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Gesetze


DRITTES BUCH

 

[676 St.]   DER ATHENER: So viel denn also hierüber. Was mag aber wohl der Ursprung des Staatslebens gewesen sein? Möchte uns derselbe nicht etwa hieraus am Leichtesten und Besten begreiflich werden?

KLEINIAS: Woraus?

DER ATHENER: Aus eben dem woraus auch der weitere Fortgang der Staaten im Guten wie auch im Schlimmen jedesmal abzunehmen ist.

KLEINIAS: Was meinst du denn aber?

DER ATHENER: Ich meine die unendliche Länge der Zeit und der Veränderungen welche innerhalb derselben vor sich gehen.

KLEINIAS: Aber wie verstehst du das?

DER ATHENER: Laß sehen! Getrautest du wohl jemals dir ausrechnen zu können wie lange Zeit verstrichen ist seit Staaten bestehen und Menschen im Staatsverbande leben?

KLEINIAS: Nein, wahrhaftig, das wäre nichts Leichtes.

DER ATHENER: So viel aber weißt du doch, daß diese Zeit eine unendliche und unermeßliche ist?

KLEINIAS: Das allerdings.

DER ATHENER: Sind uns nun nicht tausend und aber tausend Staaten während dieser Zeit entstanden und nach demselben Maße auch wieder zerstört worden? Haben sie ferner nicht an allen Orten oft alle möglichen Verfassungen durchgemacht? Und sind sie nicht bald aus kleinen groß, bald aus großen klein, und bald schlecht aus guten und gut aus schlechten geworden?

KLEINIAS: Es kann nicht andes sein.

DER ATHENER: Von diesem Wechsel also laßt uns, wenn wir können, die Ursache ergründen, denn vielleicht macht sie uns den ersten Ursprung der Staaten und ihre weiterhin erlittenen Veränderungen klar.

KLEINIAS: Wohl gesprochen! Halte du dich denn bereit uns deine Ansichten hierüber an den Tag zu legen, so wie wir es sind dir zu folgen.

[677 St.] DER ATHENER: Wohlan! Scheinen euch die alten Sagen eine gewisse Wahrheit zu enthalten?

KLEINIAS: Welche denn?

DER ATHENER: Daß wiederholte Verheerungen des Menschengeschlechts durch Überschwemmungen, Seuchen und vieles Andere stattgefunden haben, bei denen dann nur ein geringer Teil desselben übrig geblieben sei.

KLEINIAS: All derartiges glaubt ja alle Welt.

DER ATHENER: Wohlan denn, wir wollen von den vielen nur Eine, nämlich die einst durch jene große Überschwemmung bewirkte in Betracht ziehen.

KLEINIAS: Was wollen wir denn an ihr in Betracht ziehen?

DER ATHENER: Daß Diejenigen welche damals dem Untergange entrannen so einige Hirten der Gebirge gewesen sein dürften, welche hie und da auf den Gipfeln derselben als schwache Funken des Menschengeschlechts erhalten blieben.

KLEINIAS: Offenbar.

DER ATHENER: Und Leute von solcher Art waren denn doch wohl notwendig sowohl in allen anderen Künsten unerfahren als auch namentlich in den Mitteln welche man in den Städten zur Befriedigung der Gewinnsucht und des Ehrgeizes anwendet und in allen sonstigen Ränken welche man dort gegen einander aussinnt.

KLEINIAS: Wahrscheinlicherweise wenigstens.

DER ATHENER: Wir nehmen also an daß die in den Ebenen und am Meere gelegenen Staaten sämtlich damals zu Grunde gegangen seien?

KLEINIAS: Ja.

DER ATHENER: Werden wir also nicht behaupten daß auch alle Werkzeuge und was etwa an Erfindungen von erheblicher Kunst im Staatswesen und in irgend einem anderen Zweige menschlicher Geistestätigkeit vorhanden war, damals Alles verloren gegangen ist?

KLEINIAS: Wie hätte denn, Bester, wenn dies Alles immerfort im Stande geblieben wäre wie es jetzt eingerichtet ist, jemals irgend etwas Neues erfunden werden können? Vielmehr blieb dergleichen durch eine lange Reihe von Jahrtausenden den Früherlebenden verborgen, und es sind erst tausend oder zweitausend Jahre her seitdem Einiges durch den Dädalos, Anderes durch den Orpheus, noch Anderes durch den Palamedes, die Musik vom Marsyas und Olympos, die Leier vom Amphion, und gar vieles Andere von Andern, also fast möchte man sagen erst gestern und vorgestern erfunden ward.

DER ATHENER: Weißt du, Kleinias, du hast dabei einen dir befreundeten Mann ausgelassen, der recht eigentlich erst von gestern ist.

KLEINIAS: Meinst du den Epimenides?

DER ATHENER: Freilich meine ich ihn. Denn bei Weitem überflügelt er bei euch die Erfindungen aller Anderen mit der seinen, welche zwar mit Worten Hesiod längstens angedeutet hatte, er aber nach eurer Behauptung erst eigentlich ins Werk gesetzt hat.

KLEINIAS: Allerdings ist das unsere Behauptung.

DER ATHENER: Also nehmen wir an, Folgendes sei damals, als diese Verheerung eingetreten war, der Zustand der Menschen gewesen: eine ungeheure schreckliche Einöde, eine überaus große Menge fruchtbaren Landes, aber von Tieren, da die anderen untergegangen waren, nur einiges Rindvieh und eine irgendwo etwa übrig gebliebene Ziegenart, [678 St.] und auch diese Tiere damals anfänglich nur in geringer Zahl zum Unterhalte für ihre Züchter.

KLEINIAS: Wie anders?

DER ATHENER: Ist es nun glaublich daß von den Dingen von denen unsere jetzige Unterredung handelt, Staat, Verfassung und Gesetzgebung, geradezu gesagt, auch nur eine Erinnerung damals geblieben war?

KLEINIAS: Sicherlich nicht.

DER ATHENER: Also aus jenem Zustand der Dinge ist Alles was zu unserer gegenwärtigen Einrichtung gehört hervorgegangen, Staaten, Verfassungen, Künste, Gesetze, die Fülle des Lasters und die Fülle der Tugend?

KLEINIAS: Wie meinst du?

DER ATHENER: Können wir uns denken, mein Teurer, daß die damals lebenden Menschen, welche mit den vielen Vorzügen so gut wie Mängeln des städtischen Lebens noch unbekannt waren, es wirklich zu etwas Rechtem sei es in Tugend oder in Laster gebracht?

KLEINIAS: Du hattest Recht, und wir begreifen jetzt was du willst.

DER ATHENER: Also erst im Fortgang der Zeit und mit der Vermehrung unseres Geschlechtes ist Alles in den Zustand in welchem es sich gegenwärtig befindet fortgeschritten?

KLEINIAS: Ja wohl.

DER ATHENER: Und zwar natürlich nicht auf einmal, sondern allmählich und im Verlaufe gar langer Zeit?

KLEINIAS: Auch dies konnte nicht anders sein.

DER ATHENER: Denn um von den Höhen in die Ebene hinabzusteigen, dazu war, meine ich, Allen der Schrecken noch in zu frischem Andenken.

KLEINIAS: Freilich.

DER ATHENER: Mußten nun nicht die Menschen wegen ihrer geringen Anzahl in den damaligen Zeiten begierig sein einander zu sehen? Allein Fuhrwerke oder Fahrzeuge, auf denen sie zu Lande oder zur See hätten zu einander reisen können, waren damals mit den Künsten sämtlich so gut wie ganz untergegangen. Gegenseitiger Verkehr war also, denke ich, damals nicht leicht möglich. Denn Eisen und Erz und alle Metalle waren dergestalt verschüttet daß man nicht im Stande war sie wieder auszuscheiden; und so fehlte es auch an Mitteln zum Holzfällen. Denn wenn auch hie und da wohl eine Art auf den Bergen übrig geblieben war, so waren diese doch bald durch den Gebrauch abgenutzt und zu Ende, und neue konnten nicht gemacht werden, bevor die Kunst des Bergbaues wieder zu den Menschen gelangt war.

KLEINIAS: Freilich war es nicht eher möglich.

DER ATHENER: Und wie viele Menschenalter später mag dies wohl geschehen sein?

KLEINIAS: Offenbar sehr viele.

DER ATHENER: Also werden denn auch wohl alle Künste zu denen man Eisen, Erz und alle anderen Metalle gebraucht damals eben so lange und noch länger verloren gewesen sein?

KLEINIAS: Wie anders?

DER ATHENER: Damit war denn aber auch zugleich Aufruhr und Krieg in der damaligen Zeit aus vielfältigen Gründen beseitigt.

KLEINIAS: Wie so?

DER ATHENER: Fürs Erste waren die Menschen wegen ihrer Vereinsamung liebreich und wohlwollend gegen einander gesinnt, sodann brauchten sie sich nicht um ihre Nahrung zu streiten, [679 St.] denn es war, außer vielleicht anfänglich für einige, kein Mangel an Weide, deren sie damals vorzugsweise zu ihrem Lebensunterhalte bedurften, und so fehlte es ihnen nie an Milch und Fleisch; überdies aber verschafften sie sich auch durch Jagd nicht wenig und nicht schlechte Nahrung. Und auch mit Kleidern, Lagerdecken, Wohnungen, feuerfesten und nicht feuerfesten Gerätschaften waren sie wohl versehen, denn die Künste des Töpferns und Webens bedürfen in keinem Stücke des Eisens, und diese beiden Künste gab daher Gott den Menschen, um sich vermittelst derselben jenes Alles verschaffen zu können, damit das Menschengeschlecht, wenn es in eine solche Not geriete, Gedeihen und Wachstum habe. In solcher Ausrüstung waren sie denn eben nicht arm und gerieten nicht, durch Armut gezwungen, in Zwist mit einander; andererseits konnten sie aber auch nicht reich werden, da sie kein Gold und Silber besaßen. Wo aber in einer Gemeinde weder Reichtum noch Armut eingebürgert sind, da werden denn auch wohl die Sitten am reinsten sein. Denn dort können weder Übermut noch Ungerechtigkeit noch auch Neid und Mißgunst entstehen. So waren sie denn teils aus diesem Grunde tugendhaft, teils durch das was man Sitteneinfalt nennt. Denn was sie als löblich und tadelnswert bezeichnen hörten, das hielten sie in ihrer Einfalt auch mit vollkommener Zuversicht dafür und handelten darnach, und aus solcher Art Weisheit wie man sie heutzutage findet eine Lüge dahinter zu suchen, daran dachte Niemand, sondern was man ihnen über Götter und Menschen sagte, das hielten sie für wahr und richteten ihr Leben darnach ein. Und so waren sie denn ganz und gar so geartet wie wir sie eben beschrieben haben.

KLEINIAS: Mir wenigstens und dem Megillos scheint es ebenfalls so zu sein.

DER ATHENER: Müssen wir also nicht annehmen daß diese Leute viele Menschenalter auf solche Weise zwar minder geschickt und erfahren als die vor der Flut und als die jetzt Gebornen in allen anderen und namentlich in den Kriegskünsten, wie man sich ihrer jetzt zu Lande und zur See bedient oder auch im Innern des Staates selber übt, nämlich bei dem was man Rechtshändel und Aufruhr heißt, und wobei man alle möglichen Kunstgriffe anwendet um einander zu schädigen und Unrecht zu tun, durchlebt haben werden, aber dafür einfältiger und tapferer und zugleich besonnener und in allen Stücken gerechter waren? Die Ursache davon haben wir bereits dargelegt.

