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POLITEIA.


Der Staat.


Sechstes Buch.

 

[484 St.2 A]  Darauf begann ich wiederum: Was also die wahren Weisheitsfreunde und die nicht wahren anlangt, so wäre, mein lieber Glaukon, nach Durchführung einer langen Untersuchung wohl endlich klar, worin das eigentliche Wesen beider besteht.

Ja, sagte er, denn es wäre wohl dieses Ergebnis mittels einer kurzen Untersuchung nicht leicht möglich gewesen.

Es scheint nicht, fuhr ich fort, mich jedoch dünkt, jenes Ergebnis würde sich in einem noch helleren Lichte gezeigt haben, wenn über diese Frage allein der Vortrag sich zu verbreiten gehabt hätte, und wenn nicht so umfassend die noch übrigen durchzuführenden Vorfragen wären behufs einer gründlichen Betrachtung der Hauptfrage: [B] Worin besteht der Unterschied des gerechten Lebens von dem ungerechten?

Welches wäre denn nun, fragte er, hierauf für uns die weitere Vorfrage?

Welche andere, erwiderte ich, als die unmittelbar darauffolgende? Nachdem als wahre Weisheitsfreunde, als Philosophen diejenigen sich herausgestellt haben, die das immer Gleichbleibende zu erfassen vermögen, als die nicht wahren aber die, welche im mannigfaltigen und wandelbaren Sein herumtappen, so folgt natürlich nun die weitere Vorfrage: [C] Welche von ihnen sollen nun Führer des Staates sein?

Durch welche Antwort hierauf würden wir nun, fragte er, diese Frage gehörig erledigen?

Daß diejenigen von ihnen als Staatshüter zu bestellen sind, von denen es sich zeigen würde, daß sie die Fähigkeit haben, sowohl über die Gesetze als auch über die Obliegenheiten des Staates die Obhut zu führen.

Ja, richtig, sagte er.

Hierauf begann ich also: Das wäre aber wohl eine ausgemachte Sache, ob ein Blinder oder ein Scharfblickender als Hüter einen Gegenstand überhaupt bewachen solle?

Wie könnte man daran zweifeln? meinte er.

Scheinen nun in irgend einer Beziehung sich von Blinden diejenigen zu unterscheiden, [D] die erstlich ohne Erkenntnis des wahrhaft Seienden in jedem Dinge sind und in ihrer Seele davon kein reines Bild besitzen, und die sodann auch praktisch nicht imstande sind, nach Art der Maler mit unverwandtem Blicke auf jenes Bild der Wahrheit, mit stets damit angestellter Vergleichung und mittels eines möglichst fleißigen Studiums desselben auch hienieden in der Welt der Wirklichkeit die Normen des Schönen, Rechten und Guten zu schaffen, wenn sie erst noch geschaffen werden müssen, und die bereits geschaffenen durch ihre Obhut unversehrt zu erhalten?

Nein, bei Zeus, sagte er, um kein Haar Unterschied!

Werden wir also lieber diese Blinden als Staatshüter anstellen, oder die, die erstlich die Erkenntnis vom Wesen jedes Dinges haben, dann aber auch an Erfahrung vor jenen Blinden nicht zurückbleiben und sonst auch in keinem Stücke männlicher Tüchtigkeit zurückstehen?

Es wäre ja widersinnig, sagte er, andre vorzuziehen, wenn sie denn in den übrigen Beziehungen nicht zurückblieben, denn eben das, worin sie ihren Vorzug haben, wäre ja doch die Hauptsache.

[485 St.2 A]  Nicht wahr, wir hätten also nur die Frage zu erörtern, auf welche Weise sie gerade imstande wären, sowohl die Vorzüge jener Erkenntnis wie die der praktischen Erfahrung zu bekommen?

Ja, freilich.

Sonach ist notwendig, was wir uns schon am Anfang dieser Betrachtung als Aufgabe stellten, nämlich zuerst uns über ihren eigentlichen Charakter zu unterrichten. Und wenn wir uns hierüber gehörig verständigt haben, werden wir uns, glaube ich, auch darüber verständigen, daß sie in derselben Person die zwei eben genannten verschiedenen Eigenschaften, die theoretische und die praktische Tüchtigkeit verbinden können, und daß somit keine anderen als diese die Führer des Staates sein dürfen.

Und wie können wie uns hierüber verständigen?

Nun denn, in Betreff der Naturen ihrer Wahrheitsliebe [B] müssen wir doch bereits über diese erste Eigenschaft einverstanden sein, daß sie immer Lust und Liebe haben müssen zu solchem Lerngegenstande, der ihnen den Schleier zu lüften vermag von jenem Sein, das immer ist und keiner Veränderung unterworfen ist durch Entstehen und Vergehen?

Ja, darüber sind wir bereits einig.

Und doch wohl auch darüber, fuhr ich fort, daß sie Lust und Liebe haben zu allen möglichen Zweigen jenes Seins, daß sie weder einen kleinen noch einen größeren, weder einen mehr oder minder geachteten Teil davon mit Wissen und Willen unbeachtet lassen, ganz wie wir es vorhin an den Beispielen der Ehr- und Geschlechtsliebe gezeigt haben?

Richtig bemerkt, antwortete er.

Hiernach bedenke weiter, [C] ob es nicht unbedingt notwendig ist, daß nebst jener auch im Besitze dieser zweiten Haupteigenschaft von Geburt aus sein müssen diejenigen, die dereinst solche Männer sein sollen, wie wir sie vorhin bezeichneten.

Und worin bestände denn diese zweite Haupteigenschaft?

Nicht zu täuschen und wissentlich auch die Täuschung sich nicht beikommen zu lassen, sondern sie zu hassen, dagegen Wahrheit zu lieben.

Wahrscheinlich ja, sagte er.

Nicht nur, mein Lieber, wahrscheinlich, sondern auch unbedingt notwendig ist es, daß der durch angeborenen Trieb in jemand Verliebte die ganze Bluts- und Hausverwandtschaft seines Lieblings liebt.

[D] Ja, richtig, sagte er.

Würdest du nun etwas finden können, was der Weisheit verwandter wäre als die Wahrheit?

Unmöglich, sagte er.

Ist es also möglich, daß ein und derselbe Charakter ein Freund der Weisheit und ein Freund der Täuschung ist?

Auf gar keine Weise.

Der wahre Wißbegierige muß also nach jeder Wahrheit gleich von Kindheit an das möglichst größte Verlangen tragen.

Ganz gewiß.

Ferner: von jedem Menschen, bei dem die Begierden und Bestrebungen sich mit Gewalt auf einen einzigen Gegenstand hinwerfen, wissen wir wohl, daß sie in den übrigen Beziehungen bei ihm schwächer sind, wie etwa bei einem durch Seitenkanäle abgeleiteten Strome.

Freilich.

[E] Bei dem Menschen, bei dem der Strom seiner Begehrlichkeit sich in den Studien und überhaupt im Bereiche des Wissens entladet, werden sie demnach wohl ihren Hauptzug auf das reine Seelenvergnügen haben, in bezug auf die sinnlichen Vergnügen aber versiechen, wenn er kein heuchelnder, sondern ein wahrer Freund der Weisheit, ein Philosoph sein will.

Ganz notwendig.

Die dritte Eigenschaft eines solchen ist also denn besonnene Mäßigung und Abwesenheit aller Gewinnsucht, denn die Triebfedern, deretwegen man mit so großem Aufwand nach Geld und Gut strebt, dürfen bei keinem in der Welt weniger die Tätigkeit bestimmen als bei einem solchen.

So ist's.

Viertens muß man auch auf folgende Eigenschaft sehen, [486 St.2 A]  wenn du den angeborenen Charakter eines wahren Freundes der Weisheit und den des falschen unterscheiden willst.

Auf welche?

Daß dir in ihm nicht niederträchtige Gemeinheit stecke! Denn im größten Widerspruch steht gemeine Kleingeisterei mit einer Seele, die Natur und Geist in ihrer Allgemeinheit und Gesamtheit stets zu erfassen streben soll.

Ja, sehr wahr!

Dem Geiste, der die Naturgabe einer großartigen Denkart und die eines Blickes in die gesamte Zeit und in das gesamte Sein hat, [B] wird dem wohl nun das menschliche Leben als etwas Großes vorkommen können?

Unmöglich, sagte er.

Also auch den Tod wird ein solcher nicht für etwas Schreckliches halten?

Nein, nicht im geringsten.

Eine von Geburt feige und niederträchtige Seele also kann demnach mit wahrer Wissenschaft, der Philosophie, offenbar nichts zu schaffen haben.

So meine ich auch.

Weiter! Wenn einer nun mäßig, nicht habsüchtig, nicht niederträchtig, nicht prahlt, kein Feigling ist, könnte der wohl je unverträglich oder ungerecht im Verkehr werden?

Nein.

