem anderen, der von einem anderen gefragt wurde, wo Ardiaios der Große sei. Dieser Ardiaios aber war in einer Stadt Pamphyliens schon damals vor tausend Jahren Tyrann gewesen, hatte seinen [D] greisen Vater und seinen älteren Bruder ermordet und natürlich auch noch viele andere Freveltaten verübt, wie die Sage ging. Jener Gefragte nun, wie er sagte, habe geantwortet: „Er ist nicht hierher gekommen“, habe er gesagt, „und wird auch wohl gar nicht hierher kommen“. Denn wir sahen unter anderem Schrecklichen auch dieses: Nachdem wir nahe bei der Öffnung und im Begriffe waren, nach Ausstehung aller übrigen Leiden, herauszutreten, da erblickten wir jenen Ardiaios auf einmal nebst vielen anderen, meistenteils Tyrannen, es waren nämlich darunter auch solche, die nichts mit dem Staate zu tun gehabt, aber zu den größten Verbrechern gehörten. [E] Als diese meinten, daß sie nun heraussteigen könnten, da gestattete es die Öffnung nicht, sondern ließ jedesmal ein Gebrüll hören, wenn einer von diesen in ihrer Seelenverderbnis Unheilbaren oder einer, der noch nicht hinlänglich gebüßt hatte, herauszutreten wagen wollte. „Da waren nun“, sagte er, „sofort wilde und feurig aussehende Männer bei der Hand, die jenen Laut verstanden, einige ergriffen und wegführten, dem Ardiaios aber und andern banden sie Hände, Füße  [616 St.2 A] und Kopf zusammen, warfen sie nieder, schunden sie, schleiften sie hernach aus dem Wege und marterten sie auf Dornhecken, dabei deuteten sie den jedesmal Vorbeigehenden an, weswegen sie dies erlitten, und daß sie abgeführt würden, um in den Tartaros geworfen zu werden.“ Und so sei denn, sagte er, unter vielen und allerlei ihnen widerfahrenen Furchtbarkeiten am größten gewesen jene Furcht, es möchte in dem Augenblicke, da man herausstiege, jenes Gebrüll entstehen, und mit der größten Freude sei ein jeder, wenn es geschwiegen habe, herausgetreten.

Die Strafen und Büßungen seien also denn etwa von der erwähnten Art gewesen, die ihnen andererseits gegenüberstehenden Belohnungen beständen in folgendem: Nachdem nämlich die jedesmal Ankommenden [B] auf jener Wiese sieben Tage zugebracht, hätten sie sich an dem achten aufmachen und von hier an weiterwandern müssen, und da wären sie dann am vierten Tage in eine Stelle gekommen, wo man von oben herab einen durch den ganzen Himmelsraum über die Erde hin ausgebreiteten Lichtstrom gesehen habe, wie eine Spannbogen, dem Regenbogen vergleichbar, aber heller und reiner. Nach einer Tagreise wären sie nun da hineingekommen und hätten dort mitten in jenem Lichte gesehen, wie die äußersten Enden der Himmelsbänder am Himmel angebracht seien, denn nichts anderes als jener Lichtstreif sei das Land des Himmelsgewölbes, wie etwa die verbindenden Querstreben an den Dreiruderern, [C] und halte so den ganzen Himmelskreis zusammen, an jenen Enden aber sei die Spindel der Notwendigkeit angebracht, durch welche Spindel alle Sphären bewegt würden. An ihr seien nun Achsen und Haken aus Diamant, das Treibrad aber habe aus einer Mischung aus diesem und anderem bestanden. Die Beschaffenheit dieses Treibrads sei nun folgende gewesen: Die äußere Gestalt sei so gewesen, wie sie das Treibrad bei uns hat, man muß sich jedoch seiner Erzählung nach sie so vorstellen, als wenn in einem großen ausgehöhlten Treibrade ein anderes kleineres eingepaßt wäre, so wie man Gefäße hat, die in einander passen, [D] und auf dieselbe Weise muß man sich noch ein anderes, ein drittes, viertes und noch vier weitere Treibräder ineinander gepaßt denken. Denn acht Treibräder seien es insgesamt, die ineinander lägen und ihre Ränder von oben her als Kreise zeigten und um die Achse nur eine zusammenhängende Oberfläche eines einzigen Treibrades darstellten, jene Achse sei aber mitten durch alle acht ganz durchgezogen. So sei nun das erste und äußerste Treibrad das breiteste, das zweit breiteste die sechste, das dritte die vierte, das vierte die achte, das fünfte die siebente, das sechste die fünfte, das siebente die dritte, das achte die zweite. Das größte Treibrad sei