KLEINIAS: Du hast Recht.

DER ATHENER: Dies Alles, und was sich sonst weiter noch hieran anschließt, soll uns nun aber zu dem Zwecke gesagt und bemerkt sein um daraus zu ersehen, [680 St.] in wie fern die damals lebenden Menschen von Gesetzen Gebrauch gemacht und was für einen Gesetzgeber sie gehabt haben.

KLEINIAS: Und vortrefflich hast du dies Alles bemerkt.

DER ATHENER: Nicht wahr, sie bedurften gar keiner Gesetzgeber und in jener Zeit pflegte man keine Gesetze zu machen? Denn die in einem solchen Zeitabschnitte Geborenen haben noch keine Schrift, sondern ihr Leben folgt nur dem Gewohnheitsrecht und den sogenannten väterlichen Bräuchen.

KLEINIAS: Wahrscheinlicherweise wenigstens.

DER ATHENER: Doch haben sie schon eine Art Staatsverfassung, und zwar auch in ähnlicher Weise.

KLEINIAS: In welcher?

DER ATHENER: So viel ich weiß, nennen Alle die in jener Zeit übliche Verfassung patriarchale Monarchie, welche auch jetzt noch an vielen Orten unter Griechen und Nichtgriechen besteht, nämlich die welche auch Homer irgendwo, indem er sie dem Lande zuschreibt wo die Kyklopen hausen, in folgenden Versen schildert:

Dort ist weder Gesetz noch Ratsversammlung des Volkes,

Sondern All' umwohnen die Felsenhöh'n der Gebirge

Rings in gewölbten Grotten, und Jeglicher richtet nach Willkür

Weiber und Kinder allein, und Niemand achtet des Andern.”

KLEINIAS: Ihr scheint einen anmutigen Dichter an diesem eurem Homer zu besitzen, denn ich habe auch noch Anderes aus ihm vortragen hören was recht hübsch ist, wenn auch nicht Vieles, denn wir Kreter beschäftigen uns nicht viel mit ausländischen Dichtungen.

MEGILLOS: Wir Lakedämonier hingegen beschäftigen uns mit ihm, und er scheint mir alle Dichter derselben Art zu übertreffen, obschon er nicht lakonische, sondern vielmehr überall eine ionische Lebensweise schildert. Hier nun aber scheint er vortrefflich deine Behauptung zu bestätigen, indem er hier in seiner Dichtung den Urzustand der Menschen als den einer solchen Rohheit schildert.

DER ATHENER: Freilich bestätigt er sie, und so mögen wir ihn denn zum Zeugen dafür nehmen daß es eine Zeit gibt in welcher solche Verfassungen entstehen.

KLEINIAS: Wohl!

DER ATHENER: Und zwar doch wohl bei solchen Menschen die in Folge der durch solche Verwüstungen eintretenden Verödung nach einzelnen Häusern und Geschlechtern zerstreut wohnen, und bei welchen denn die ältesten die Herrschaft führen, weil dieselbe von Vater und Mutter auf sie gekommen ist, deren Führung sie, gleichwie Vögel die zu Einem Schwarme gehören, folgen und so unter dem väterlichen Herkommen und dem allerrechtmäßigsten Königtume stehen?

KLEINIAS: Allerdings.

[681 St.] DER ATHENER: Hierauf aber treten Mehrere zu größeren Gemeinwesen zusammen und wenden sich zunächst an den Abhängen der Berge dem Ackerbau zu, hegen ihre Felder mit irgend welchem Mauerwerk als Schutzwällen wider die wilden Tiere ein, und bilden so wiederum je Ein gemeinsames großes Haus.

KLEINIAS: Wahrscheinlich wenigstens wird die Sache sich so gestalten.

DER ATHENER: Und ferner, ist nicht auch Folgendes wahrscheinlich?

KLEINIAS: Nun?

DER ATHENER: Daß in diesen größeren Häusern, welche aus jenen ersten kleineren erwachsen sind, doch jedes der letzteren als eine eigene Familie bestehen bleibt, die nicht bloß ihren Ältesten zu ihrem Haupte hat, sondern auch wegen des getrennten Wohnsitzes aller dieser Familien von einander seine eigenen Sitten beibehält, die verschieden von denen aller anderen sind, weil sie von verschiedenen Eltern und Pflegern herstammen, und an welche sich Jedermann gewöhnt hat in Beziehung auf die Götter wie auf sich selbst, als an ehrbarere weil von Ehrbareren und mannhaftere als von Mannhaften stammend, und daß jedes Haus feierlich diese ihm eigenen Grundsätze Kindern und Kindeskindern einprägt und so, wie ich meine, alle bereits im Besitze von eigenen Gesetzen waren als sie in die größere Gemeinde eintraten?

KLEINIAS: Wie anders?

DER ATHENER: Und daß nun Jedem seine eigenen Gesetze gefielen, und die aller Andern weniger, das konnte doch wohl kaum anders sein?

KLEINIAS: Kaum.

DER ATHENER: So sind wir denn also, wie es scheint, so ganz unvermerkt zum Anfange der Gesetzgebung gelangt.

KLEINIAS: Freilich.

DER ATHENER: Notwendig nämlich müssen die so Zusammengetretenen bald nach dieser ihrer Vereinigung Einige aus ihrer Mitte erwählen, um die gesetzlichen Bräuche aller in Betrachtung zu ziehen und Alles was ihnen von denselben am Meisten gefällt den Häuptern, welche dieselben gleich Königen leiteten, gemeinschaftlich vorzulegen und zur Wahl zu stellen, wobei dann sie selber Gesetzgeber heißen und sodann feststellen werden wer künftig Herrscher sein soll, indem sie aus den patriarchalischen Monarchien eine Aristokratie oder auch wohl ein Königtum bilden, und so werden sie dann unter dieser veränderten Regierungsform im Staate leben.

KLEINIAS: Auf diese Art und Weise mag wohl dieser weitere Verlauf vor sich gehen.

DER ATHENER: Wir wollen aber auch noch von einer dritten Gestaltung des Staatslebens reden, in welcher ja sämtliche nur mögliche Arten und Zustände von Verfassungen und zu-gleich Staaten alle zusammen sich bilden.

KLEINIAS: Was ist denn das für eine?

DER ATHENER: Die welche Homer gleichfalls neben der zweiten angedeutet hat, indem er in folgenden Worten ihre Eigentümlichkeit bezeichnet, da wo er von dem Dardanos spricht:

Ihn, Dardanias Stifter, denn Ilios heilige Feste

Stand noch nicht im Gefilde, bewohnt von redenden Menschen,

Sondern am Abhang wohnten sie noch des quelligen Ida.”

[682 St.] Diese Verse nämlich, eben so wie jene über die Kyklopen, entsprechen offenbar ganz der Natur der Dinge, und er singt sie aus göttlicher Eingebung. Denn auch die Dichter sind ja ein gottbegeistertes Geschlecht, und so treffen sie in ihrem Gesange mit Hülfe der Chariten und Musen jedesmal zum Teile die Wahrheit.

KLEINIAS: Sicherlich.

DER ATHENER: Laßt uns denn diese Sage die uns jetzt entgegengetreten ist noch weiter verfolgen, denn vielleicht offenbart sie uns Etwas was unserer Absicht dient. Sollen wir nicht?

KLEINIAS: Ja wohl.

DER ATHENER: Es wurde also, sagen wir, nachdem man die Gebirge verlassen in einer großen und ebenen Ebene Ilion erbaut auf einem Hügel der nicht hoch und mit vielen oben vom Ida herabströmenden Flüssen bedeckt war.

KLEINIAS: So sagt man wenigstens.

DER ATHENER: Glauben wir nun nicht daß dies erst lange Zeit nach der Flut geschehen sei?

KLEINIAS: Gewiß lange nach ihr.

DER ATHENER: Wenigstens muß damals die eben besprochene Verwüstung gewaltig in Vergessenheit geraten sein, als man so in der Nähe vieler und von den Gebirgen herabströmender Flüsse eine Stadt anzulegen wagte und sich auf Hügeln von geringer Höhe sicher glaubte.

KLEINIAS: Gewiß folgt daraus daß man durch eine überaus lange Zeit von jenem Begegnis geschieden sein mußte.

DER ATHENER: Auch viele andere Städte, sollte ich denken, waren damals schon bewohnt, da die Menschenzahl sich gemehrt hatte.

KLEINIAS: Sicher.

DER ATHENER: Sie führten ja sogar auch Krieg mit Ilion, und zwar selbst, wie es heißt, über's Meer, da Alle bereits ohne Scheu die See befuhren.

KLEINIAS: Richtig.

DER ATHENER: Und nachdem die Achaier etwa zehn Jahre vor Troja gelegen hatten, zerstörten sie es.

KLEINIAS: Allerdings.

DER ATHENER: In diesem Zeitraume von zehn Jahren nun, während dessen es belagert wurde, nahmen die Verhältnisse aller Belagerer in ihrer Heimat selbst vielfach eine schlimme Wendung durch ausbrechende Empörungen, dergestalt daß die Aufrührer auch die in ihre Staaten und Häuser zurückkehrenden Krieger nicht freundlich und nach Gebühr aufnahmen, sondern so daß fast überall Mord und Totschlag und Vertreibung aus dem Lande erfolgte. Späterhin aber wurden sie selbst ihrerseits wieder aus demselben vertrieben und kehrten dann unter einem anderen Namen zurück, indem sie jetzt Dorer anstatt Achaier hießen, weil der welcher damals die Flüchtlinge vereinigt hatte ein Dorer war. Und was dann von da ab geschehen, das wisset ja ihr Lakedämonier Alles bereits ausführlich zu berichten.

MEGILLOS: Freilich.

DER ATHENER: Eben dahin also, von wo wir gleich im Anfange unserer Unterredung über die Gesetze auf die musische Kunst und die Trinkgelage abschweiften, sind wir jetzt wie durch göttliche Führung wieder zurückgelangt, und unser Gespräch bietet uns gleichsam die Handhabe dazu jenen Gegenstand wieder aufzunehmen. Denn es ist jetzt bei der staatlichen Einrichtung von Ladedämon selber angelangt, [683 St.] welche ihr eben so wie die von Kreta vermöge der eng verwandten Gesetze von beiden für vollkommen ansetzt. Und so haben wir denn durch jene Abschweifung, welche uns durch mehrere Verfassungen und staatliche Einrichtungen hindurchführte, so viel gewonnen: wir haben die erste, zweite und dritte Regierungsform betrachtet, wie sie nach unserer Ansicht in ihren Ursprüngen zusammenhingen und so in unendlich langen Zeiträumen, aus einander entstanden sind, und jetzt bietet sich uns denn nun dieser vierte Staat oder, wenn ihr wollt, dies vierte Volk dar, welches ehemals seine staatliche Einrichtung erhielt und dieselbe noch jetzt bewahrt. Wenn wir nun aus diesem Allem irgendwie zu erkennen vermögen was von diesen Staatseinrichtungen löblich ist und was nicht, und welche Gesetze Dasjenige in ihnen aufrecht erhalten was sich aufrecht erhält, und welche Das zu Grunde richten was zu Grunde geht, und was wohl an die Stelle der letzteren treten müßte um den Staat glücklich zu machen, so müssen wir, lieber Megillos und Kleinias, hierüber unsere Erörterung gleichsam von vorne an wieder beginnen, es sei denn daß wir an der bisherigen Auseinandersetzung etwas auszustellen hätten.