Bei Beobachtung einer Seele, ob sie eine wahre Freundin der Weisheit sei oder nicht, [C] mußt du natürlich also fünftens auch auf diese Eigenschaft von ihrer Jugend an sehen, ob sie gerecht und umgänglich, oder ob sie unverträglich und roh ist.

Ja, darauf jedenfalls.

Gewiß wirst du auch die sechste Eigenschaft nicht außer acht lassen wollen?

Und was ist das für eine?

Ob er Gelehrigkeit oder Ungelehrigkeit hat, oder erwartest du, daß einer etwas ordentlich lieben werde, bei dessen Verrichtung er mit Schmerzen arbeitet und mit gar geringen Fortschritten?

Schwerlich.

Jetzt von der siebenten Eigenschaft! Wenn er von dem, was er gelernt hat, nichts behalten könnte, [D] weil er voll von Vergeßlichkeit wäre, muß da sein Kopf vom Wissen nicht leer bleiben?

Jedenfalls.

Bei nutzlosen Anstrengungen wird er natürlich wohl in den Fall kommen müssen, daß er sich sowohl wie auch eine solche Beschäftigung haßt?

Allerdings.

Eine vergeßliche Seele also dürfen wir niemals unter die Jünger der wahren Wissenschaft aufnehmen, sondern wir müssen verlangen, daß sie ein gutes Gedächtnis haben.

Ja, das jedenfalls.

Achtens dürfen wir wohl den Satz aufstellen: [E] Die Eigenschaft einer den Künsten und Musen abgeneigten und alles Maßes ermangelnden Natur hat auch nur zur Maßlosigkeit ihren Zug.

Freilich.

Wahrheit aber hältst du für verwandt mit Maßlosigkeit oder mit Maßhaltigkeit?

Mit Maßhaltigkeit.

Einen angeborenen inneren Sinn für Maß und schöne Form müssen wir daher neben den anderen Eigenschaften als achte verlangen, diesem Sinne wird dann der angeborene Trieb den Weg zur Schauung des Wesenhaften eines jeden Dinges leicht machen.

Allerdings.

Und was ist nun der Schluß aus allem dem? Scheinen wir dir nicht hier lauter Eigenschaften aufgezählt zu haben, die alle einzeln notwendig für eine Seele sind, die das wahre Sein gehörig und vollständig erfassen soll, und folgt nicht eine jede dieser Eigenschaften aus der anderen?

Jawohl, [487 St.2 A]  notwendig, sagte er.

Wirst du nun in irgend einer Weise ein Studium tadelnswert finden, das einer gehörig zu betreiben niemals imstande sein wird, wenn er nicht angeboren hat ein gutes Gedächtnis, Gelehrigkeit, eine hohe edle Denkart, Sinn für schöne Formen, Neigung und Verwandtschaft zu Wahrheit, zu Gerechtigkeit, zu Tapferkeit, zu besonnener Mäßigung?

Nicht einmal der Tadel selbst, sagte er, könnte es tadeln.

Und so von Geburt aus begabten Männern, fuhr ich fort, wenn sie überdies sowohl an Bildung wie an Alter die höchste Reife erreicht haben, würdest du diesen nicht einzig und allein unseren Staat anvertrauen?

Da fiel Adeimantos ins Wort: O Sokrates, gegen diese vorzüglichen Eigenschaften [B] möchte wohl niemand imstande sein einen Widerspruch zu erheben, dagegen aber ist hier eine andere Einrede am Ort. Denn die Zuhörer deiner Beweisführungen, wie du sie eben da lieferst, machen allemal diese ärgerliche Erfahrung: Aus Unerfahrenheit in der Kunst des Fragens und Antwortens meinen sie von deiner Schlußkette bei jeder Frage nur um einen ganz kleinen Schritt von ihrer Ansicht abgeleitet zu werden, wenn aber die kleinen Schritte am Ende der Erörterungen summiert werden, so erscheint der Irrgang ein großer und mit den ersten Sätzen im Widerspruch. Und gerade wie die im Brettspiel Ungeübten von den dann Geschickten endlich eingeschlossen werden und nicht mehr zu ziehen wissen, so glauben auch jene sich eingeschlossen und wissen gleicherweise bei dieser anderen Art von Brettspiel, aber nicht mit Steinen, sondern mit Begriffen, [C] nichts mehr vorzubringen, obgleich sie der Ansicht bleiben, daß die eigentliche Wahrheit nichtsdestoweniger auf der Seite ihrer ursprünglichen Meinung stehe. Diese Bemerkung mache ich aber zunächst im Hinblick auf den vorliegenden Fall. Denn jetzt müßte dir einer freilich eingestehen, er könne gegen jeden einzelnen Fragesatz von dir nichts einwenden; tatsächlich aber finde er folgende Bemerkung bestätigt: Alle, die bei ihrer Verlegung auf die Wissenschaft der Philosophie sie nicht behufs einer gewissen allgemeinen Bildung treiben und dann noch in ihrer Jugend sie verlassen, sondern etwas länger dabei verweilen, [D] sind meistenteils ganz verdrehte, um nicht zu sagen ganz verdorbene Menschen, dagegen diejenigen, die es darin zum Ruhme der größten Tüchtigkeit bringen, tragen doch von dem Studium, das du so erhebst, wenigstens den Nachteil davon, daß sie dadurch für die Staaten unbrauchbar werden.

Als ich das gehört hatte, nahm ich das Wort: Glaubst du denn, daß die Leute, die solche Äußerungen tun, Unwahres reden?

Das weiß ich nicht, versetzte er, aber deine Ansicht hierüber möchte ich gerne hören.

Da kannst du denn vernehmen, daß sie meines Dafürhaltens die Wahrheit zu reden scheinen.

Und wie soll dann, fragte er hierauf, damit die Behauptung sich zusammenreimen, daß die Staaten nicht eher ihres Unheils ledig werden, [E] bis die vorhin beschriebenen Jünger der Wissenschaft der Philosophie darin die Herrschenden sind, sie, von denen wir zugestehen, daß sie für sie unbrauchbar sind?

Du stellst mir hier eine Frage, erwiderte ich, deren Beantwortung nur durch ein Bild sich geben läßt.

Ja, sagte er, du bist, glaube ich, gar nicht der Mann, der in Bildern zu reden gewohnt ist!

So? antwortete ich. Du beliebst auch noch zu scherzen, [488 St.2 A]  nachdem du mich in die Verlegenheit eines so schwierig zu führenden Beweises gebracht hast? Vernimm aber nun jenes Gleichnis, damit du noch besser einsiehst, wie zähe ich an der Sprache in Bildern hänge. Denn das Schicksal, das die tüchtigsten Jünger der Wissenschaft in bezug auf die Verwaltung der Staaten erfahren, ist so hart, daß es sonst gar kein einzelnes Wesen in der Welt gibt, dem ein ähnliches begegnet, man muß daher bei der Erläuterung und bei der Verteidigung derselben durch ein Bild dieses von einer Mehrheit hernehmen, wie die Maler tun, wenn sie Hirschböcke und dergleichen Zusammenstellungen malen. [B] Denke dir nämlich einmal, über mehrere Schiffe oder auch nur über eines gebe es einen Schiffsherrn von folgenden Eigenschaften: an Größe und Stärke des Körpers zwar über alle, die sich im Schiffe befinden, erhaben, aber harthörig, ebenso mit kurzem Gesichte und auch mit kurzem Verstande über das Schiffswesen. Denke dir dabei die Schiffsmannschaft im Aufruhr gegen einander wegen Führung des Steuerruders, indem ein jeder davon wähnt, daß er es führen müsse, ohne diese Kunst gelernt zu haben, ohne seinen Lehrmeister angeben zu können noch auch die Zeit, in der er sie gelernt habe. Denke dazu, daß die Mannschaft behaupte, jene Kunst sei gar kein Gegenstand des Lernens, [C] ja sie sei gar bereit, den, der sie als einen Gegenstand des Lernens hinstelle, zusammenzuhauen, daß ferner die Mannschaft die Person des Schiffsherrn beständig mit Bitten und allen möglichen Bewegungsmitteln umlagert, er möge ihnen doch das Ruder überlassen, daß sie, wenn sie ihn weniger mit Worten bewegen als eine andere Partei, die Gegner erstlich entweder ermorden oder aus dem Schiffe hinauswerfen, und dann dem guten Schiffsherrn durch einen Schlaftrunk oder durch einen Rausch oder durch sonst ein Mittelchen die Hände binden und dann die Herrschaft über das Schiff ergreifen, mit allem darin vorhandenen Vorrate schalten und walten, dabei unter Zechen und Schmausen [D] dahinsegeln, wie es bei solchen Leuten natürlich zu erwarten steht, daß sie überdies den Kerl, der bei ihrer Absicht auf die Herrschaft, sei es durch Überlistung oder Überwältigung des Schiffsherrn, hilfreiche Hand anzulegen versteht, unter großen Lobsprüchen einen Meister im Schiffswesen sowie in der Ruderführung und einen Mann nennen, der die Schiffahrt aus dem Grunde verstehe, dagegen den, der sich dazu nicht versteht, als einen unbrauchbaren Menschen tadeln, daß sie dabei nicht einmal so viel vom echten Steuermann wissen, [E] daß er notwendig auf die Jahres- und Tageszeit, auf Himmel und Gestirne, auf Winde und alles sonst in seine Kunst Einschlagende acht haben muß, wenn er wahrhaft Herr über sein Schiff sein will, und daß sie sogar im Wahne stehen, um mit oder ohne Zustimmung einiger Leute das Ruder zu führen, darin könne man unmöglich eine Geschicklichkeit und eine Übung gewinnen zugleich mit der Aneignung der Steuermanns-Wissenschaft. Wenn nun dergleichen in den Schiffen vorgeht, wird da nicht der wahrhaft für das Ruder Geeignete bei den Seglern in den also bestellten Schiffen ein luftiger Spekulant, ein spitzfindiger Grübler, [489 St.2 A]  ein für sie unbrauchbarer Mensch heißen?