nun buntfarbig, das siebente am glänzendsten, das achte erhalte seine Farbe von der Beleuchtung des siebenten, [617 St.2 A]  das zweite und fünfte seien einander sehr ähnlich und zwar gelblicher als jene, das dritte habe die weißeste Farbe, das vierte sei rötlich, das zweite aber übertreffe an Weiße die sechste. Wenn nun so die ganze Spindel sich herumdrehe, so kreise sie zwar in demselben Schwunge, während des Umschwunges des Ganzen aber bewegten sich die sieben inneren Kreise langsamer, in einem dem Ganzen entgegengesetzten Schwunge. Am schnellsten von ihnen gehe aber der achte, den zweiten Rang der Schnelligkeit hätten zugleich mit einander der siebente, sechste und fünfte, den dritten im Umschwünge, [B] wie es ihnen geschienen, habe der vierte Kreis gehabt, den vierten der dritte, und den fünften der zweite. Gedreht aber werde die Spindel im Schoße der Notwendigkeit. Auf ihren Kreisen aber säßen oben auf jeglichem eine sich mit ihnen umschwingende Sirene, welche eine Stimme, jedesmal einen zum Ganzen verhältnismäßigen Ton, hören läßt, aber alle acht zusammen erzeugten eine Harmonie. Rings aber säßen drei andere Gestalten in gleicher Entfernung von einander, eine jede auf einem Throne, nämlich die Töchter der Notwendigkeit, die Parzen, in weißen Gewändern und mit Kränzen auf dem Haupte, Lachesis, Klotho und Atropos, und sängen zu der Harmonie der Sirenen. [C] Lachesis besänge die Vergangenheit, Klotho die Gegenwart, Atropos die Zukunft. Und Klotho berühre von Zeit zu Zeit mit ihrer rechten Hand den äußeren Kreisrand der Spindel und drehe sie, Atropos ebenso die inneren Kreise mit der linken, Lachesis aber berühre abwechselnd die inneren und äußeren mit beiden Händen.

Sie hätten nun, nachdem sie angekommen seien, alsbald sich zur Lachesis begeben. Da habe ein Verkünder sie in eine Reihe gestellt, er habe hierauf aus dem [D] Schoße der Lachesis Lose und Lebensmuster genommen, sei damit auf eine hohe Bühne gestiegen und habe da also geredet: „Es spricht die Jungfrau Lachesis, die Tochter der Notwendigkeit. Eintägige Seelen! Es beginnt mit euch eine andere, mit dem Tod endende Periode des sterblichen Geschlechts, nicht euch erlost der Dämon, sondern ihr wählt euch den Dämon. Sobald einer gelost hat, so wähle er sich eine Lebensbahn, womit er nach dem Gesetze der Notwendigkeit verbunden bleiben wird. Die Tugend ist aber ungebunden, von ihr erhält ein jeder mehr oder weniger, [E] je nachdem er sie in Ehren hält oder vernachlässigt. Die Schuld liegt am Wählenden, Gott ist schuldlos.“ Auf diese Worte habe er die Lose auf sie hin geworfen. Ein jeder habe nun das neben ihm liegende Los aufgehoben, nur er selbst nicht, ihm habe er es nicht gestattet. Wer es aber aufgehoben habe, dem sei kund geworden, die wievielte Stelle in der Reihe er bekommen habe. [618 St.2 A]  Hierauf habe er sogleich die Muster der Lebensweisen vor sie auf den Boden gestellt in weit größerer Anzahl als die der Anwesenden. Da hätte es denn allerlei gegeben, Lebensweisen von allen Tieren und auch, versteht sich, alle menschlichen. Darunter hätten sich nun unumschränkte Tyrannenherrschaften befunden, zum Teil lebenslängliche, zum Teil auch solche, die mitten im Leben verloren gehen und mit Armut, Verbannung und mit dem Bettelstab endigen. Auch hätten sich darunter befunden Lebensweisen von wohlangesehenen Männern [B] teils durch Gestalt, Schönheit und außerdem durch körperliche Stärke und Kampftüchtigkeit, teils ihrer Geburt und der Vorzüge ihrer Ahnen wegen, ferner ebenfalls Lebensweisen solcher, die in den genannten Rücksichten unansehnlich waren, und ebenso habe es sich mit den Weibern verhalten. Eine Rangordnung der Seelen habe aber nicht dabei stattgefunden, weil es eine unbedingte Notwendigkeit ist, daß eine Seele, welche eine andere Lebensweise wählt, auch eine andere wird. Im übrigen seien die Lebensweisen durcheinander gemischt und teils mit Reichtum oder Armut, teils mit Krankheit, teils mit Gesundheit verbunden, [C] manche lägen auch zwischen den genannten Zuständen in der Mitte.