MEGILLOS: Nun, Freund, wenn irgend ein Gott uns nur verheißen wollte daß wir bei diesem zweiten Anlauf unserer Betrachtung über die Gesetzgebung nichts Schlechteres noch minder Reichhaltiges als das bisher Entwickelte vernehmen sollen, so würde wenigstens ich für meinen Teil einen weiten Weg deshalb machen und der gegenwärtige Tag würde mir kurz erscheinen, obwohl es beinahe derjenige ist an welchem der Gott aus der sommerlichen in die winterliche Bahn übergeht.

DER ATHENER: Wir sollen also, scheint's, zu dieser weiteren Betrachtung übergehen.

MEGILLOS: Ja wohl.

DER ATHENER: Wir wollen uns demnach mit unseren Gedanken in die damalige Zeit versetzen, als Lakedämon, Argos, Messene und alles dazu gehörige Land euren Vorfahren, Megillos, völlig unterworfen war. Demnächst also beschlossen sie, wie die Sage meldet, ihr Heer in drei Teile zu teilen und drei Staaten zu gründen, Argos, Messene und Lakedämon.

MEGILLOS: Allerdings.

DER ATHENER: Und Könige wurden über Argos Temenos, über Messene Kresphontes, über Lakedämon Prokles und Eurysthenes.

MEGILLOS: Freilich.

DER ATHENER: Und das gesamte damalige Kriegsheer Schwur ihnen Hilfe zu leisten, wenn Jemand ihre Königsherrschaft vernichten wolle.

MEGILLOS: Richtig.

DER ATHENER: Zerfällt nun aber ein Königtum, beim Zeus, oder auch jede andere Herrschaft je durch irgend etwas Anderes als durch sich selbst? Haben wir nicht, als wir hierauf zu reden kamen, diesen Satz festgestellt? Und sollten es jetzt vergessen haben?

MEGILLOS: Unmöglich.

DER ATHENER: Suchen wir ihn also jetzt noch mehr zu befestigen. Wir sind nämlich, so scheint es, auf Tatsachen gestoßen die eben diesen Satz bestätigen, und es werden sich also unsere Untersuchungen über denselben nicht auf ein leeres Gedankenbild, [684 St.] sondern auf Geschichte und wirkliche Begebenheiten gründen. Es geschah nämlich Folgendes wirklich. Die drei Königshäuser und die drei von ihnen beherrschten Staatsgemeinden schwuren einander gegenseitig daß, getreu den Gesetzen, nach welchen sie gemeinsam festgesetzt hatten zu herrschen und sich beherrschen zu lassen, die ersteren im Fortgange der Zeit und ihres Geschlechtes die Grenzen ihrer Gewalt nicht weiter ausdehnen, die letzteren aber daß sie, so lange die Könige ihren Eid hielten, weder selbst jemals die königliche Würde beseitigen, noch Anderen welche dies versuchen möchten es zulassen wollten, und daß jeder König und jedes Volk den beiden anderen Königen und Völkern gegen jegliche Unterdrückung zu Hülfe kommen sollte. Ist's nicht so?

MEGILLOS: Ganz so.

DER ATHENER: Nicht wahr, die wichtigste Grundlage für den Bestand von Staatverfassungen war in den gesetzlichen Einrichtungen jener drei Staaten vorhanden, sei es nun daß die Könige selbst dieselben trafen oder andere Leute?

MEGILLOS: Was meinst du?

DER ATHENER: Daß allemal zwei Staaten gegen den dritten welcher diesen Gesetzen nicht Folge leistete sich vereinigten um den Gehorsam gegen dieselben von ihm zu erzwingen.

MEGILLOS: So ist es.

DER ATHENER: Freilich der große Haufen schreibt den Gesetzgebern vielmehr vor nur solche Gesetze zu geben welche die Völker oder wenigstens die Mehrzahl bei ihnen freiwillig annehmen, gerade so als wenn man den Turnlehrern und Ärzten auftragen wollte die Körper welche sie behandeln so zu behandeln und zu heilen daß es denselben Vergnügen bereitet.

MEGILLOS: Ganz und gar so ist es.

DER ATHENER: Während man doch häufig damit zufrieden sein muß wenn Jemand nur mit nicht allzu großen Schmerzen den Leibern Wohlsein und Gesundheit zu verschaffen im Stande ist.

MEGILLOS: Ganz recht.

DER ATHENER: Dann erleichterte aber auch noch folgender Umstand damals nicht wenig die Gesetzgebung in jenen Staaten.

MEGILLOS: Welcher denn?

DER ATHENER: Es konnte gegen ihre Gesetzgeber, als sie eine gewisse Gleichheit des Vermögens bei ihnen einrichteten, nicht jener größte aller Vorwürfe erhoben werden, wie ihn in vielen anderen Staaten bei Einführung einer neuen Gesetzgebung ein jeder zu hören bekommt der etwa eine Änderung im Grundbesitz und eine Ablösung der Schulden versucht, weil er einsieht daß ohne dies die angemessenen Vermögensverhältnisse niemals genügend wiederherzustellen sind. Denn so bald ein Gesetzgeber an so Etwas zu rühren unternimmt, tritt ihm Alles mit der Warnung entgegen ja nicht an unantastbaren Verhältnissen zu rütteln und verwünscht ihn, wenn er Länderverteilungen und Nachlaß der Schulden vornimmt, so daß jeder Gesetzgeber dabei in Verlegenheit gesetzt wird. Den Dorern aber fügte sich auch dies durch die gegebenen Verhältnisse wohl und ging ohne Anstoß von Statten daß sie sowohl ohne Widerspruch Land verteilen konnten als auch keine großen und alten Schulden hatten.

MEGILLOS: So ist es.

DER ATHENER: Warum ist denn nun aber trotzdem, meine Lieben, ihre staatliche Einrichtung und Gesetzgebung ihnen so schlecht gelungen?

[685 St.] MEGILLOS: Wie so? Und was hast du an ihnen zu tadeln?

DER ATHENER: Daß von den drei so entstandenen Staaten zwei schnell ihre Verfassung und Gesetze zu Grunde gehen ließen, und nur einer, nämlich der eure, unverändert geblieben ist?

MEGILLOS: Das ist keine leicht zu beantwortende Frage.

DER ATHENER: Trotzdem müssen wir dergleichen Fragen in unserer gegenwärtigen Unterhaltung über die Gesetze in Betracht ziehen und unserer Untersuchung unterwerfen und uns so, wie wir schon im Anfange unserer Wanderung bemerkten, eine vernünftige Anregung, wie sie sich für unser Alter schickt, verschaffen und gleichsam ein für dasselbe angemessenes Spiel spielen, um unseren Weg ohne Überdruß zurücklegen zu können.

MEGILLOS: Gewiß müssen wir es so machen wie du sagst.

DER ATHENER: Und welche schönere Betrachtung über Gesetze könnten wir wohl anstellen als wenn wir diejenigen betrachten welche diesen Staaten ihre rechtliche Ordnung gegeben haben, denn mit welchen berühmteren Staaten und bedeutenderen staatlichen Einrichtungen könnten wir uns wohl beschäftigen?

MEGILLOS: Ich wüßte nicht leicht andere zu nennen.

DER ATHENER: Nun ist es wohl klar daß jene Staaten damals die vorerwähnte von ihnen getroffene Einrichtung nicht allein als einen hinlänglichen Schutz für den Peloponnes, sondern auch für alle Griechen ansahen, für den Fall daß irgend ein auswärtiges Volk gegen sie freveln sollte, wie denn damals die Bewohner von Ilion, auf die Macht der Assyrer, welche vom Ninos begründet war, trotzend, den trojanischen Krieg erregt hatten. Denn noch immer hatte sich jenes assyrische Reich einen nicht geringen Glanz bewahrt, eben so sehr wie wir den Großkönig jetzt fürchten, fürchteten die damaligen Griechen jene vereinigte Kriegsmacht. War doch die zweite Eroberung Trojas ein gewichtiger Grund zur Klage gegen sie geworden, da diese Stadt ein Teil des assyrischen Reiches war. In Rücksicht auf dies Alles erschien es als eine wohl ausgedachte und ausgeführte Einrichtung daß das dorische Heer damals unter seinen verbrüderten Königen und Abkömmlingen des Herakles, in drei Staaten verteilt, doch eine einzige Heeresmasse bildete, und es durfte so auch vorzüglicher erscheinen als das gegen Troja gezogene. Denn fürs Erste durften sie glauben daß die Herakliden tüchtigere Führer seien als die aus dem Pelopidengeschlecht, und sodann auch daß ihr Heer das gegen Troja gezogene an Tapferkeit übertreffe, denn jenes habe gesiegt und dieses sei von ihm geschlagen worden, nämlich die Achaier von den Dorern. Nicht wahr, eine solche Einrichtung und ungefähr in einer solchen Absicht gaben sie dieselbe sich damals?

MEGILLOS: Allerdings.

[686 St.] DER ATHENER: Ist es nicht ferner wahrscheinlich daß sie derselben einen festen Bestand und lange Dauer zutrauten, indem sie auf die vielen Mühen und Gefahren fußten die sie mit einander geteilt hatten, so wie darauf daß sie von Königen von gleichem Stamme, von Brüdern jene ihre Anordnungen empfangen, und dazu endlich noch darauf daß sie neben vielen anderen Orakeln namentlich den delphischen Apollon zu Rate gezogen hatten?

MEGILLOS: Gewiß ist das wahrscheinlich.

DER ATHENER: Diese Macht nun, die zu so großen Erwartungen berechtigte, ist, wie wir sehen, damals schnell verflogen bis auf, wie eben gesagt, den kleinen Teil welcher euer Land umfaßt, und dieser nun hat bis auf den heutigen Tag nie aufgehört gegen die beiden anderen Teile Krieg zu führen, während, wenn ihre damalige Gesinnung wirklich Eins geworden und im Einklange geblieben wäre, sie wohl eine Macht hätten aufstellen können der keine andere im Kriege gewachsen gewesen wäre.

MEGILLOS: Zuverlässig.

DER ATHENER: Wie nun und auf welche Weise ging diese Macht zu Grunde? Lohnt es sich nicht zu untersuchen welches Geschick es war das einst einem Bunde von solcher Größe und Beschaffenheit den Untergang brachte?

MEGILLOS: Gewiß, denn kaum dürfte Jemand an einem anderen Beispiele abnehmen können welche Gesetze und Staatsverfassungen herrliche und mächtige Zustände aufrecht erhalten und welche sie im Gegenteile gänzlich zu Grunde richten, wenn er dieses nicht beachtet.

DER ATHENER: So sind wir denn hier allem Anscheine nach durch eine Art von glücklichem Zufall auf eine geeignete Untersuchung geraten.

MEGILLOS: Allerdings.