Ja, sicherlich, sagte er.

Darauf fuhr ich fort: Ich glaube nun nicht, daß du die nähere Ausmalung dieses Bildes zu sehen brauchst, wie es nämlich ganz auf die Staaten paßt in bezug auf ihr Verhalten zu den echten Jüngern der Wissenschaft. Du begreifst ja, was ich damit sagen will?

Jawohl, sagte er.

Wem die Nichtachtung der Wissenschaftsfreunde, der Philosophen in den Staaten auffällt, dem bringe denn nun zuvörderst dieses Gleichnis bei und suche ihn zu überzeugen, [B] daß es noch viel verwunderlicher wäre, wenn sie geachtet würden!

Ja, sagte er, das will ich ihm sagen.

Dazu auch, daß er in dem Satze, die Tüchtigsten in der gelehrten Welt seien für das Volk unbrauchbar, sonach allerdings eine Wahrheit sage, nur befiehl ihm an, von dieser Unbrauchbarkeit die Schuld denen zu geben, die sie nicht gebrauchen, aber nicht jenen tüchtigen Philosophen! Denn es hat ja doch keine Art, daß ein Steuermann die Schiffsleute anfleht, sich von ihm leiten zu lassen, und ebenso auch nicht, daß die Weisen an die Türen der Großen kommen, [C] sondern der berühmte Urheber dieses Witzwortes hat sich einer Unwahrheit schuldig gemacht, die richtige Art ist vielmehr die, daß der Kranke, mag es nun ein Großer oder ein Geringer sein, zu den Ärzten in das Haus kommen muß, und daß jeder Regierungsbedürftige zu den Türen des Regierungsverständigen komme, nicht aber, daß wer zu herrschen versteht, wenn er in Wahrheit etwas taugt, die der Beherrschung Bedürftigen bitte, sich von ihm beherrschen zu lassen. Wenn also der, dem die Verachtung der Gelehrten von Seiten der Politiker auffällt, [D] die jetzigen Staatslenker mit den eben erwähnten Schiffsleuten und die von diesen geschimpften unbrauchbaren Wetterpropheten mit den echten Steuermännern vergleicht, so wird er den Nagel auf den Kopf treffen.

Ganz richtig, sagte er.

Schon aus diesen Gründen und unter diesen Umständen ist es also nicht leicht, daß das edelste Streben von Seiten derer, die gerade das entgegengesetzte Streben haben, Achtung gewinnen kann, aber die bei weitem größte und gewaltigste Verleumdung widerfährt wissenschaftlichem Studium durch jene, die sich für Wissenschaftler, für Philosophen ausgeben, und von diesen läßt du den Ankläger der Wissenschaft sagen, [E] die meisten derer, die sich darauf legen, seien ganz schlechte Menschen, die Tüchtigsten davon aber unbrauchbar, wobei ich dir beifällig bemerkte, daß du eine Wahrheit aussprächest, nicht wahr?

Ja.

Nicht wahr, von der angeblichen Unbrauchbarkeit der tüchtigen Jünger der Wissenschaft hätten wir die Ursache bereits dargetan?

Jawohl!

Beliebt es dir denn, hierauf nun auch die Notwendigkeit nachzuweisen, daß die meisten der angeblichen Philosophen verdorben sein müssen, und, falls wir es vermögen, den Beweis zu versuchen, daß auch hieran die Philosophie nicht schuld sei?

Ja, allerdings.

So laß uns denn hören und diese Nachweisung mit der Erinnerung an unsere Unterhaltung von jenem Punkte an beginnen, wo wir die Anlage darstellten, mit der einer geboren werden müsse, wenn er ein Mann vom höchsten sittlichen Adel werden will. [490 St.2 A]  Vor allem aber war seine Führerin, wenn du es noch im Sinne hast, die Wahrheit, der er in jedem Fall und auf jede Weise folgen müßte, widrigenfalls wäre er ein Windbeutel und könne an wahrer Wissenschaft keineswegs teil haben.

Ja, so hieß es.

Nicht wahr, dieser eine und erste Satz steht schon mit den heutigen Ansichten darüber schnurstracks im Widerspruch?

Jawohl, sagte er.

Werden wir uns aber nicht mit gutem Fug hier auf unsere Behauptung berufen, daß der wahrhafte Lernbegierige nur der sein könne, [B] der von Natur für das Streben nach der Erkenntnis des Sein seine Richtung hat, daß er nicht verbleiben könne bei den mannigfaltigen Einzeldingen, denen nur die subjektive Meinung ein Sein zuschreibt, sondern daß er vielmehr weiter gehen müsse und sich nicht blenden noch in seiner Liebe zur Wahrheit halt machen lassen dürfe, bis er das reine Wesen von jedem Dinge erfaßt hat, und zwar mit demjenigen Seelenvermögen, mit dem es zu erfassen einem so Begabten zukommt, also mit demjenigen, das mit dem reinen Sein verwandt ist, und hat er mit diesem Seelenvermögen dem wahren Sein sich einmal genähert [C] und sich mit ihm begattet und dadurch objektive Vernunft und reine Wahrheit erzeugt, so hat er dann erst die wahre Erkenntnis und lebt erst wahrhaft und nimmt in diesem wahren Leben immer mehr zu und bekommt so endlich von seinem Geburtsschmerze Ruhe, eher aber nicht.

Ja, sagte er, ganz füglich.

Und was folgt nun weiter aus jener Tugend der Wahrheit? Wird der eben beschriebene Liebhaber der Wahrheit die geringste Neigung zu Täuschung und Lüge haben oder vielmehr ganz im Gegenteil diese verabscheuen?

Verabscheuen, antwortete er.

Natürlich, wenn die Wahrheit seine Führerin ist, so können wir ihr, glaube ich, keine Reihe von Untugenden folgen lassen.

Unmöglich.

[D] Im Gegenteil, einen verständigen und gerechten Charakter werden wir der Wahrheit als Begleiter geben müssen, und mit diesem hängt dann ferner die besonnene Mäßigung aller Begierden zusammen.

Richtig, bemerkte er.

Und damit natürlich auch das übrige Gefolge eines nach Wahrheit dürstenden Charakters. Doch wozu brauchen wir sie noch einmal von vorn wiederholtenmals aufziehen zu lassen? Du erinnerst dich ja noch wohl, daß nach dem Ergebnis unserer Untersuchung von den eben erwähnten Tugenden das natürliche Gefolge war: Tapferkeit, Hochherzigkeit, Gelehrigkeit, gutes Gedächtnis. Und hierauf machtest du den Einwurf: Ein jeder müsse zwar mit meiner Ansicht theoretisch notwendig einverstanden sein, [E] sähe man aber auf diejenigen selbst, die der Gegenstand dieser Rede sind, so könne er nicht umhin zu behaupten, manche davon seien sichtlich unbrauchbar, die meisten aber von Grund aus sittlich verdorben. Und auf diesen Einwurf suchten wir dann die Ursache dieses üblen Rufes, und wir standen bereits bei der Frage, warum denn die Mehrzahl sittlich verdorben sei, und haben nun deswegen die erforderlichen angeborenen Eigenschaften der wahren Wissenschaftsfreunde noch einmal wiederholt und sie in ihrer notwendigen Aufeinanderfolge erklärt.

Ja, es ist so, sagte er.

Hinsichtlich dieser für echte Wissenschaft erforderlichen Anlage müssen wir nun erstlich die verschiedenen Zerstörungsarten in Betracht ziehen, durch die sie bei so vielen zugrunde geht, während nur ein kleiner Teil sich durch die Flucht rettet, die man dann bekanntlich wenn auch nicht nichtsnutz, doch unbrauchbar nennt, zweitens hernach müssen wir auch in Betrachtung ziehen die Seelenbeschaffenheiten derer, die die erwähnte echte Anlage zur Wissenschaft nur äußerlich nachzuäffen suchen  [491 St.2 A]  und ohne inneren Beruf sich zum Studium derselben hindrängen, und wie sie dann, weil sie zu einem für ihre Kräfte nicht geeigneten und deren Maß übersteigenden Geschäft sich drängen, auf mancherlei Weise sich Blößen geben und dadurch auf alle Art und bei aller Welt [B] echt wissenschaftlichem Streben den üblen Ruf anhängen, wie du ihn da beschreibst.