Hier liegt nun offenbar, mein lieber Glaukon, für den Menschen die allergrößte Gefahr. Und deshalb muß man besonders dafür sorgen, daß jeder von uns mit Hintansetzung alles anderen Wissens nach jenem besonders trachte und forsche, wodurch er zu erfahren und zu finden imstande ist, wer ihm die Geschicklichkeit und die Wissenschaft beibringen könnte, eine gute und schlechte Lebensweise zu unterscheiden und aus den jedesmal wählbaren überall die bessere herauszuwählen, dabei auch wohl alle unsere [D] obigen Lehren in Anschlag zu bringen, für gegenseitige Vergleichungen und Bestimmungen in bezug auf die vorzügliche Lebensweise, ferner zu wissen, was Schönheit, mit Armut oder Reichtum gemischt, tut, und bei welcher Beschaffenheit der Seele sie Gutes oder Schlimmes bewirkt, was ingleichen edle Geburt und niedere Abkunft, was stille Zurückgezogenheit und Staatsdienst, was körperliche Kraft und Schwäche, was Gelehrtheit und Ungelehrtheit, was für Wirkungen überhaupt dergleichen Eigentümlichkeiten der Seele und ihre dazu erworbenen Eigenheiten tun, wenn sie mit einander vermischt werden. [E] Und so kann man erst nach Erwägung aller dieser Umstände imstande sein, mit Berücksichtigung des Wesens der Seele bei seiner Wahl die schlechtere und bessere Lebensweise zu unterscheiden und dabei diejenige einerseits die schlechtere zu nennen, welche die Seele dahin bringt, daß sie ungerechter wird, die bessere andererseits diejenige, die sie immer gerechter macht. Um alles übrige wird man sich dabei unbekümmert lassen, denn wir haben gesehen, daß dies sowohl für das Leben als auch nach dem Tode die beste Wahl ist. Darum muß man fest  [619 St.2 A]  an dieser Meinung hängen und glücklich in die Zukunft gehen, und darf sich von Reichtum und dergleichen Übeln nicht erschüttern lassen, ingleichen muß man auch auf seiner Hut sein, daß man nicht auf Tyrannenherrschaften und sonstige Geschäfte der Art verfällt und dadurch viele unheilbare Übel verübt, sich selbst aber eben dadurch noch weit größere zuzieht. Man verstehe vielmehr in Beziehung auf jene Lebensbeschäftigung die mittlere Laufbahn zu wählen und sowohl in diesem Leben als in dem zukünftigen die Extreme an beiden Seiten nach Kräften zu vermeiden, denn so wird ein Mensch am glücklichsten.