DER ATHENER: Begegnet es nicht, Teuerster, unvermerkt allen Menschen, und so jetzt auch uns, daß man oft zu sehen glaubt, es sei eine schöne Sache um Etwas und es würden bewundernswerte Dinge dabei herausgekommen sein, wenn man nur irgendwie auch den rechten Gebrauch davon zu machen gewußt hätte? Vielleicht denken so auch wir über den vorliegen den Gegenstand nicht richtig und der Natur der Dinge gemäß, und eben so möchte es auch Andern in Bezug auf alle anderen Dinge gehen über welche sie ein ähnliches Urteil fällen.

MEGILLOS: Was willst du denn damit sagen und worauf sollen wir uns denn eigentlich diese deine Bemerkung als hinzielend denken?

DER ATHENER: Bester, ich habe mich eben selber mit ihr verlacht. Denn beim Hinblick auf jene eben besprochene Kriegsmacht schien es mir als ob es ein gar herrliches Ding um sie gewesen sei und als ob mit ihr ein beneidenswerter Schatz den Griechen zugefallen sein würde, wenn, wie gesagt, man damals die richtige Anwendung von ihr gemacht hätte.

MEGILLOS: Und diese Äußerung von deiner Seite und unsere Billigung derselben wäre nicht richtig und verständig gewesen?

DER ATHENER: Vielleicht nicht, obwohl ich glaube daß noch Jeder der etwas Großartiges und mit vieler Macht und Stärke Ausgerüstetes erblickte sofort den Eindruck davon erfuhr daß, wenn der Besitzer von etwas so Vorzüglichem und Bedeutendem Gebrauch zu machen wüßte, es dann auch zu seinem Heile dienen und er viel Bewundernswertes damit auszurichten im Stande sein müßte.

[687 St.] MEGILLOS: Und wäre dann nicht auch das richtig? Oder denkst du anders darüber?

DER ATHENER: Siehe nur zu, in welcher Rücksicht der welcher ein solches Lob über irgend einen Gegenstand ausspricht richtig urteilt. Was zunächst den gerade jetzt besprochenen anlangt, wie hätten wohl die damaligen Befehlshaber, wenn sie es verstanden hätten das Heer auf die gehörige Weise zu ordnen, den rechten Vorteil erlangt? Nicht wahr, dadurch daß sie es fest zusammengehalten und ihm für alle Folgezeit seine Dauer bewahrt hätten, so daß sie sowohl selbst frei geblieben wären als auch noch Andere, so viel sie wollten, unter ihre Herrschaft gebracht und überhaupt samt ihren Nachkommen unter allen Völkern, Griechen und Nichtgriechen, Alles was sie begehrten durchzusetzen vermocht hätten. Würde man nicht dieserhalb sie gepriesen haben?

MEGILLOS: Allerdings.

DER ATHENER: Würde nun nicht auch wer in Ansehung großen Reichtums und hoher Ehre des Geschlechts dasselbe lobende Urteil fällt dies mit Rücksicht darauf tun, weil dem Besitzer dadurch Alles wonach er begehrt zu Teil werden dürfte oder doch das Meiste und Erheblichste?

MEGILLOS: So scheint es wenigstens.

DER ATHENER: Laß nun sehen! Haben nicht alle Menschen einen gemeinsamen Wunsch, nämlich den jetzt von unserer Untersuchung angegebenen, wie eben diese es bezeugt?

MEGILLOS: Welchen denn?

DER ATHENER: Daß was geschieht so geschehen möge wie unser Herz darüber verfügt, am Liebsten Alles, wo nicht, so wenigstens so viel als Menschen nur immer erreichbar ist.

MEGILLOS: Gewiß.

DER ATHENER: Und da wir Alle Dergleichen beständig wünschen, als Kinder, Männer und Greise, werden wir nicht notwendigerweise um eben dies unaufhörlich beten?

MEGILLOS: Wie anders?

DER ATHENER: Und für Die welche uns lieb sind werden wir mit um Das beten was sie für sich selber erflehen?

MEGILLOS: Ohne Zweifel.

DER ATHENER: Lieb ist nun doch ein Sohn seinem Vater, als Knabe dem Manne?

MEGILLOS: Sicherlich.

DER ATHENER: Und doch dürfte der Vater die Götter anrufen daß sie vieles von Dem was der Sohn für sich erfleht nimmermehr nach diesem seinem Gebete geschehen lassen mögen.

MEGILLOS: Du meinst, wenn dieser im Unverstand und in noch allzu großer Jugend dies Gebet ausspricht?

DER ATHENER: Aber auch wenn der Vater, mag er nun ein Greis oder selber noch sehr jung sein, nicht einsieht was gut und recht ist, und in einem ähnlichen Zustande wie Theseus in Betreff des Hippolytos, der ein so unglückliches Ende nahm, recht inbrünstig betete, und der Sohn die Wahrheit durchschaut, glaubst du dann daß er mit in des Vaters Gebet einstimmen soll?

MEGILLOS: ich verstehe was du meinst. Du scheinst mir sagen zu wollen, man müsse nicht darum beten oder darauf dringen daß Alles unserem Willen gehorche, wenn dabei der Wille selber nicht der Vernunft gehorchen soll, sondern daß darum sowohl der Staat wie jeder Einzelne von uns beten und sich beeifern müsse, der richtigen Einsicht teilhaftig zu werden.

[688 St.] DER ATHENER: Richtig, und daß demnach ein staatskluger Gesetzgeber eben dies bei seinen gesetzlichen Anordnungen im Auge haben müsse, dies war, wie ich mich dessen noch wohl erinnere und ihr euch dessen wohl noch gleichfalls erinnern werdet, wenn ich es euch hiermit ins Gedächtnis zurückrufe, das gleich im Anfange von uns Bemerkte, als ihr nämlich an einen tüchtigen Gesetzgeber die Anforderung stelltet, er müsse alle seine gesetzlichen Einrichtungen auf den Krieg berechnen, ich aber meine Ansicht dahin aussprach, dies heiße verlangen daß die Gesetze nur zum Behufe einer einzigen Tugend unter allen vieren gegeben werden sollten, während man doch die gesamte Tugend und vor Allem die oberste Leiterin derselben im Auge haben müsse, und diese letztere bestehe in Einsicht, Vernunft und richtiger Vorstellung nebst denjenigen Neigungen und Begierden welche ihrer Leitung folgen. So ist denn unsere Erörterung von Neuem in ihren Ausgangspunkt zurückgekehrt und ich, der damals jenen Ausspruch tat, tue ihn jetzt von Neuem, wenn ihr wollt, im Scherze und, wenn ihr lieber wollt, im Ernste, daß es gefährlich sei, sage ich, wenn ein Mensch zum Gebete greift, ohne die richtige Einsicht zu besitzen, und daß ihm mit deren Erfüllung vielmehr das Gegenteil von seinen Wünschen widerfahre. Und ist es euch recht, so nehmet lieber an daß ich im Ernste spreche. Denn ich darf wohl erwarten daß ihr zufolge unserer kurz zuvor gegebenen Auseinandersetzung finden werdet daß die Ursache von dem Verderben der Könige und der Vereitlung ihres ganzen Planes nicht Feigheit gewesen sei, noch auch dies daß die Herrscher sowohl wie Die welche sie zu beherrschen hatten im Kriegswesen unerfahren gewesen wären, sondern daß sie an dem Mangel aller sonstigen Tugenden und besonders an der Unkenntnis in den wichtigsten Angelegenheiten der Menschen zu Grunde gegangen seien. Daß es nun wirklich damals so zuging und auch jetzt unter ähnlichen Verhältnissen eben so zugeht und auch in der Zukunft nicht anders zugehen wird, das werde ich, wenn ihr wollt, in geordneter Folge zu ermitteln und euch als meine Freunde nach Kräften darüber ins Klare zu setzen suchen.

KLEINIAS: Wenn wir dich, Freund, mit Worten deshalb loben wollten, so würde dir dies eher lästig sein, wohl aber wollen wir es durch die Tat nach Möglichkeit tun. Wir wollen nämlich deinem Vortrage aufmerksam folgen, und das ist es ja wodurch am meisten sich kund gibt wer auf eine feine Weise lobt und wer nicht.

MEGILLOS: Vortrefflich, Kleinias, ja, so wollen wir es machen.

KLEINIAS: Mag es denn also, so Gott will, geschehen, und so rede denn!

DER ATHENER: Wir behaupten also jetzt, um den Weg unserer Erörterung weiter zu verfolgen, daß die weitreichendste Art von Unwissenheit damals jene Macht zu Grunde gerichtet habe und noch heute naturgemäß von gleicher Wirkung sei, weshalb denn der Gesetzgeber, wenn anders sich dies wirklich so verhält, den Gemeinden so viel Einsicht als möglich einzuflößen und den Unverstand möglichst auszutreiben bestrebt sein muß.

KLEINIAS: Offenbar.

[689 St.] DER ATHENER: Welche Art von Unverstand darf nun mit Recht die weitreichendste heißen? Sehet zu ob auch ihr meiner Ansicht beistimmt, ich nämlich setze dieselbe hierein.

KLEINIAS: Nun, worein?

DER ATHENER: Darein, wenn Jemand das was ihm schön und gut erscheint dennoch nicht liebt, sondern haßt, und das was er dagegen für schlecht und unrecht ansieht dennoch liebt und pflegt. Diese Disharmonie von Schmerz und Lust mit der der Vernunft entsprechenden Vorstellung nenne ich den äußersten Unverstand und zugleich den weitreichendsten, weil er die große Masse unserer geistigen Regungen beherrscht, denn derjenige Teil unserer Seele welcher Freude und Schmerz empfindet ist in ihr Dasselbe was die große Masse des Volkes im Staate ist. Wenn also die Seele der Erkenntnis oder richtigen Vorstellungen oder der Vernunft, denen von Natur die Herrschaft gebührt, sich widersetzt, so nenne ich das Unverstand, und Unverstand im Staate, wenn die große Menge den Obrigkeiten und Gesetzen nicht gehorcht, ebenso bei einem Einzelnen, wenn er treffliche Grundsätze im Geiste trägt und diese doch Nichts bei ihm ausrichten, sondern das gerade Gegenteil derselben. Diese ganze Art von Unverstand rechne ich dem Staate wie dem einzelnen Bürger für die schlimmste an, und nicht den in Gewerben und Künsten. Ihr versteht doch, liebe Freunde, wie ich es meine?

KLEINIAS: Wir verstehen es, Freund, und geben es dir zu.

DER ATHENER: Dies mag denn nun so festgestellt und ausgesprochen sein, daß Bürgern welche in diesem Stücke unverständig und ungeschickt sind Nichts was mit der Regierung zusammenhängt anvertraut werden darf, sondern daß sie vielmehr als unverständige und ungeschickte Leute verachtet zu werden verdienen, wenn sie übrigens auch noch so geschickte Rechner und noch so geübt in allen glänzenden Kunstfertigkeiten und in Allem was dem Geiste Gewandtheit gibt wären, und daß man dagegen die Leute von entgegengesetztem Verhalten, auch wenn sie, wie man zu sagen pflegt, weder lesen noch schwimmen können, als weise und verständig bezeichnen und ihnen als solchen die obrigkeitlichen Würden übertragen muß. Denn wo der Einklang fehlt, meine Freunde, wie könnte da auch nur der kleinste Bruchteil von vernünftiger Einsicht entstehen! Gewiß ist das unmöglich, vielmehr als der schönste und vollkommenste Einklang darf mit dem vollsten Rechte die vollendete Weisheit betrachtet werden, und diese besitzt wer nach der Vernunft lebt; wer aber von ihr abfällt, der wird ein Verderber seines Hauses und auch kein Erhalter des Staates sein, sondern vielmehr als ungeschickt zu allen gemeinnützigen Dingen erscheinen. Dies mag denn also, wie eben gesagt, so ausgesprochen und festgestellt sein.