Und welches sind denn nun, fragte er, die Zerstörungsarten, die du da meinst?

Ich will sie dir, antwortete ich, wenn ich imstande bin, darzustellen versuchen. Vor allem nun wird uns, denke ich, alle Welt zugestehen, daß eine Naturanlage der oben beschriebenen Art nebst allen den guten Eigenschaften, die wir eben von einem verlangten, wenn er vollkommen ein Jünger der Wissenschaft werden wolle, selten und nur in geringer Zahl unter Menschen vorkommen wird, oder glaubst du nicht?

Ja, gewiß.

Für diese nun zugestandenermaßen ursprünglich wenigen Köpfe siehe nun, wie viele und große Gefahren gibt es!

Welche denn?

[C] Was erstens am allerwunderbarsten lautet, ist, daß jeder einzelne der Vorzüge, die wir an jener angeborenen Anlage gerühmt haben, die ihn besitzende Seele verderben und von echter Wissenschaftlichkeit abziehen kann, nämlich Tapferkeit, Besonnenheit und alle aufgezählten Tugenden.

Ja, meinte er, auffallend lautet das so!

Ein zweites Verderben und Abziehen liegt in den sogenannten Gütern, als da sind: Schönheit, Reichtum, Körperstärke, eine im Staate einflußreiche Verwandtschaft und überhaupt alle Herrlichkeiten, die mit den genannten Dingen verschwistert sind, da hast du im allgemeinen, was ich in diesen zwei Sätzen meine.

Ja, sagte er, ich möchte indessen gern auch eine speziellere Ausführung dieser von dir ausgesprochenen Sätze hören.

So erfasse denn, erwiderte ich, jene Erscheinung in ihrer Gesamtheit, und es wird dir sonnenklar werden, jene vorhin hinsichtlich der angeborenen Anlagen angedeuteten Gefahren werden dir dann nicht mehr auffallend vorkommen.

Wie soll ich denn, fragte er, das machen?

[D] Von jedem Samen und Geschöpf, sei es aus dem Pflanzen oder Tierreiche, wissen wir, daß es, wenn es nicht die ihm zukommende Nahrung, Witterung und Örtlichkeit erhält, desto mehr hinter den ihm eigentümlichen Vollkommenheiten zurückbleibt, je edler es ist, denn auf das Edle wirkt das Schlechte zerstörender als auf das Nichtedle.

Allerdings.

Es hat somit allgemein seine Richtigkeit, denke ich, daß ein Geschöpf, je edler es ist, bei einer für es ganz unpassenden Nahrung desto schlechter wegkomme, als das gemeine.

Ja.

[E] Nicht wahr, mein lieber Adeimantos, fuhr ich fort, wir dürfen demnach auch aus dieser allgemeinen Wahrheit die Behauptung aufstellen, daß auch die Edelsten allemal ganz besonders schlecht werden, wenn sie eine schlechte Erziehung bekommen? Oder meinst du, die großen Verbrechen und die ausgemachteste Schlechtigkeit kämen von einer gemeinen und nicht viel mehr aus einer der Anlage nach herrlichen, aber durch die erhaltene geistige Nahrung verdorbenen Naturanlage, da ja eine schwache Natur zu Großem weder im Guten noch im Schlechten Veranlassung sein kann?

Nein, sagte er, von keiner gemeinen kommen sie, sondern von einer solchen Natur.

[492 St.2 A]  Die vorhin von uns verlangte Naturanlage für den echten Freund der Wissenschaft wird, denke ich, wenn sie den gehörigen Unterricht erhält, in jeder Tugend notwendig zur Reife gelangen, dagegen wird sie, wenn das Samenkorn ihres Talentes in dem ihr gehörigen Unterrichtsboden nicht gepflegt und genährt wird, zum Gegenteil ausschlagen, falls nicht ein Gott ihr zu Hilfe kommen sollte. Oder bist auch du der Meinung wie die große Menge, daß das Verderben nennenswerter jungen Leute von Sophisten ausgehe, daß aber die gegen Bezahlung nach Belieben lehrenden Sophisten, die Urheber davon seien, und daß in diesen die Hauptursache jenes Verderbens liege? [B] Im Gegenteil, eben die Leute, die diese Klagen führen, sind selbst die größten Sophisten und verstehen es weit meisterhafter, die Menschen dazu zu bilden und abzurichten, wozu sie wollen, und zwar nicht nur junge, sondern auch alte, nicht nur männlichen, sondern auch weiblichen Geschlechts!

Wann denn? fragte er.

Wenn sie, erwiderte ich, zu großen Haufen beisammen in Volksversammlungen oder in Theatern oder in Kriegslagern oder überhaupt sonst in einer öffentlichen Volkszusammenkunft sitzen und da jedesmal über diese oder jene Reden und Handlungen teils Tadel, teils Lob aussprechen und jenen sowohl durch übermäßiges Auszischen wie diesen durch übermäßiges Zuklatschen übertreiben, [C] während noch dazu die Felswände und der Platz, an dem sie sich eben befinden, durch den Widerhall den Lärm des Tadels und Lobes noch verdoppeln. Welchen Herzenszug, wie man zu sagen pflegt, muß da nun ein junger Mensch haben? Und welche Schulbildung könnte hiergegen ein Damm sein, die nicht von dem Schwalle solcher Schmäh- und Lobreden weggeschwemmt würde, und die nicht in diesem Strudel dem Strome folgte, wohin dieser eben treibt? Und wird wohl er nicht dieselben Dinge schön und häßlich nennen, [D] nicht dieselben Dinge treiben wie jene Menge, nicht denselben Charakter annehmen?

Ja, antwortete er, das folgt mit Notwendigkeit, lieber Sokrates.

Und doch haben wir, warf ich ein, vom größten Druck noch nicht geredet!

Welchem denn? fragte er.

Den, welche jene Erzieher und Sophisten durch ihre Tätigkeit ausüben, wenn sie mit Worten nicht überreden können. Oder weißt du nicht, daß sie den, der ihnen nicht folgt, mit Verlust der bürgerlichen Ehren, mit Geld- und Todesstrafen züchtigen?

Ja, meinte er, ich kenne sie gar wohl!

Welcher andere Sophist oder welche häusliche Belehrungen [E] können nun wohl jenen das Gegengewicht halten, um darüber obzusiegen?

Ich glaube, keiner, antwortete er.

Freilich nicht, fuhr ich fort, und es nur zu wagen verriete schon einen großen Unverstand. Denn es geschieht nicht, geschah nicht und wird auch wohl nicht geschehen, daß es eine andere Denkweise in Absicht auf Tugend gebe als die, welche durch die Anleitung jener schlimmen Erzieher eingepflanzt wird, versteht sich, nach dem gewöhnlichen Gange menschlicherweise, mein Lieber, die außerordentliche Fügung eines Gottesfingers, wie man zu sagen pflegt, nehmen wir bei unserer Behauptung freilich aus, denn wohlgemerkt, wenn du behauptest, das, was sich unter solchen  [493 St.2 A]  Verfassungen noch rette und zur gehörigen Vollkommenheit gelange, habe die besondere Fügung eines Gottes gerettet, so wäre diese Äußerung gar nicht so ungereimt.

Freilich, sagte er, und ich habe eigentlich auch gar keine andere Meinung.

Nun denn, sprach ich, so mußt du ferner nebst dem auch noch folgende Meinung haben.

Was für eine?

Daß ein jeder der um Geld lehrenden privaten Lehrer, die jene ‚Sophisten’ nennen und für Gegner ihres Treibens halten, nichts anderes in seinem Unterrichte verbreitet als eben nur jene Vorurteile der größen Menge, über die sie in den Versammlungen salbadert, und dies dann Weisheit nennt. Dies gemahnt einen dann gerade so, [B] wie wenn jemand bei Haltung einer ungeheuren und starken Bestie ihre Leidenschaften und Begierden in der Hinsicht kennen lernte, wie man ihr näher treten und wie man sie antasten dürfe, wann sie am wildesten oder am zahmsten sei und aus welchen Gründen, sowie unter welchen Bedingungen sie gewöhnlich Töne hören lasse, und aufweiche Töne eines anderen sie besänftigt und aufgebracht werde, und wenn er alles dies dann durch Beobachtung und Zeitaufwand erlernt hätte, es dann Wissenschaft hieße, in eine wissenschaftliche Form brächte und hinsichtlich dieser Lehrsätze sowohl wie jener, Neigungen ohne Kenntnis der [C] Begriffe von Schön oder Häßlich, von Gut oder Schlecht, von Gerecht oder Ungerecht doch alle diese Ausdrücke von den Sinnesarten des ungeheuren Tieres brauchte, indem er das gut hieße, was diesem Vergnügen machte, und das schlecht, worüber es aufgebracht würde, dabei aber sonst gar keine andere innere vernünftige Begründung geben könnte, als daß er die unbedingten Naturbedürfnisse gerecht und schön hieße, aber von dem großen Unterschiede zwischen dem eigentlichen Naturtriebe und dem wahrhaft Guten weder eine klare Ansicht bekommen hätte noch ihn einem anderen zeigen könnte. Würde bei solchem Verfahren einer dir nicht als ein entsetzlicher Lehrer vorkommen?