Und so habe denn auch damals, lautet die Botschaft aus dem Jenseits, jener Verkünder [B] sich ausgedrückt: „Auch den, der zuletzt hinzutritt, aber mit Vernunft wählt und mit Anstrengung aller Kräfte der Tugend lebt, erwartet ein Leben, mit dem er zufrieden sein kann, und durchaus kein schlechtes. Darum sei weder der erste bei der Wahl unachtsam, noch lasse der letzte seinen Mut sinken!“ Auf diese Worte habe der, sagte er, welcher zuerst gelost habe, in großer Hast sich die größte Tyrannenherrschaft gewählt, mit Unverstand und ehrsüchtigem Heißhunger sei er bei seiner Wahl verfahren, nicht mit reiflicher Erwägung aller obwaltenden Umstände, und darum habe er übersehen [C] das damit unzertrennliche Geschick, seine eigenen Kinder zu verzehren und anderes Unheil. Nachdem er aber mit der Zeit seine Wahl reiflicher überlegt hätte, da habe er sich darüber die Haare gerauft und gejammert und nicht die Vorerinnerung des Verkünders bedacht, denn er habe von seinem Unheil nicht sich die Schuld gegeben, sondern dem Schicksale, den Göttern und eher allem als sich selbst. Er sei aber einer von denen gewesen, die aus dem Himmel gekommen waren, denn er habe in einer geregelten Verfassung sein erstes Leben vollbracht und sei tugendhaft nur durch Gewöhnung, nicht durch die wahre Wissenschaft gewesen. [D] Man könne daher behaupten, daß unter denen, die aus dem Himmel kommen gar nicht die geringste Anzahl derer sei, die auf dergleichen Mißgriffe ertappt würden, weil sie in Mühseligkeiten unerfahren wären, während die meisten aus der Erde Anlangenden nicht so hastig ihre Wahlen machten, weil sie sowohl an ihrer eigenen Person als auch durch Beobachtung anderer Erfahrung von Leiden und Mühseligkeiten haben. Daher denn, und auch vom Zufall des Loses, die meisten Seelen einen Wechsel von Schlechtem und Gutem erführen. Sonst könnte jemand, [E] wenn er jedesmal, sooft er in dieses Leben käme, sich mit Ernst der Wahrheit befleißigte, und wenn ihm dann das Los zur Wahl nicht unter den letzten falle, nach den Ankündigungen jener ziemlich gewiß sein, daß er nicht nur hienieden glücklich sein, sondern daß er auch seine Wanderung aus dieser in das Jenseits und aus diesem in diese Welt hier wiederum zurück auf keinem unterirdischen und rauhen, sondern auf einem glatten und himmlischen Wege machen würde. Dieses Schauspiel nämlich, sagte er, sei sehenswert gewesen, wie jede Seele sich ihre Lebensweise gewählt habe, [620 St.2 A]  denn der Anblick habe Mitleid, Lachen und Bewunderung erregt. Meist hätten sie nach der Gewohnheit ihres früheren Lebens ihre Wahl getroffen. So hätte man die einst dem Orpheus gewesene Seele das Leben eines Schwanes wählen sehen, indem sie aus Haß gegen das weibliche Geschlecht wegen des von ihm erlittenen Todes von keinem Weibe habe wollen geboren werden, die des Thamyris hätte man das einer Nachtigall wählen sehen. So habe man dagegen von einem Schwan gesehen, daß er sich durch die Wahl eines Menschenlebens umgestaltet habe, und noch andere sangreiche Vögel, wie natürlich. Die zwanzigste Seele habe sich das Leben eines Löwen gewählt und dies sei die des Telamoniers Aias gewesen, [B] welche sich durchaus gesträubt habe, wieder ein Mensch zu werden, weil sie noch immer an das Waffengericht gedacht habe. Hierauf sei die Seele Agamemnons herangekommen, auch diese habe aus Haß gegen das Menschengeschlecht wegen der von ihm erfahrenen Leiden das Leben eines Adlers eingetauscht. In der Mitte der Losenden sei Atalante gewesen, und da sie große Ehren eines kampfverständigen Mannes gesehen habe, habe sie nicht dabei vorübergehen können, sondern habe dieses Los genommen. Nach dieser habe man die Seele des Epeios von Panope in die Gestalt einer ränkevollen Frau übergehen sehen. [C] Weit unter den letzten hätte man den Possenreißer Thersites erblickt, während er die Natur eines Affen annahm. Aus Zufall sei die Seele des Odysseus die letzte bei der Losung gewesen und wäre nun auch herangetreten, um zu wählen, im Andenken an die früheren Mühen und Gefahren sei sie von allem Ehrgeize ledig gewesen, sei lange herumgegangen und habe nach dem Leben eines von Staatsgeschäften entfernten Mannes gesucht, mit Mühe habe sie es endlich gefunden, wo es von allen übrigen verachtet gelegen habe, und sie habe bei dessen Anblick gesagt, daß sie ebenso bei ihrer Wahl verfahren wäre, [E] wenn sie auch als erste zu losen gehabt hätte, und habe es darauf mit großer Freude zu sich genommen. Gleichermaßen seien außerdem auch Tiere in Menschen übergegangen, und auch eine Gattung in die andere, die unbändigen in wilde und die zu bändigenden in zahme, und so seien überall Verwandlungen vorgegangen.