KLEINIAS: Wohl!

DER ATHENER: Nun müssen aber doch wohl notwendig in jedem Staate Herrscher und Untertanen sein?

KLEINIAS: Wie anders?

[690 St.] DER ATHENER: Gut! Von welcher Art und Zahl sind nun aber die Ansprüche auf welche sich das Herrschen und Untertansein gründet, in großen und kleinen Staaten und ebenso in Familien? Ist nicht einer derselben der welchen Vater und Mutter erheben, und wird es nicht schlechterdings überall eine gerechte Anforderung der Eltern sein daß die Kinder ihnen untertan seien?

KLEINIAS: Eine sehr gerechte.

DER ATHENER: Hieran knüpft sich dann der Anspruch der Edelbürtigen auf die Herrschaft über die Unedlen, und sodann drittens der der Älteren daß sie zu befehlen, die Jüngeren aber zu gehorchen haben.

KLEINIAS: Freilich.

DER ATHENER: Der vierte Anspruch sodann welcher erhoben wird wird der sein daß die Sklaven gehorchen und die Herren gebieten.

KLEINIAS: Unstreitig.

DER ATHENER: Der fünfte aber, denke ich, daß der Stärkere herrsche und der Schwächere diene.

KLEINIAS: Das ist eine Herrschaft der man sich gar nicht entziehen kann.

DER ATHENER: Und eine solche die sich am meisten unter allen lebenden Wesen findet und der Natur gemäß ist, wie einst Pindar der Thebaner sprach. Der gewichtigste Anspruch aber, glaube ich, wird der sechste sein, welcher verlangt daß der Unverständige Folge leiste, der Verständige aber leite und herrsche. Und von dem möchte ich meinesteils, weisester Pindar, denn doch vielmehr behaupten daß er nicht wider die Natur sei, sondern daß im Gegenteil diejenige Herrschaft des Gesetzes der man sich freiwillig unterwirft, und nicht die welche in Gewalttätigkeiten besteht, die naturgemäße ist.

KLEINIAS: Du hast ganz Recht.

DER ATHENER: Wir haben aber noch als eine siebente Art von Herrschaft die anzuführen wo dieselbe zur Verlosung gestellt und der Gunst der Götter und dem Glücke anheimgegeben wird, und erklären es ihr zufolge für das Gerechteste daß Der welcher das glückliche Los zieht Herrscher sei, und Der welcher bei der Verlosung leer ausgeht seines Weges ziehe und sich beherrschen lasse.

KLEINIAS: Sehr richtig bemerkt.

DER ATHENER: Siehst du also, lieber Gesetzgeber, möchten wir scherzend zu Einem von Denen sagen welche sich so leicht mit Gesetzgebungen zu befassen geneigt sind, wie viele verschiedene Ansprüche auf Herrschaft vorhanden sind und wie sehr sie mit einander im Widerspruch stehen? Da haben wir also eine Quelle von Aufständen entdeckt, die du zu verstopfen hast. Zunächst aber betrachte mit uns, wie und worin die Könige von Argos und Messene hiergegen gefehlt und dadurch zugleich sich selbst und die Macht der Hellenen, die damals so staunenswert groß war, zu Grunde gerichtet haben. Nicht wahr, darin daß sie nicht erkannten wie wahr das Wort des Hesiod ist, daß die Hälfte oft mehr als das Ganze sei? Nämlich wenn es schädlich ist das Ganze zu nehmen und die Hälfte für uns hinreicht, dann hielt er dies Hinreichende für mehr als das Übermäßige, weil dieses das Schlechtere, jenes aber das Bessere ist.

KLEINIAS: Ganz recht.

DER ATHENER: Hegen wir nun die Ansicht daß diese Krankheit eher bei den Königen sich zu zeigen und sie zu Grunde zu richten pflege oder bei den Völkern?

[691 St.] KLEINIAS: Allem Anscheine nach trifft sie meistens überhaupt nur die Könige, die aus Üppigkeit sich dem Übermute ergeben.

DER ATHENER: Ist es also nicht klar daß zuerst die damaligen Könige diese Krankheit an sich trugen, mehr zu verlangen als die Gesetze ihnen gewährten, und daß sie mit Dem was sie durch Wort und Eid gebilligt hatten und dadurch mit sich selber nicht in Einklang blieben, sondern daß vielmehr die Disharmonie welche nach unserer Behauptung die größte Torheit ist, obgleich sie für Klugheit gilt, durch ihre Verkehrtheit und traurige Rohheit alle Macht derselben zu Grunde gerichtet hat?

KLEINIAS: So scheint es wenigstens.

DER ATHENER: Gut denn! Welche Bestimmungen hätte nun der damalige Gesetzgeber treffen müssen um der Entstehung dieses Übels vorzubeugen? Oder ist es, bei den Göttern, eben keine Kunst dies jetzt zu erkennen und nicht schwer sich darüber zu äußern, während doch wohl, wenn es damals wäre vorherzusehen gewesen, Derjenige welcher es vorausgesehen hätte weiser gewesen wäre als wir?

MEGILLOS: Was meinst du denn nur?

DER ATHENER: Es ist für Jeden der auf Das was jetzt bei euch, Megillos, geschieht sein Augenmerk richtet leicht anzugeben, was damals zu tun gewesen wäre.

MEGILLOS: Drücke dich noch deutlicher aus.

DER ATHENER: So wird es denn am deutlichsten sein wenn ich mich folgendermaßen erkläre.

MEGILLOS: Nun?

DER ATHENER: Wenn man mit Vernachlässigung des richtigen Maßverhältnisses Gegenstände mit einer Ausrüstung versieht welcher sie an Größe und Kraft nicht gewachsen sind, z.B. Schiffe mit übermäßigen Segeln, so gerät Alles verkehrt, und so stürzt sich denn auch, wenn man einem Körper zu viele Nahrung reicht und einer Seele zu viel Gewalt in die Hände gibt, jener vor lauter Üppigkeit in Krankheiten, diese in die Ausgeburt der Üppigkeit und des Übermuts, in Ungerechtigkeit. Was sollen wir nun da sagen? Doch wohl, ihr lieben Freunde, daß es keine sterbliche Seele gibt die so geartet wäre daß sie, so lange sie noch jung ist und sobald sie dabei Niemandem Rechenschaft zu geben hat, stark genug sein wird die höchste Gewalt unter den Menschen zu ertragen und nicht, von der größten aller Krankheiten, dem Unverstande, ergriffen, ihrer Gesinnung einen Haß selbst bei den nächsten Freunden zuzöge, der, einmal entstanden, bald den Herrscher zu Grunde richtet und seine ganze Macht zerstört? Dem also nach Erkenntnis des richtigen Verhältnisses vorzubeugen ist die Aufgabe großer Gesetzgeber. Was aber damals geschah, das scheint, so weit es sich jetzt noch mit hinlänglicher Sicherheit berechnen läßt, Folgendes zu sein.

MEGILLOS: Nun?

DER ATHENER: Ein Gott, glaube ich, hat besondere Fürsorge für euch getragen, indem er in Voraussicht der Zukunft die königliche Gewalt bei euch nicht von einem einzelnen Herrscher, sondern von einem Zwillingspaare, das von einem solchen entsprossen war, ausgehen ließ und so dieselbe mehr auf das richtige Maß beschränkte, und hernach hat dann noch menschliche Art mit göttlicher Kraft verbunden, von der Wahrnehmung geleitet daß eure Herrscher noch immer von allzu glühender Leidenschaft beseelt waren, [692 St.] jener auf ihre Abkunft allzu stolzen Gewalt eine Macht welche durch das Alter vielmehr besonnen gemacht wurde beigemischt, indem sie der der Könige die des Rats der achtundzwanzig Greise mit gleicher Berechtigung in den wichtigsten Angelegenheiten an die Seite stellte. Endlich hat noch der dritte Helfer, als er eure Herrscher noch immer zu keck und leidenschaftlich sah, ihrer Macht einen Zaum in der der Ephoren angelegt, die er in ähnlicher Weise erwählen ließ wie die durch das Los ernannten Beamten. Und weil nun auf diese Weise das Königtum bei euch zu einer aus den geziemenden Bestandteilen gemischten Verfassung und dem richtigen Maße unterworfen wurde, so erhielt er sich selber und ward dadurch zugleich die Ursache daß das ganze Staatswesen unverändert erhalten blieb. Denn unter Temenos, Kresphontes und den damaligen Gesetzgebern, welche sie immer gewesen sein mögen, würde sich auch der Anteil des Aristodemos nicht erhalten haben. Sie hatten nämlich in der Gesetzgebung noch nicht die nötige Erfahrung, denn schwerlich würden sie sonst geglaubt haben je durch Eidschwüre ein jugendliches Gemüt in Schranken halten zu können, dem eine Macht in die Hände gegeben worden aus welcher eine Gewaltherrschaft hervorgehen konnte. Jetzt aber hat Gott gezeigt, wie die Regierung sein mußte und wie sie noch sein muß, um möglichst Bestand zu gewinnen, und daß dies daher von uns richtig erkannt wird, nachdem es sich jetzt durch die Tat bewährt hat, ist, wie gesagt, keine Kunst, denn Etwas aus einem Beispiele zu ersehen das als verwirklicht vorliegt ist eben nicht schwierig. Wenn aber Jemand dies damals vorausgesehen hätte und im Stande gewesen wäre die Herrscher in Schranken zu halten und ihre drei Reiche zu Einem zu verbinden, so würde er alle jene herrlichen damaligen Entwürfe aufrecht erhalten haben und es würde darin schwerlich weder die persische noch irgend eine andere Kriegsmacht mit Verachtung von uns, als wären wir ein Volk von geringer Bedeutung, sich auf Hellas geworfen haben.

KLEINIAS: Du hast Recht.