[D] Ja, mir wenigstens, sagte er.

Wäre aber wohl nun ein Unterschied zwischen diesem und jenem, der es für Weisheit hält, der vielköpfigen und bunten Volksmenge bei ihren Zusammenkünften ihre Leidenschaft und ihre Gelüste abgemerkt zu haben, sei dies nun in der Malerei oder in der Musik oder in der Staatskunst, mit welcher letzteren es natürlich hier dieselbe Bewandtnis hat wie mit jenen Künsten? Denn eine ausgemachte Sache ist das, wenn jemand sich mit jener Menge abgibt und vor ihr entweder mit einer Dichtung oder sonst mit einem Kunstwerke oder in einem Staatsdienste auftritt und sich auch noch die Menge zu Herren setzt, so gebietet ihm dann die sprichwörtlich gewordene Notwendigkeit des Diomedes, nur solche Leistungen zu liefern, [E] die den Beifall der Menge erhalten können, aber daß diese Leistungen sich auf das wahre Gute und Schöne gründeten, hast du darüber schon einen eine andere Rechtfertigung geben hören, die nicht lächerlich gewesen wäre?

Ja, ich glaube es, versetzte er, und ich werde auch keine hören, die es nicht wäre.

Nachdem du nun alle diese Ursachen vom Verderben wahrhaft wissenschaftlicher Anlagen beherzigt hast, so bedenke auch noch diese Ursache unter Erinnerung an das, was schon oben angedeutet wurde: Das Schöne an sich und nicht die sichtbare Mannigfaltigkeit von Schönheiten, oder überhaupt jedes Ding an sich und nicht die sichtbare Mannigfaltigkeit von Dingen, [494 St.2 A] kann möglicherweise das der große Haufen je annehmen oder daran glauben?

Durchaus nicht, sagte er.

Wissenschaftlichkeit kann also, sagte ich, die Masse unmöglich haben.

Unmöglich.

Die Wissenschaftlichen müssen demnach auch notwendig von ihnen getadelt werden.

Notwendig.

Und dann natürlich auch von jenen einzelnen Lehrern, die dem großen Haufen schön tun und ihm zu gefallen suchen?

Versteht sich.

Schon bei diesen hier erwähnten Gefahren siehst du irgend eine Möglichkeit, daß eine wahrhaft wissenschaftliche Natur sich retten, bei ihrem Berufe standhaft verbleiben und zum Ziele kommen könne? Betrachte die Sache aber noch weiter aus dem zweiten [B] der oben angedeuteten Gesichtspunkte: Wir waren doch bekanntlich einverstanden, daß die Eigentümlichkeit der wissenschaftlichen Natur in den Anlagen zu Gelehrigkeit, einem guten Gedächtnisse, Tapferkeit, Hochherzigkeit bestehe.

Ja.

Wird nun ein Mensch von solchen geistigen Vorzügen nicht von Jugend auf unter allen seinen Gespielen in allen Stücken der erste sein, besonders wenn auch seine Körpergestalt seinem Geiste entspricht?

Ja, ohne Zweifel, sagte er.

Da werden denn, denke ich, schon Wünsche gehegt werden, ihn einst, wenn er einmal älter wäre, [C] zu ihren Plänen zu gebrauchen, von Verwandten sowohl wie von Mitbürgern.

Jedenfalls.

Sie werden also auch ihm demütiglich Bitten zu Füßen legen, tiefe Bücklinge machen und so seine hoffentlich einflußreiche Stellung der Zukunft durch frühzeitige Schmeicheleien schon im voraus in Beschlag nehmen.

Ja, sagte er, so geht es gern.

Wie wird nun, fuhr ich fort, ein solcher unter solchen Umständen sich benehmen, besonders wenn er Bürger einer großen Stadt ist, darin die Rolle eines reichen und vornehmen Mannes spielt, dazu noch wohlgestaltet und schlank gewachsen ist? Wird er da nicht von einer unbegrenzten Hoffnung erfüllt werden und die Meinung von sich haben, [D] daß er nicht nur die Gebiete der Hellenen, sondern auch die der Barbaren zu regieren imstande sein werde? Wird er unter diesen Umständen sich nicht übermütig erheben, sich in die Brust werfen und den Kopf voll Eitelkeit und leeren Dünkels ohne Verstand haben?

Ja, sicher, sagte er.

Wenn zu einem Menschen in diesem Zustande jemand nun ganz friedlich hinträte und ihm die Wahrheit sagte, daß er kein Hirn im Kopfe habe, daß er noch einer tieferen Einsicht bedürfe, diese aber nicht zu erwerben sei, wenn man nicht um ihren Besitz wie ein treuer Knecht sich bemühe, glaubst du, daß seine von so vielen Übeln umlagerten Ohren hierauf leicht hören würden?

[E] Weit gefehlt, sagte er.

Wenn nun aber auch, sprach ich, einer vermöge ganz vorzüglicher Anlagen und wegen seiner Neigung zu wissenschaftlichem Studium gelenkt und hingezogen würde, was tun da wohl jene, die dadurch glauben, seine Dienste und seinen freundschaftlichen Verkehr zu verlieren? Werden sie nicht jedes mögliche Mittel aufbieten, jede mögliche Überredung anwenden einmal in bezug auf seine eigene Person, damit er ja nicht sich bereden lasse, und dann auch in bezug auf jenen Mahner, damit er nichts ausrichte, indem sie diesem letzteren im Privatleben Schlingen legen und ihn öffentlich mit gerichtliche Anklagen verfolgen?

[495 St.2 A]  Ja, ganz notwendig, sagte er.

Gibt es nun eine Möglichkeit, daß ein solcher zur wahren Wissenschaft gelangen kann?

Durchaus nicht.

Siehst du nun, fuhr ich fort, daß wir nicht ohne Grund die Behauptung aufstellten: gerade die einzelnen Bestandteile der Anlage eines wissenschaftlichen Kopfes seien gewissermaßen eine Hauptursache des Abkommens vom Studium, wofern sie nämlich in verkehrte Pflege geraten, die zweite Hauptursache davon seien die sogenannten Güter: Reichtum und überhaupt die ganze Herrlichkeit dieser Welt?

Freilich nicht ohne Grund, sondern die Behauptung hatte ihre Richtigkeit, erwiderte er.

So groß und von der Art, mein Bester, sagte ich, ist also denn die Gefahr und das Verderben der edelsten und für die edelste Beschäftigung bestimmten Naturanlage, die nach unserer Aussage ohnehin schon so selten ist. [B] Und aus den Individuen dieser Art gehen nun bekanntlich für die Staaten wie für die einzelnen Bürger die größten Übeltäter hervor, wie auch die größten Wohltäter, wenn sie durch besonderen glücklichen Zufall diese letztere Richtung nehmen, ein armseliger Kopf dagegen fügt keinem etwas Großes zu, weder einem Bürger noch einem Staate.

Sehr wahr! sagte er.

Während nun einerseits diese auf jene Weise entarteten Abtrünnigen der wahren Wissenschaft, [C] deren nächste Angehörige sie ist, eben darum, weil sie sie sitzen und im Stiche lassen, ihrerseits kein ihren Anlagen entsprechendes, wahres Leben führen, drängen sich ihr, wie einer von ihren nächsten Verwandten verlassenen Waise, andere Unberufene auf und hängen ihr dann dadurch solche Schmach und Schande an, wie sie deiner Aussage nach von ihren Anklägern vorgeworfen werden, von denen, die sich tiefer mit ihr einließen, wäre ein Teil zu nichts nütze, der größte Teil sogar verdiente das größte Unglück.

Ja, versetzte er, das sind die Äußerungen, die getan werden.

Und sie werden ganz mit Recht getan, erwiderte ich. Wenn nämlich andere Menschen sehen, daß dieser Platz leer steht und schöne Titel [D] und Würden mit sich bringt, so springen, wie die, die sich aus der Haft in die Tempel retten, ebenso freudig aus ihren Alltagsberufen in den Bereich der Wissenschaft alle jene, die etwa im beschränkten Kreise ihres ursprünglichen Handwerks die Nase etwas hoch tragen. Denn der Wissenschaft, wenngleich sie im erwähnten schlimmen Zustande sich befindet, bleibt doch, wenigstens im Vergleich zu den übrigen Professionen, noch ein Ansehen übrig, das alle überstrahlt. Danach trachten nun bekanntlich die meisten, obgleich sie erstlich schon von Natur unvollkommene Anlagen haben und dann auch unter dem Drucke ihrer Berufe und Handwerke infolge der Werktagsarbeit durch Geisttötende derselben im Geiste ausgemergelt sind, wie sie auch schon am Körper die Zeichen der Verkrüppelung tragen, [E] oder ist das nicht eine notwendige Folge?