Nachdem nun alle Seelen so ihre Lebensweisen gewählt hatten, so seien sie in der Ordnung, wie sie gelost hätten, zur Lachesis geschritten. Jene habe nun einem jeden den Dämon der von ihm erwählten Lebensweise zum Beschützer seines Lebens und [E] zum Vollstrecker seiner Wahl mitgeschickt. Dieser Dämon habe nun seine Seele zunächst zur Klotho gebracht und unter ihre den Wirbel der Spindel treibende Hand geführt, um das Geschick, welches jene gelost, zu befestigen. Nachdem er diese berührt hatte, habe er seine Seele alsbald zur Spinnerei der Atropos geführt, um ihren angesponnenen Faden unveränderlich zu machen. Von hier sei er nun unter den Thron der Notwendigkeit getreten. [621 St.2 A]  Und als er nach dem Vorgange der übrigen durch diesen hindurchgegangen wäre, seien sie sämtlich durch furchtbare Hitze und Stickluft hindurch auf das Feld der Vergessenheit gekommen. Da sei nun nichts von Bäumen und allem dem gewesen, was die Erde trägt. Hier hätten sie sich nun nach schon angebrochenem Abend an dem Flusse ‚Sorgenlos’ gelagert, dessen Wasser kein Gefäß zu halten vermöge. Notwendig mußten nun freilich alle ein gewisses Maß von diesem Wasser trinken, die aber, denen die Vernunft nicht als Helferin zur Seite stehe, tranken über jenes Maß, und wer so tränke, [B] der vergesse alles. Nachdem sie sich nun niedergelegt hatten und Mitternacht gekommen war, sei ein Blitzen und ein Beben entstanden, und plötzlich seien sie dann wie Sternschnuppen der eine dahin, der andere dorthin gefahren, um ins Leben zu treten. Er selbst habe nun nicht von jenem Wasser trinken dürfen, auf welche Art und Weise er jedoch wieder in seinen Körper gekommen sei, das wisse er nicht, sondern nur so viel, daß er des Morgens auf einmal die Augen aufgemacht und sich auf dem Scheiterhaufen liegend gefunden habe.

Und so, o Glaukon, ist denn diese Erzählung erhalten worden [C] und ist nicht verloren gegangen, und wird vielleicht auch unsere Seelen retten, wenn wir ihr nämlich folgen, wir werden dann glücklich über den Fluß Lethe setzen und unserer Seele nicht beflecken.

Wenn wir daher meiner Meinung folgen, so wollen wir fest daran halten, daß die Seele unsterblich ist und alles Üble und Gute ertragen kann, wollen immer den Weg nach oben im Auge haben, wollen mit vernünftiger Einsicht auf allen unseren Wegen Gerechtigkeit üben. [D] Und so werden wir mit uns selbst in Frieden einig sein und mit den Göttern, sowohl in diesem Leben als auch dann, wenn wir die Siegespreise dafür davontragen, die wir wie siegreiche Kämpfer von allen Seiten einsammeln, und werden sowohl hier als auch in der beschriebenen tausendjährigen Wanderung glücklich sein.