DER ATHENER: Auf eine schmähliche Weise haben sich wenigstens die damaligen Griechen gegen die Perser verteidigt. Ich verstehe aber dies Schmählich nicht so als ob sie nicht manche herrliche Siege zur See wie zu Lande erfochten hätten, sondern was ich so nenne ist vor Allem das daß von allen jenen Staaten, die doch ihrer drei waren, nur Einer zur Verteidigung Griechenlands kämpfte, die beiden andern aber so tief gesunken waren daß der eine sogar Lakedämon an diesem Kampfe hinderte, indem er sich mit aller Macht gegen dasselbe erhob, und der andere, welcher in jener Zeit der Teilung den Vorort bildete, der Staat von Argos, allen Aufforderungen zur Abwehr der Barbaren keine Folge leistete und nicht zum Widerstande schritt. Und so könnte man in einem Bericht über die Vorfälle jenes damaligen Krieges noch vieles Andere rügend hervorheben was Griechenland keineswegs zur Ehre gereicht, ja nicht einmal das kann man mit Recht behaupten daß Griechenland überhaupt Widerstand geleistet habe. [693 St.] Vielmehr hätte nicht der Athener und Ladedämonier einmütiges Zusammenwirken nach gemeinsamem Plane die drohende Knechtschaft abgewehrt, so würden jetzt wohl alle griechischen Stämme unter einander und unter die fremden und diese unter sie gemischt sein, gleichwie diejenigen welche gegenwärtig unter dem Joche der Perser leben ein übel verstreuter, hier zusammengeworfener und dort auseinandergerissener Haufe sind. Dies, Kleinias und Megillos, sind die Punkte welche wir den alten sowie den gegenwärtigen sogenannten Staatsmännern und Gesetzgebern vorzuwerfen haben, um dadurch zur Aufsuchung der Ursachen hiervon und damit zur Auffindung dessen hingeführt zu werden was sie statt dessen vielmehr hätten tun sollen, und von dieser Art ist auch das was wir so eben bemerkten, daß man der Staatsregierung gesetzlich keine allzu große und ungemischte Gewalt in die Hände geben dürfe, in Erwägung dessen daß ein Staat frei, weise geleitet und einträchtig in sich selber sein, und daß der Gesetzgeber eben hierauf sein Augenmerk bei seiner Gesetzgebung richten müsse. Wundern wir uns aber nicht darüber, wenn wir bereits mehrmals Dinge vorgeführt haben von denen wir behaupteten der Gesetzgeber müsse auf sie sein Augenmerk bei seiner Gesetzgebung richten, und dies nicht in jedem Falle dasselbe zu sein scheint, sondern bedenken wir vielmehr daß, mögen wir nun sagen, er müsse auf die Besonnenheit oder die Einsicht oder die Eintracht dasselbe lenken, dies in Wahrheit nicht ein verschiedener, sondern derselbe Zweck ist; und wenn noch viele andere ähnliche Ausdrucksweisen zum Vorschein kommen, so darf uns das nicht stören.

KLEINIAS: Wir wollen versuchen es so zu machen, indem wir die Erörterungen wieder durchgehen. Doch jetzt erkläre dich über die Eintracht, Weisheit und Freiheit, nämlich in welchem Betracht du sagen wolltest daß der Gesetzgeber sie zu seinem Zwecke machen müsse.

DER ATHENER: So höre denn jetzt. Es gibt unter den Verfassungen zwei welche gleichsam die Mütter der übrigen sind, dergestalt daß man mit Recht behaupten darf daß diese aus ihnen entstanden seien. Die eine nennt man mit Recht Monarchie, die andere Demokratie, und jene, darf man behaupten, ist bei dem Perservolke, diese aber bei uns in ihrer Vollendung zu finden. Die übrigen Verfassungen aber sind, wie gesagt, wohl alle auf verschiedenartige Weise aus diesen beiden zusammengesetzt; und es muß denn auch notwendigerweise eine jede an ihnen Teil haben, wenn anders wirklich Freiheit und Eintracht auf der einen Seite und weise Leitung auf der andern mit einander bestehen sollen. Und dies ist es daher was unsere Erörterung damit meint und festsetzen will daß ein Staat ohne Anteil an jenen drei Dingen wohl niemals gut verwaltet werden dürfte.

KLEINIAS: Richtig.

DER ATHENER: Da nun der eine von jenen beiden Staaten lediglich mehr als billig die Alleinherrschaft, der andere aber die Freiheit hegte, so besitzt keiner von beiden das richtige Maß von ihnen, eure Staaten hingegen, der kretische und der lakedämonische, eher, indessen besaßen es vorzeiten auch die Athener und Perser in gewissem Grade und heutzutage weniger. [694 St.] Doch wir wollen die Ursache davon durchgehen. Nicht wahr?

KLEINIAS: Versteht sich. Können wir doch nur so die Aufgabe welche wir uns gesteckt haben zu Ende führen.

DER ATHENER: Laßt uns denn hören. Als die Perser unter Kyros noch mehr die Mittelstraße zwischen Freiheit und Knechtschaft hielten, wurden sie zunächst selber frei und sodann Herren über viele Andere. Denn da die Herrscher die Untertanen an der Freiheit Teil nehmen ließen und sie auf gleichen Fuß mit sich stellten, so waren die Krieger mit ihren Führern enger befreundet und zeigten sich willig in allen Gefahren, und wenn hinwiederum unter ihnen ein verständiger Mann war, der klugen Rat zu erteilen wußte, so machte derselbe seine geistige Kraft zum Gemeingut, indem der König ihn nicht darin beeinträchtigte, sondern ihm Redefreiheit zugestand und alle Diejenigen ehrte welche ihm in irgendeinem Stücke Rat zu erteilen im Stande waren. Und so gedieh denn damals Alles bei ihnen durch diese Freiheit und Freundschaft und diesen gegenseitigen Geistesaustausch.

KLEINIAS: Allerdings scheint es nach dem was man erzählt sich ungefähr so zugetragen zu haben.

DER ATHENER: Wie ging es denn zu daß dieses Gedeihen unter Kambyses schwand und unter Dareios so ziemlich wieder gewonnen ward? Wollt ihr daß wir es durch Nachdenken gleichsam erraten?

KLEINIAS: Es führt dies wenigstens unsere Untersuchung zu dem Punkte auf den wir ausgingen.

DER ATHENER: So vermute ich denn vom Kyros, so trefflich er als Feldherr und so vaterlandsliebend er auch gewesen, daß er doch mit der richtige Erziehung seiner Kinder sich nicht befaßt und überhaupt um die Verwaltung seines Hauswesens sich nicht bekümmert hat.

KLEINIAS: Woraus sollen wir das schließen?

DER ATHENER: Er scheint von Jugend auf sein ganzes Leben hindurch im Felde gelegen und in Folge dessen die Erziehung seiner Kinder den Weibern überlassen zu haben, diese aber erzogen sie so als wären sie gleich von Kindesbeinen an bereits glückliche und selige Menschen und bedürften keines Weiteren, und indem sie Jedermann daran hinderten, als wären sie bereits vollkommen, ihnen in irgend einem Stücke entgegenzutreten und ihn vielmehr nötigten Alles was sie sagten und täten zu loben, erzogen sie sie denn zu solchen Menschen wie sie geworden sind.

KLEINIAS: Du schilderst da, scheint es, eine schöne Erziehung.

DER ATHENER: Eine Weibererziehung, wie sie von königlichen Frauen zu erwarten war welche seit Kurzem reich geworden waren und denen bei der steten Abwesenheit ihres Mannes die Erziehung der Kinder überlassen blieb, zu welcher dieser wegen fortwährender Kriege und gefahrvoller Unternehmungen keine Muße hatte.

KLEINIAS: Sehr erklärlich.

DER ATHENER: Und so erwarb denn den Kindern ihr Vater zwar Herden und Vieh und die Herrschaft über Scharen von Männern so wie große Haufen sonstiger Besitztümer, aber er übersah dabei daß sie selber, [695 St.] denen er einst alle diese Reichtümer hinterlassen sollte, nicht in der Lebensweise ihrer Väter erzogen waren, jener persischen welche, da die Perser Hirten und Söhne eines rauhen Landes waren, rauh und wohlgeeignet dazu war starke Hirten zu bilden, die wohl vermochten Tag und Nacht wachsam im Freien auszuhalten und, wenn es nötig war, auch Kriegsdienste zu tun, und er ließ es zu daß sie vielmehr eine medische, durch jene vermeintliche Glückseligkeit verderbte Erziehung von Weibern und Verschnittenen erhielten, und in Folge dessen Männer wurden wie nach einer solchen aller strengen Zucht entbehrenden Erziehung nicht anders zu erwarten war. Als nun nach dem Tode des Kyros ihm seine von Üppigkeit und Zügellosigkeit erfüllten Söhne nachfolgten, da ermordete zunächst der eine von ihnen den andern, aus Zorn darüber daß diesem ein gleicher Machtanteil gegeben war, nachher aber verlor er selbst, da seine Trunkenheit und Rohheit bis zur Raserei stieg, durch die Meder und den damals so genannten Verschnittenen, welcher in Folge seiner Torheiten alle Scheu vor ihm verloren hatte, die Herrschaft.

KLEINIAS: So erzählt man allerdings, und wahrscheinlich hat es sich auch wohl so etwa zugetragen.

DER ATHENER: Und ebenso erzählt man doch auch daß die Herrschaft durch den Dareios und die Sieben wieder an die Perser gekommen sei?

KLEINIAS: Ja wohl.

DER ATHENER: Laßt uns denn nun den weiteren Verlauf gemäß dieser Erzählung betrachten. Dareios war kein Königssohn und hatte keine verweichlichende Erziehung genossen. Als er nun zur Herrschaft gelangte, so teilte er, da er sich derselben mit Hilfe von sechs Andern bemächtigt hatte, das Reich in sieben Teile, wovon auch jetzt noch schwache und traumähnliche Spuren übrig sind, gab Gesetze, nach denen er es zu verwalten versprach, führte bis zu einem gewissen Grade eine allgemeine Rechtsgleichheit ein, band ferner den Tribut welchen Kyros den Persern verheißen hatte an gesetzliche Bestimmungen, und indem er so durch Geldspenden und Geschenke sich das Volk der Perser verband, stiftete er Freundschaft und regen Verkehr unter ihnen insgesamt. Deshalb folgten ihm auch die Heere mit Ergebenheit und eroberten für ihn nicht weniger Länder als sie Kyros bereits hinterlassen hatte. Dem Dareios folgte Xerxes, welcher wiederum in der üppigen Erziehung eines königlichen Prinzen aufgewachsen war. O Dareios, kann man wohl mit vollem Recht sagen, daß du den Fehler des Kyros nicht erkanntest und vielmehr den Xerxes in derselben Lebensweise auferziehen ließest wie Kyros den Kambyses! Dieser nun, als Zögling der gleichen Erziehungsweise, hat auch ähnliche Schicksale wie Kambyses erlitten, und überhaupt ist unter den Persern seit dieser so langen Zeit wohl kein König mehr geboren worden der in der Tat und nicht bloß dem Titel nach ein großer Mann gewesen wäre.

Und die Schuld davon liegt nach meiner Ansicht gar nicht am blinden Glücke, [696 St.] sondern an dem verwerflichen Leben welches die Kinder von übermäßig reichen Leuten und von Gewaltherrschern meistens führen. Denn schwerlich wird nach einer solchen Erziehung je ein Jüngling, Mann oder Greis von besonderer Tüchtigkeit werden. Dies nun, behaupten wir, muß der Gesetzgeber und müssen auch wir im gegenwärtigen Zeitpunkte im Auge haben, und die Gerechtigkeit muß man eurem Staate, ihr Lakedämonier, widerfahren lassen daß ihr den Armen und den Reichen, den Privatmann und den König durch keine andere besondere Ehre und Erziehung auszeichnet, als welche euch im Anfange euer göttlicher Gesetzgeber auf Eingebung eines Gottes anbefahl. Denn nicht dürfen in einem Staate Jemandem deshalb besondere Ehren erwiesen werden weil er besondern Reichtum besitzt, ja nicht einmal deshalb weil er besonders schnell, schön oder stark ist, ohne irgend eine Tugend dabei an sich zu tragen, und selbst nicht einmal für eine Tugend welcher die Besonnenheit gebricht.