Ja, sicher, sagte er.

Gewähren denn nun, sprach ich, jene Leute wohl einen anderen Anblick als etwa ein zu einem Sümmchen Geld gekommener Gesell in einer Schmiede, neulich erst der Sklavenkette entwischt, jetzt aber in einem Bade rein gewaschen, in ein neues Gewand gekleidet, wie ein Bräutigam herausgeputzt und bereit, die Tochter seines Herrn zu heiraten, weil sie verarmt und von ihren nächsten Verwandten verlassen ist?

Kein sehr verschiedener Anblick, [496 St.2 A]  sagte er.

Was für Geburten müssen nun solche Leute hervorbringen? Nicht bastardartiges und schlechtes Zeug?

Ganz notwendig.

Nun hiervon die Anwendung: Wenn Leute, die für eine höhere Bildung gar keine Fähigkeiten haben, ohne die gehörige Ebenbürtigkeit sich mit dieser verehelichen, was für Hirngeburten und Ansichten müssen diese dann erzeugen? Nicht wohl solche, die in Wahrheit den Namen Sophistereien verdienen, und was gar keine Spur des Echten und auch nicht den Wert eines gründlichen Nachdenkens an sich trägt?

Ja, das allerdings, sagte er.

Es bleibt also, fuhr ich fort, mein lieber Adeimantos, eine ganz geringe Zahl von ebenbürtigen Freiern der wahren Wissenschaft, entweder ein von Verbannung ereiltes, [B] von Natur edles und wohlerzogenes Gemüt, das aus Mangel der erwähnten Verderber bei ihr geblieben ist, oder wenn in einer kleinen Stadt eine große Seele geboren wird, die das Treiben in diesen Verhältnissen aus Geringschätzung übersieht, manchmal mag einer oder der andere Kopf auch von einem anderen, ihn nicht befriedigenden Berufe zu ihr übergehen. [C] Auch der unserem Freunde Theages angelegte Zügel kann imstande sein, dabei festzuhalten, denn er ist darauf angelegt zum Abwendigwerden von der Wissenschaft, aber die schwächliche Gesundheit, die ihm die Teilnahme an Staatsgeschäften verwehrt, hält ihn dabei fest. Und was mich betrifft, so war bei mir die göttliche Stimme meines guten Geistes in mir schuld, welcher Fall hier jedoch nicht angeführt werden darf, denn er ist bei keinem der Freunde der Wissenschaft vor mir vorgekommen. Und welche nun von dieser ohnehin geringen Anzahl wohlgeraten sind und einmal gekostet haben, wie süß und herrlich die Sache ist, und welche andererseits den Wahnwitz der Menge sehen, ferner sehen, daß niemand, um es geradeheraus zu sagen, [D] in den Staatsangelegenheiten etwas mit gesundem Menschenverstande treibt, und daß es auch keinen zweiten Mann gibt, mit dem man zum Schutze der gerechten Sache mit heiler Haut ausziehen könnte, sondern daß man wie ein unter wilde Tiere geratener Mensch, ohne den Willen, mitzusündigen, oder ohne die Kraft, allen Ungetümen Widerstand zu leisten, noch vor einer Dienstleistung gegen den Staat oder seine Freunde zugrunde geht, ohne Nutzen für sich und die übrigen, wer, sage ich, alle diese Umstände in vernünftiger Überlegung zusammenfaßt, wird ganz in der Stille leben, nur seine eigenen Angelegenheiten besorgen und wie einer, der beim brausenden Sturme [E] einer Staubwolke oder eines Platzregens sich unter Dach gestellt hat, beim Anblicke der übrigen im Schmutze eines zügellosen Treibens sich in der Seele freuen, wenn er nur das Leben hienieden rein von Ungerechtigkeit und frevelhaften Handlungen vollbringen und von ihm mit guter Hoffnung, heiter und guten Mutes Abschied nehmen kann.

Und gewiß, versetzte er, hat er dann nichts Geringes erkämpft, wenn er so scheiden kann.

[497 St.2 A]  Und doch auch nicht das Allergrößte, sprach ich, weil ihm nicht das Glück einer seinen Anlagen entsprechenden Staatsverfassung zuteil ward, denn in einer entsprechenden Staatsverfassung würde er sich selbst noch mehr vervollkommnet und nebst dem Heile seiner eigenen Seele auch das des Staates bewirkt haben. Diese Frage also, aus welchen Gründen die wahre Wissenschaft, die Philosophie, in Verruf geraten ist, und zwar mit Unrecht, scheint mir nun hinlänglich beantwortet zu sein, wenn nicht du noch etwas vorzubringen hast.

Nein, sagte er, ich habe über diese Frage nichts mehr vorzubringen. Aber was die jener Wissenschaft entsprechende Staatsverfassung anlangt, welche der heutigen verstehst du denn darunter?

[B] Gar keine einzige, erwiderte ich, denn das ist ja eben meine Klage, daß es unter den heutigen gar keine Staatseinrichtung gibt, die für die Entwicklung eines echt philosophischen Kopfes geeignet wäre, deshalb verwandelt und verschlimmert sich auch seine ursprüngliche Anlage, und wie ein in ein anderes Land verpflanztes ausländisches Gewächs endlich unterliegt und [C] ausartend in die Natur des Inlandes gerne übergeht, so kann auch jene wissenschaftliche Pflanzschule ihre angeborene Kraft nicht bewahren, sondern schlägt in eine andere Art aus. Wenn sie aber den Boden des vollkommensten Staates einmal bekommt, wie sie selbst eine Vollkommenheit ist, dann wird sie sonnenklar zeigen, daß sie ursprünglich göttlich war, alles übrige aber menschlich, sowohl hinsichtlich der Anlagen als auch der Beschäftigungen. Offenbar wirst du nun danach fragen, welches jene Staatsverfassung sei.

Nicht getroffen! antwortete er, denn danach wollte ich nicht fragen, sondern ob es eben jene Verfassung sei, die wir beim Aufbau unseres Staates dargestellt haben, oder eine andere?

Ja, sprach ich, diese ist es in den übrigen Beziehungen wie ganz besonders in dem Hauptpunkte, [D] von dem oben schon die Rede war, als wir sagten, daß in dem Staate immer ein Halt für eben dieselbe Vorstellung von der Verfassung im Staate dasein müsse, welches auch du als Gesetzgeber eben aufrecht hieltest und wonach du die Gesetze gabst.

Ja, davon war die Rede, sagte er.

Aber nicht mit der gehörigen Entwicklung, erwiderte ich, aus Furcht vor euren Einwürfen, durch die ich von euch bereits angedeutet bekommen habe, daß die nähere Erörterung lang und schwierig ist, denn auch der übrige Teil der Beweisführung ist nicht durchweg sehr leicht.

Welcher denn?

Auf welche Weise ein Staat mit dem Studium der Philosophie sich befaßt, ohne dadurch unterzugehen. [E] Denn alles Große hat ja seine Schwierigkeit, und, wie das Sprichwort sagt, das Schöne ist in der Tat schwer.

Aber dessen ungeachtet, sagte er, muß die Beweisführung ihr Ende bekommen und dieser übrige Teil ins klare gebracht werden!

Nicht der böse Wille, antwortete ich, sondern es wird, wenn irgend etwas, das Unvermögen daran hinderlich sein, denn was meine Bereitwilligkeit anlangt, so wirst du diese schon als Augenzeuge kennen. Sieh aber auch jetzt eine Probe, wie bereit und waghalsig ich in dieser Beziehung bin. Ich wage den Satz auszusprechen, daß ganz auf die entgegengesetzte Weise, als es heutzutage geschieht, jenes Studium der Staat angreifen müsse.

Wie denn?

Heutzutage, sagte ich, sind die, welche es ergreifen, noch junge Burschen, kaum aus den Knabenschuhen, [498 St.2 A]  und wenn sie so mittendurch zwischen den Geschäften der Haushaltung und ihres Gewerbes bis zum schwierigsten Teile vorgedrungen sind, so lassen sie es liegen, und diese gelten noch für die größten Freunde der Wissenschaft. Unter dem schwierigsten Teile verstehe ich aber die Beschäftigung mit den Begriffen, wenn sie dann in der späteren Zeit auf die Veranlassung, weil auch andere dies tun, zum Besuche von Vorträgen sich bequemen, so glauben sie wunder was sie täten, indem sie im Wahne leben, daß man jenes Studium nur als Nebenwerk zu treiben brauche, gegen das hohe Alter aber hin erlischt ihr Eifer mit wenigen Ausnahmen noch viel mehr [B] als die Sonne des Herakleitos, indem er so bald bei ihnen sich nicht wieder entzündet.

Wie soll man die Wissenschaft aber nun treiben? fragte er.

Ganz entgegengesetzt. Schon Jünglinge und Knaben müssen eine dem jugendlichen Alter angemessene Geistesentwicklung und Wissenschaftlichkeit bekommen, dabei auch für die Ausbildung ihrer Körper sorgen, solange sie wachsen und zu Männern reifen und dadurch eine fördernde Stütze für ihre geistige Bildung gewinnen, beim Herannahen des Alters aber, [C] in dem das Seelenleben die volle Reife zu erlangen beginnt, müssen sie ihre Übungen steigern, endlich, wenn die Körperkraft schon nachläßt und für die Staats- und Kriegsdienste nicht mehr ausreicht, dann müssen sie, von allem entbunden, nur ihre Seele weiden und jedes andere Geschäft höchstens als Nebenwerk treiben, sie, die glücklich leben und nach ihrem Ende dem hier vollbrachten Leben ein entsprechendes Los im Jenseits folgen lassen wollen.

Ja, sagte er da, das heiße ich waghalsige Sätze aufstellen, o Sokrates. [D] Ich glaube indessen, daß die meisten derer, die sie hören, dir noch waghalsiger widersprechen und sich auf keine Weise davon überzeugen lassen werden, besonders Thrasymachos hier.

Entzweie doch, entgegnete ich, mich und Thrasymachos nicht, nachdem wir eben Freunde geworden sind und auch vorher keine Feinde waren! Ich will es ja durchaus nicht an Versuchen fehlen lassen, bis ich entweder diesen und die übrigen zur Überzeugung gebracht, oder doch wenigstens etwa eine Vorarbeit dazu für jenes Leben der Zukunft geliefert habe, wenn sie etwa wieder her kommen [E] und auf solche Untersuchungen stoßen.

Ja, sagte er, da hast du auf einen kurzen Termin appelliert!

Auf die Zeit eines Augenblicks ja nur, erwiderte ich, verglichen mit aller künftigen Zeit! Wenn übrigens die große Masse sich von meinen Behauptungen nicht überzeugt, so ist dies gar kein Wunder. Denn wir haben ja noch niemals in der Wirklichkeit die hier aufgestellte Behauptung wahrgenommen, sondern nur ähnliche Phrasen, die künstlich in Einklang gebracht waren, nicht Gedanken, die unwillkürlich mit der Wirklichkeit identisch sind. Menschen gar, die der Tugend in Wort und Tat so vollkommen wie möglich gleich sind, die in einem ähnlichen Staate die oberste Macht und Gewalt besitzen, dies hat man niemals gesehen, [499 St.2 A]  weder als Einzelnen noch weniger in der Mehrheit, oder glaubst du?

Nein, keineswegs.

Auch haben sie ferner, mein Teuerster, noch keine echten und schönen Reden anzuhören bekommen, von solchen, die die Wahrheit mit Anstrengung und auf jede Weise bloß des Erkennens wegen suchen, und die vor jenen Pfiffen und Spitzfindigkeiten, die auf nichts anderes als auf Ruhm und Rechthaberei in Gerichtshöfen wie im privaten Verkehr zielen, sich schon von weitem hüten.

[B] Nein, erwiderte er, solche Vorträge haben sie auch nicht gehört.

Eben deshalb, fuhr ich fort, und in Voraussicht dessen stellten wir vorhin, wiewohl nicht ohne Besorgnis, jedoch von der Wahrheit gezwungen, den Satz auf, daß weder ein Staat noch eine Verfassung noch ebensowenig ein menschliches Individuum vollkommen werden könne, bis jenen wenigen wahren Jüngern der Wissenschaft, die wenn auch nicht als nichtswürdig, doch als unbrauchbar verschrieen sind, eine gewisse zwingende Notwendigkeit zustößt, mögen sie wollen oder nicht, sich mit dem Staate abzugeben und der Stimme des Staatswohles Gehör zu schenken, [C] oder bis Söhne der jetzigen gewalthabenden Familien und Königshäuser entweder von selbst oder durch göttliche Eingebung zur wahren Wissenschaft der Philosophie wahre Liebe bekommen. Daß aber einer von beiden Fällen oder alle beide unmöglich seien, dafür erkläre ich keinen Grund zu haben, und nur im Falle solcher absoluten Unmöglichkeit könnten wir mit Fug als solche ausgelacht werden, die nur fromme Wünsche redeten. Oder ist's nicht so?

Ja.

Wenn also Fürsten der Wissenschaft zur Verwaltung eines Staates entweder [D] in der unendlichen vergangenen Zeit durch den Zwang einer unbedingten Notwendigkeit gekommen sind oder in einer Gegend des Auslandes weit aus unserem Gesichtskreise dazu gegenwärtig kommen oder noch dazu in Zukunft kommen werden, so wären wir in dieser Beziehung erbötig, die Behauptung mit Gründen durchzufechten, daß die von uns aufgestellte Staatsverfassung wirklich war, wirklich ist, wirklich sein wird, falls eben jene wahre Wissenschaft die Herrschaft über einen Staat erlangt hat. [E] Denn unmöglich ist ja diese unsere Staatsverfassung nicht, sonach sind auch nicht unmöglich unsere Behauptungen, daß ihre Ausführung aber ihre Schwierigkeiten habe, ist von uns auch zugegeben.

Ja, sagte er, auch ich denke so.

Damit willst du sagen, erwiderte ich, die große Masse andererseits denkt nicht so?

Möglich, sagte er.

Mein Bester, fuhr ich fort, klage doch nicht so sehr die Leute der großen Masse an, sie werden schon eine andere Ansicht bekommen, wenn du sie nicht streitsüchtig angehst, sondern mit guten Worten belehrst, die Gelehrsamkeit vom bösen Rufe befreist, ihnen zeigst, was für Männer du unter deinen Philosophen verstehst, und wie eben eine nähere Erklärung  [500 St.2 A]  von ihren Anlagen und von dem Zwecke ihres Studiums gibst, damit die Leute nicht die Meinung behalten, du verständest unter Philosophen jene, die sie meinten. Oder gibst du nicht dein Ja dazu, daß sie, wenn sie diese Einsicht erhalten, eine andere Meinung bekommen und eine andere Sprache führen werden? Oder glaubst du, es werde jemand aus dem Volke heftig sein gegen einen, der nicht heftig ist, boshaft gegen einen, der nicht boshaft ist, das Volk, das an sich ohne Falsch und gutmütig ist? Ich komme hier deiner Antwort zuvor und erkläre für meine Person, daß nach meiner Meinung nur unter gewissen wenigen, [B] nicht unter der Menge, ein so böser Charakter vorkomme.

Ja, sei versichert, sprach er, auch ich teile diese Meinung.

Folglich teilst du auch eben diese Meinung, daß am Widerwillen der Leute aus der Volksmenge gegen Philosophie die Schuld nur jene tollkühnen Eindringlinge ohne Beruf haben, die jene Leute mit Schimpfwörtern behandeln, mutwillig anfeinden und ihre Vorträge nur über Welthändel halten, ein Verfahren, wodurch sie echt wissenschaftlichem Streben [C] gar keine Ehre machen?

Jawohl, sagte er.

Es hat auch, mein lieber Adeimantos, wer in der Tat seinen Verstand auf das wahrhaft Wesenhafte der Dinge richtet, gar keine Zeit, hinab auf das Treiben der Menschen zu blicken, sich mit ihnen herumzuschlagen und dadurch sich Haß und Feindschaft zu bereiten, sondern nur Zeit dafür, seinen Blick und seine Betrachtung auf Wohlgeordnetes und Unwandelbares richtet, das weder Unrecht tut noch von einander leidet, [D] und worin alles nach Ordnung und Vernunftmäßigkeit geht, sowie dann dieses nachzuahmen und soviel als möglich davon in seinem Leben ein Abbild darzustellen. Oder glaubst du, es sei eine Möglichkeit, daß jemand mit etwas gern umgehe, ohne es nachzuahmen?

Unmöglich, sagte er.

Der mit Göttlichem und Wohlgeordnetem umgehende Jünger der wahren Wissenschaft wird demnach auch wohlgeordnet und göttlich, [E] soweit es einem Menschen möglich ist, denn üble Nachrede gibt es bei allen noch genug.

Ja, allerdings.

Wenn ihm nun, fuhr ich fort, irgend ein Zwang aufgelegt wird, darauf zu denken, die in jener Welt Geschaute in das Bürger- und Staatsleben zu verpflanzen und nicht bloß auf seine persönliche Bildung zu beschränken, glaubst du, er werde da ein ungeschickter Arbeiter werden in Hervorbringung von besonnener Mäßigung, von Gerechtigkeit und überhaupt von jeder Bürgertugend?

Durchaus nicht, meinte er.