MEGILLOS: Wie meinst du das, Freund?

DER ATHENER: Tapferkeit ist doch ein Teil der Tugend?

MEGILLOS: Gewiß.

DER ATHENER: Höre mich also und urteile selbst, ob du wohl Jemanden zum Hausgenossen oder Nachbar nehmen möchtest welcher sehr tapfer, aber nicht gemäßigt und besonnen, sondern vielmehr zügellos ist?

MEGILLOS: Behüte Gott!

DER ATHENER: Und ferner Jemanden der zwar in allen Künsten, und was dahin gehört, erfahren, aber dabei ungerecht ist?

MEGILLOS: Gewiß nicht.

DER ATHENER: Gerechtigkeit kann aber doch nicht ohne Mäßigung und Besonnenheit bestehen?

MEGILLOS: Gewiß nicht.

DER ATHENER: Und eben so wenig vermag es Der den wir vorher als weise bezeichneten, also Der bei welchem Lust und Leid stets mit den richtigen Grundsätzen übereinstimmen und ihnen nachfolgen?

MEGILLOS: Eben so wenig.

DER ATHENER: Doch auch Folgendes wollen wir noch in Betracht ziehen, um bestimmen zu können, welcherlei Ehrenauszeichnungen mit Recht in den Staaten erteilt werden und welcherlei nicht.

MEGILLOS: Nun?

DER ATHENER: Ist die Mäßigung und Besonnenheit, wenn sie ohne die ganze übrige Tugend vereinzelt in der Seele wohnt, mit Fug und Recht für wertvoll oder für wertlos zu erachten?

MEGILLOS: Darauf weiß ich dir nicht zu antworten.

DER ATHENER: Und doch hast du mir eben hiermit ganz passend geantwortet, denn für was von Beidem du dich entschieden hättest, so würdest du mir wenigstens damit eine ungereimte Antwort erteilt zu haben scheinen.

MEGILLOS: Das traf sich also gut.

DER ATHENER: Freilich. Dieser Zusatz nämlich, dessen Hinzutritt oder Mangel alles Andere erst wertvoll oder wertlos macht, ist gar nicht in Anschlag zu bringen, sondern als etwas Unberechenbares mit Stillschweigen zu übergehen.

MEGILLOS: Du meinst doch die Mäßigung und Besonnenheit?

DER ATHENER: Ja. Was uns aber von den übrigen Gütern in Verbindung mit diesem Zusatz am meisten zum Heile gereicht wird mit allem Rechte für das Wertvollste angesehen werden, was dann in dieser Rücksicht am nächsten steht wird den zweiten Rang erhalten, und so wird überhaupt ein Jedes der Reihe nach nach dem Grade des Nutzens auch des der Ehre teilhaftig werden.

[697 St.] MEGILLOS: So ist es.

DER ATHENER: Wie nun? Sollen wir nicht hinwiederum sagen, es stehe dem Gesetzgeber zu auch diese Rangordnung zu bestimmen?

MEGILLOS: Ohne allen Zweifel.

DER ATHENER: Ist es dir nun recht daß wir Alles, und zwar je nach seinen verschiedenartigen Aufgaben und bis ins Kleinste, in dieselbe zu verteilen ihm überlassen, unsererseits jedoch, da auch wir selber uns des Studiums der Gesetzgebung befleißigen, die Einteilung in drei Klassen vornehmen und die obersten Güter von denen des zweiten und dritten Ranges zu sondern versuchen?

MEGILLOS: Allerdings.

DER ATHENER: So behaupten wir denn daß nach unserer Ansicht ein Staat der sich in gutem Stand erhalten und, so weit es in menschlicher Macht liegt, glückselig sein will, notwendig auch Ehre und Unehre richtig verteilen müsse. Dies Richtig heißt aber doch daß als die wertvollsten und höchsten Güter die der Seele gelten, in welcher Besonnenheit und Mäßigung wohnt, die zweite Stelle aber die Güter und Vorzüge des Körpers, und die dritte das was man Vermögen und Glücksgüter nennt einnimmt. Und wenn ein Gesetzgeber oder ein Staat diese Rangordnung überschreitet, indem er entweder den Reichtum in die oberste Stelle hinaufrückt oder überhaupt Dinge einer niederen Klasse in die Ehre einer höheren einsetzt, so dürfte er weder ein den Göttern gefälliges noch dem Staate ersprießliches Werk tun. Soll dies von uns behauptet sein oder etwas Anderes?

MEGILLOS: Sicherlich dies, und zwar mit aller Zuversicht.

DER ATHENER: Zu der ausführlichen Besprechung dieses Punktes hat die Betrachtung des persischen Staatswesens uns hingeführt. Wir finden nämlich daß dasselbe sich von Jahr zu Jahr verschlimmerte, und als die Ursache davon geben wir dies an daß dasselbe die Freiheit des Volkes allzu sehr beschränkte und den Despotismus über die Gebühr ausdehnte und dadurch Eintracht und Gemeinsinn im Staate untergrub. Sind nämlich diese dahin, dann ist die Sorge der Herrscher auch nicht mehr auf das Wohl ihrer Untertanen und des Volkes gerichtet, sondern auf ihre eigene Herrschaft bedacht, geben sie, wenn sie auch nur ein Geringes dabei zu gewinnen hoffen, Städte, geben sie befreundete Völker der Verwüstung und Vernichtung mit Feuer und Schwert Preis, und indem sie so feindseligen und unerbittlichen Haß ausüben, ziehen sie ihn sich selber in gleichem Maße zu, und umgekehrt finden sie dann auch seitens der Völker, so bald sie in den Fall kommen des Beistandes derselben zu bedürfen, bei dem mangelnden Gemeinsinne unter ihnen keine Bereitwilligkeit zu kämpfen und sich Gefahren auszusetzen, sondern die unzähligen Tausende von Truppen welche die Herrscher besitzen sind ihnen sämtlich unnütz zum Kriege, und gerade als ob sie Mangel an Leuten hätten, sehen sie sich genötigt Söldner in Dienst zu nehmen und so von fremden Mietlingen ihr Heil zu erwarten. [698 St.] Und dazu verfallen sie notwendig in Torheit, da ihre Werke bekunden, daß bei ihnen Alles was für wertvoll und trefflich im Staate gilt Tand ist verglichen mit Gold und Silber.

MEGILLOS: Sehr richtig.

DER ATHENER: Damit mag denn nun die Erörterung dessen daß die heutige Verwaltung des persischen Staates nicht die richtige ist, weil übermäßige Skaverei und übermäßiger Despotismus in ihr herrschen, ihr Ende haben.

MEGILLOS: Gut.

DER ATHENER: Was dagegen die Verfassung Attikas anlangt, so werden wir nunmehr nicht minder zu zeigen haben daß eine unbeschränkte und von allen Obrigkeiten unabhängige Freiheit um nicht Weniges schlechter sei als eine das rechte Maß haltende Beherrschung durch Andere. Wir hatten nämlich zu jener Zeit als der Angriff der Perser auf die Griechen und vielleicht auf beinahe alle Bewohner Europas stattfand noch die alte Staatsverfassung, in welcher die Staatsgewalten nach den vier Schatzungsklassen bestimmt waren, und eine gewisse sittliche Scheu herrschte in uns, vermöge deren wir willig den damaligen Gesetzen gehorchten; und dazu erhöhte auch noch die Größe des wider uns zu Lande und zur See ausgesandten Heereszuges durch die ratlose Furcht welche sie uns einflößte diese unsere Unterwürfigkeit unter die Obrigkeiten und Gesetze, und durch dies Alles gedieh die innere Eintracht bei uns in hohem Maße. Denn ungefähr zehn Jahre nach der Seeschlacht von Salamis kam Datis mit dem von ihm geführten persischen Heere, welchen Dareios ausdrücklich gegen die Athener und Eretrier abgesandt hatte, um sie als Sklaven wegzuführen, mit Androhung des Todes im Falle des Mißlingens, und so überwältigte er denn auch die Eretrier mit aller Macht durch seine zahllosen Scharen in kurzer Zeit und ließ die furchtbare Nachricht in unsere Stadt gelangen daß keiner von den Eretriern ihm entronnen sei, denn die Soldaten des Datis hätten eben einander die Hände reichend gleichwie mit einem Fangnetz das ganze eretrische Gebiet umgarnt. Diese Nachricht nun, mochte sie wahr oder wie auch immer entstanden sein, setzte alle Griechen und vor Allem die Athener in Schrecken, und als diese nun nach allen Seiten hin Gesandte ausschickten, da wollte ihnen Niemand zu Hilfe kommen außer den Lakedämoniern, und diese kamen, sei es daß der damals gegen Messene geführte Krieg oder noch irgend ein sonstiger Umstand sie hinderte, denn darüber schweigt die Geschichte, zu spät, nämlich erst einen Tag nach der Schlacht bei Marathon an. Hierauf erscholl das Gerücht von neuen großen Rüstungen und vielfältigen Drohungen des Königs. Im Verlaufe der Zeit aber hieß es daß Dareios gestorben sei, jedoch sein Sohn, jung und hitzig, die Herrschaft wieder übernommen habe und keineswegs von dem Kriegszuge abzustehen gedenke. [699 St.] Die Athener nun hielten sich für das Ziel aller dieser Rüstungen wegen des Vorfalls bei Marathon, und da sie hörten daß der Athos durchstochen und der Hellespontos überbrückt wurde und von der Menge der feindlichen Schiffe erfuhren, so sahen sie keine Möglichkeit mehr weder zu Lande noch zur See sich zu retten, denn keiner werde ihnen zu Hilfe kommen. Eingedenk dessen nämlich daß auch nicht einmal als die Feinde jenen ersten Einfall machten und jene Untaten in Eretria verübten, irgend Jemand sie unterstützt und die Gefahr mit ihnen geteilt hätte, glaubten sie, ebenso werde es auch diesmal wenigstens zu Lande geschehen. Aber auch zu Wasser fanden sie keine Aussicht auf Rettung, da tausend Schiffe und noch mehr gegen sie heranfuhren. Nur Einen Ausweg erblickten sie noch, einen schwachen und unsichern, aber doch den einzigen, indem sie nämlich auf das früher Geschehene zurückschauten, wie sie aus verzweifelter Lage auch damals durch Kampf zum Siege hindurchgedrungen waren, und von dieser Hoffnung getragen fanden sie daß ihre einzige Zuflucht sie selbst und die Götter seien. Dies Alles trieb sie nun zu einem engen Zusammenhalten, nämlich die Furcht vor der damals bevorstehenden Gefahr und die welche durch die einstigen Gesetze hervorgerufen und durch die Unterwürfigkeit unter dieselben ihnen eingeflößt war, jene Art von Furcht die wir in unserem bisherigen Gespräche früher mehrmals Scham genannt haben und von welcher wir auch behaupten daß Alle welche tugendhaft werden wollen sich ihr unterwerfen müssen, deren aber die Menge des Volkes sonst bar und ledig zu sein pflegt. Hätte daher dermalen nicht Angst dasselbe ergriffen, so würde es sich damals schwerlich zur Gegenwehr vereinigt und Tempel und Grabmäler und das Vaterland mit Allem was sonst dem Menschen lieb und teuer ist, wie es damals geschah, verteidigt haben, sondern einzeln wären unsere Leute damals bei Kleinem auseinandergelaufen und hätten sich hierhin und dorthin zerstreut.

MEGILLOS: Sehr richtig, Freund, hast du gesprochen und auf eine deiner und deines Vaterlandes würdige Weise.

DER ATHENER: So ist es, Megillos, denn an dich, der du die Gesinnungen deines Hauses teilst, habe ich billigerweise meine Erzählung der damaligen Begebenheiten zu richten. Sehet daher zu, du und Kleinias, ob dieselbe irgendwie geeignet ist uns zur Einsicht in das Wesen der Gesetzgebung zu verhelfen, denn nicht um ihrer selbst willen trage ich sie vor, sondern um des angegebenen Zweckes willen. Denn seht nur, da uns gewissermaßen dasselbe Unglück widerfuhr wie den Persern, und zwar diesen dadurch daß sie das Volk in die tiefste Sklaverei erniedrigten, uns dagegen, indem wir gerade im Gegenteil die Menge zu schrankenloser Freiheit erhoben, wie und was sollen wir da nun ferner sagen, wenn anders unsere bisherigen Erörterungen wenigstens bis zu einem gewissen Grade richtig sind?

[700 St.] MEGILLOS: Wohl gesprochen. Versuche aber doch uns noch deutlicher zu erklären worauf du hiermit hinaus willst.

DER ATHENER: Das soll geschehen. Es war, Freunde, bei uns unter der alten Verfassung das Volk nicht Herr über irgend Etwas, sondern stand, so zu sagen, in freiwilliger Dienstbarkeit unter den Gesetzen.

MEGILLOS: Unter welchen Gesetzen meinst du?

DER ATHENER: Zunächst unter denen über die musische Kunst in ihrer damaligen Beschaffenheit, um von seinem ersten Ursprung an das Wachstum des allzu freien Lebens zu verfolgen. Sie war nämlich damals bei uns in ihre besonderen Gattungen und Arten geteilt, und eine Gattung des Gesanges waren Gebete an die Götter, welche mit dem Namen von Hymnen bezeichnet wurden, diesen gegenüber stand sodann eine andere, die man gewöhnlich Threnen, Klagelieder nannte, wieder eine andere waren die Päane, und noch eine andere der sogenannte Dithyrambos, eine Ausgeburt, glaube ich, des Dionysos, noch eine andere endlich nannten sie geradezu musikalische Gesetzweisen, und zwar genauer kitharodische.

Alle diese und noch einige andere Arten hatten nun ihre fest bestimmte Ordnung, und es war nicht gestattet die eine Sangesgattung an Stelle einer andern zu gebrauchen. Auch traute man die richtige Einsicht hievon nicht der Menge zu und gab die Macht nach dieser richtigen Einsicht zu urteilen und den Ungehorsamen zu bestrafen nicht ihrem Zischen und rohen Geschrei, wie heutzutage, noch auch die Belobigung ihrem Beifallsklatschen anheim, sondern für die Gebildeten galt es als geziemend ihrerseits schweigend bis zu Ende zuzuhören, die Knaben nebst ihren Aufsehern und die große Masse des Volkes aber wurden mittelst des Polizeistabes in Ordnung und Ruhe gehalten, und die ganze Bürgerschaft unterwarf sich in diesen Stücken willig solchen Anordnungen und begehrte nicht ihr Urteil durch Lärmen abzugeben. Später aber im Verlaufe der Zeit wurden Dichter die ersten Urheber der Gesetz- und Geschmacklosigkeit, nämlich solche die zwar von Natur mit dichterischen Gaben ausgestattet, aber ohne Kenntnis des Rechten und Gesetzmäßigen in den Musenkünsten waren, indem sie in Folge dessen sich ganz vom Taumel der Begeisterung hinreißen ließen und über Gebühr daran hingen ihren Zuhörern Genuß zu bereiten. Demgemäß vermischten sie nämlich Threnen mit Hymnen und Päane mit Dithyramben, ahmten Flötenweisen im Zitherspiel nach und verbanden alles Mögliche mit einander, und legten so aus Unverstand wider ihren eigenen Willen die falsche Ansicht an den Tag daß dieselbe keine feste Regel in sich selber trage, sondern daß der Genuß dessen welcher sich an ihr erfreue, und zwar des Untüchtigeren so gut wie des Tüchtigeren, am Besten das Urteil über sie regle. Da sie nun solche Werke schufen und dazu entsprechende Ansichten äußerten, so raubten sie dadurch der Menge allen Sinn für die Gesetze der Musik und flößten ihr Keckheit im Urteil über dieselbe ein, gerade als ob sie ein solches abzugeben fähig wäre, und in Folge dessen ward denn das Publikum aus einem stillen ein lärmendes, [701 St.] gerade als verstände es sich darauf was in den musischen Künsten schön ist und was nicht, und es entstand in denselben aus einer Herrschaft der Besten ein schlimme Massenherrschaft des Publikums. Hätte sich nämlich in ihnen auch eine Volksherrschaft gebildet, so wäre es, falls dieselbe nur aus wahrhaft freien und eines freien Mannes würdig denkenden Männern bestanden hätte, noch gar so schlimm nicht gewesen, so aber hat bei uns die allgemeine Einbildung, ein Jeder verstehe sich auf Alles, und die allgemeine Verachtung der Gesetze von der musischen Kunst her ihren Ursprung genommen, und an sie schloß sich die allgemeine und zügellose Freiheit. Denn im Vertrauen auf jene seine vermeintliche Einsicht verlor das Volk alle Furcht, und diese Furchtlosigkeit erzeugte Unverschämtheit, denn aus dreister Zuversicht vor dem Urteil der Besseren keine Scheu und Ehrfurcht zu haben, das ist bereits die schmähliche Unverschämtheit welche die gewöhnliche Folge einer sich allzuviel herausnehmenden Freiheit ist.

MEGILLOS: Das ist sehr wahr.

DER ATHENER: Auf diese Freiheit wird dann gar bald die folgen daß man der Obrigkeit sich nicht mehr unterwerfen will, und darauf wieder die daß man sich der Unterwürfigkeit unter Vater, Mutter und ältere Leute und den Vorschriften derselben zu entziehen sucht, dann, wenn man bereits beinahe bis zum Äußersten gekommen ist, die daß man dem Gehorsam gegen die Gesetze zu entgehen trachtet, und endlich als dieses Äußerste selbst die daß man um Schwüre und Treu und Glauben und überhaupt um die Götter sich nicht mehr kümmert, sondern die alte Titanenart, von der man erzählt, wieder nachahmt und kundgibt, aber dann auch wieder dem gleichen Schicksale verfällt ein unseliges Leben zu führen und nie ein Ende seiner Plagen zu finden. Zu welchem Zwecke aber haben wir, so fragen wir von Neuem, dies wiederum bemerkt? Denn es scheint mir notwendig zu sein daß man fortwährend seinem Munde gleichsam Zügel anlegt und seine Rede anhält, auf daß sie nicht mit uns durchgehe und wir nicht, wie man wohl zu sagen pflegt, vom Pferde fallen, und so wollen denn auch wir in Bezug auf das jetzt eben Bemerkte wiederholt fragen, weswegen es bemerkt ward.

MEGILLOS: Schön.

DER ATHENER: Nun, es geschah wegen folgendem.

MEGILLOS: Nun?

DER ATHENER: Wir behaupteten daß der Gesetzgeber bei seiner Gesetzgebung dreierlei im Auge haben müsse, nämlich daß der Staat welcher sie empfängt frei, daß er innerlich einträchtig und daß ihm eine verständige Leitung zu Teil werde. So war es, nicht wahr?

MEGILLOS: Ja wohl.

DER ATHENER: Zur Bestätigung dieser Sätze nun haben wir jetzt eben von Staatsverfassungen die despotischste und die freieste vorgenommen, um zu sehen ob eine von beiden eine gute Verfassung heißen könne, und da nahmen wir denn dabei in jeder von beiden ein gewisses Mittelmaß, dort von despotischer Gewalt und hier von Freiheit, und bemerkten daß bei einem solchen ein ganz vorzügliches Gedeihen eintrat, und daß dagegen, wenn beiderlei Staaten es bis aufs Äußerste, der eine in der Sklaverei, der andere im Entgegengesetzten, getrieben hatten, es weder diesem noch jenem glücklich erging.

[702 St.] MEGILLOS: Sehr richtig.

DER ATHENER: Und in gleicher Absicht fürwahr betrachteten wir auch die Niederlassung des dorischen Heeres und die Ansiedlung des Dardanos am Fuße des Gebirges und die Staatengründungen an der Meeresküste und schilderten jene Ersten, von der allgemeinen Vernichtung Übriggebliebenen, und unsere noch vor Allem diesem gehabten Gespräche über die musische Kunst und über die Trunkenheit und was dem noch wieder voraufging. Denn dies Alles zielte auf die Erkenntnis ab, wie wohl ein Staat am besten eingerichtet sein und eben so jeder Einzelne für sich selbst am besten sein Leben führen möge. Ob wir nun aber wirklich damit etwas zu diesem unserem Zwecke gefördert haben, welcher Beweis könnte uns dafür wohl hier unter uns selbst vorgebracht werden, lieber Megillos und Kleinias?

KLEINIAS: Ich glaube, Freund, einen solchen zu entdecken. Durch einen glücklichen Zufall scheinen wir gerade auf alle diese von uns durchgegangenen Erörterungen verfallen zu sein. Denn ich wenigstens dürfte gerade in dem Falle sein jetzt davon Gebrauch zu machen, und so seid denn auch ihr eurerseits, du und Megillos da, recht zur gelegenen Zeit hierher gekommen, denn ich will euch nicht verhehlen welcher Art dieser mein Fall ist, sondern nehme dies vielmehr noch obendrein zum günstigen Zeichen. Der größere Teil der Kreter steht im Begriffe eine Kolonie zu gründen und hat die Leitung dieser Angelegenheit den Knosiern, der knosische Staat aber mir mit neun Anderen aufgetragen. Zugleich hat er uns aufgegeben Gesetze vorzuschreiben und uns dabei nicht bloß unter den hiesigen diejenigen welche uns gefallen auszuwählen, sondern auch anderwärts bestehende, falls diese uns besser zusagen sollten, ohne Rücksicht auf den fremdländischen Ursprung derselben zu diesem Zwecke zu benutzen erlaubt. Tut also mir und euch selbst den Gefallen und laßt uns aus dem Besprochenen auswählen und darnach in unserm Gespräche einen Staat entwerfen, indem wir ihn gleichsam vom Anfang her einrichten. Es wird sich damit teils die Probe für unsere bisherigen Untersuchungen ergeben, teils werde ich vielleicht für die zu gründende Kolonie von diesem unserem Entwurfe Gebrauch machen können.

DER ATHENER: Damit kündigst du mir keinen Krieg an, lieber Kleinias, und wenn es nicht dem Megillos entgegen ist, so sei versichert daß ich meinerseits deinem Wunsche mit allen meinen Kräften zu Gebote stehe.

KLEINIAS: Wohlgesprochen.

MEGILLOS: Und ich meinerseits nicht minder.

KLEINIAS: Das ist Recht von euch, und so laßt uns denn in unserer Schilderung zuerst unsere Stadt anzulegen versuchen.