Ja, wie gesagt, wenn die Leute der Menge nur einmal einsehen, daß wir Wahrheit von ihm berichten, werden sie da über die wahrhaften Jünger der Wissenschaft noch aufgebracht sein und unseren Versicherungen mißtrauen, daß ein Staat niemals glücklich werden könne, wenn wie nicht wie Maler den Plan dazu entworfen haben nach dem göttlichen Muster?

Sie werden nicht mehr aufgebracht sein, versetzte er, wenn sie einmal diese Einsicht bekommen haben werden, aber auf welche Weise  [501 St.2 A]  denn soll jener Plan entworfen werden?

Sie nehmen, erwiderte ich, einen Staat und die menschlichen Naturtriebe wie die Tafel eines zu entwerfenden Gemäldes und machen diese erstlich rein, was gar keine leichte Arbeit ist, aber selbstverständlich unterscheiden sie sich wohl gleich von Anfang an von den übrigen Staatsmännern dadurch, daß sie weder mit einem einzelnen Menschen noch mit einem Staate oder mit einer Gesetzgebung sich befassen wollen, bevor sie ihn entweder schon gesäubert in die Hand nehmen oder selbst sauber machen.

Und das mit Recht, warf er ein.

Nicht wahr, sodann müssen sie wohl den Grundriß der Verfassung entwerfen?

Allerdings.

Hierauf, denke ich, begeben sie sich an das genauere Ausmalen, [B] sehen dabei öfters hinüber und herüber, bald auf das wahrhaft Gerechte, Schöne, Besonnene, bald wiederum auf das in der wirklichen Menschenwelt Geltende, und stellen also in ihren Bestrebungen durch Vermählung und Vermischung das her, was bekanntlich schon Homer, wo er es unter den Menschen verwirklicht fand, ein göttliches und göttergleiches genannt hat.

[C] Ja, richtig, sagte er.

Dabei werden sie, glaube ich, bald hier eine irdisch menschliche Farbe austilgen, bald dort eine göttliche auftragen, bis sie die menschlichen Eigentümlichkeiten gottgefällig gemacht haben.

Ja, meinte er, sehr schön muß das Gemälde werden.

Wie? fuhr ich fort, werden wir jene Leute, die nach deiner Bemerkung von vorhin im Sturmschritte gegen uns zogen, nun bald überzeugen, daß kein anderer als solcher Verfassungsmaler es ist, den wir vorhin bei ihnen so hoch priesen und dessentwegen sie wider uns aufgebracht wurden, weil wir ihm die Verwaltung des Staates zu übergeben befahlen, [D] und werden sie bei Anhören jener Beschreibung etwas gelassener werden?

Ja, sehr, sagte er, wenn sie gesunden Verstand haben.

In welcher Beziehung werden sie denn auch noch Zweifel erheben können? Etwa daß unsere Wissenschaftsjünger keine Liebhaber des Seienden und der Wahrheit seien?

Das wäre unmöglich, sprach er.

Nun, so etwa, daß ihre angeborene Geistesanlage nicht verwandt sei mit dem von uns dargestellten Vollkommensten?

Auch das nicht.

Oder ferner, daß eine solche angeborene Geistesanlage nach Erlangung der entsprechenden Bildungsmittel [E] nicht vollkommen sittlich gut sein und mehr als jede andere nach der Philosophie trachten werde? Oder sollten sie es eher von jenen behaupten, die wir ausgeschlossen haben?

Nein doch.

Werden sie also noch wild werden bei unserer Behauptung, erstlich, daß, ehe der Stand der wahren Wissenschaft, der Philosophie an die Spitze kommt, weder Staat noch Bürger Ruhe von ihren Leiden bekommen werden, zweitens, daß auch die von uns in Gedanken aufgestellte Staatsverfassung nicht eher ihre Wirklichkeit bekommen werde?

Vielleicht, meinte er, werden sie jetzt weniger wild sein.

Nun, sprach ich, wollen wir sie statt weniger nicht lieber ganz besänftigt und überzeugt sein lassen, [502 St.2 A]  damit sie wenigstens ihre Beschämung eingestehen?

Sehr wohl, sagte er.

Jene Widersacher aus der großen Masse nun, fuhr ich fort, müssen also von dieser Behauptung, daß die wahre Wissenschaft den Staat regieren müsse, einmal überzeugt sein. Wird aber über folgende weitere Behauptung jemand einen Zweifel haben können, daß Söhne von Königen oder anderen Machthabern einmal mit philosophischen Anlagen geboren werden können?

Niemand, sagte er.

Daß sie aber trotz dieser angeborenen Anlagen mit großer Wahrscheinlichkeit das Schicksal haben, zu verderben, das könnte wohl jemand behaupten, denn daß sie allerdings mit Mühe durchkommen, räumen auch wir zusammen ein, dagegen, [B] daß in aller Zeit von allen niemals ein Einziger unversehrt durchkomme, kann das wohl jemand entgegen halten?

Schlechterdings nicht!

Aber, fuhr ich fort, ein Einziger auf der Welt, wenn er einen folgsamen Staat in die Hände bekommt, ist hinreichend, alle Dinge zu verwirklichen, die jetzt unglaublich sind.

Ja, hinreichend.

Denn wenn irgendwo, sprach ich, ein Herrscher die Gesetze und die von uns beschriebenen Gesetze und Einrichtungen einführt, so ist dann doch keine Unmöglichkeit vorhanden, daß die Bürger diese Gebote bereitwillig ausführen.

Auf keinen Fall.

[C] Ferner, daß unsere Ansichten auch die Ansichten anderer Leute werden, wäre denn das wohl ein Weltwunder oder eine Unmöglichkeit?

Ich glaube es nicht, antwortete er.

Ferner, daß diese Ansichten jedenfalls die besten seien, sofern möglich, das haben wir, wie ich glaube, hinlänglich im Vorhergehenden dargetan.

Ja, hinlänglich.

Nun denn, so ergibt sich hieraus das offenbare Resultat: Die von uns hinsichtlich der Staatseinrichtung aufgestellten Grundsätze seien die besten, wenn sie verwirklicht würden, schwierig aber sei ihre Ausführung, nicht jedoch ganz unmöglich.

[D] Ja, das ist das Resultat, meinte er.

Nicht wahr, nachdem diese Frage endlich ihre Erledigung bekommen hat, so sind die übrigen nach dieser noch zu erörtern: [E] Erstens, auf welche Weise sowie mittels welcher Belehrung und Beschäftigung die Erhalter unserer Staatsverfassung herangebildet werden; zweitens, in welchem Alter sie sich mit diesen oder jenen jedesmal beschäftigen sollen?

Ja, sagte er, freilich ist das noch zu erörtern.

Gar nichts, sagte ich, hat mir also mein schlauer Einfall geholfen, daß ich vorhin die heikle Erörterung in bezug auf die Art des Weibernehmens und der Kindererzeugung sowie auf die Einsetzung der Herrscher beiseite schob, in der Überzeugung, daß die Ausführung sowohl mit Volkshaß wie mit großer Schwierigkeit verbunden ist, wenngleich sie auf der reinsten Wahrheit beruht, jetzt nämlich ist dessen ungeachtet die Nötigung gekommen, auf jene Fragen näher einzugehen. Und da sind nun bekanntlich einerseits die Fragen in Betreff der Weiber und Kinder bereits abgefertigt, aber auf das Kapitel von den Regierenden ist noch einmal zurückzukommen, und zwar wie von vorn an. Wir sprachen uns aber, wenn du dich erinnerst, früher dahin aus, daß sie sich als gute Patrioten  [503 St.2 A]  bei Prüfungen in Freuden wie in Leiden beweisen und die Probe ablegen müßten, daß sie diese Gesinnung weder in Mühseligkeiten noch in Gefahren noch in irgend einer anderen Erschütterung niemals außer acht lassen, oder, wer es nicht könne, sei auszuschließen, wer aber aus jeder Probe unversehrt hervorgehe, wie im Feuer geprüftes Gold, der sei als Herrscher zu bestimmen, und ihm sei Preis und Ehre zu erweisen im Leben wie im Tode. So etwa lauteten unsere Äußerungen, [B] als die Untersuchung vom Wege ausbog und, ohne ihre Absicht erkennen zu geben, sich daneben vorbeischlich aus Furcht, das jetzt aufgekommene Kapitel in Anregung zu bringen.

Sehr richtig bemerkt, sagte er, ja, ich erinnere mich.

Bedenklich war's, sprach ich, mein Lieber, die Äußerungen zu tun, die jetzt einmal gewagt worden sind, jetzt ja muß die Behauptung heraus: Zu den tüchtigsten Staatshütern darf man nur die echten Jünger der Wissenschaft, die Philosophen bestellen.

Ja, sagte er, heraus muß sie.

Zu bedenken ist hier nun bekanntlich, daß du deren wahrscheinlich nur wenige haben wirst, denn von der nach unserer Beschreibung dazu erforderlichen Anlage [C] wachsen die einzelnen Bestandteile nicht gerne auf einem und demselben Stamme beisammen, sondern sie finden sich gewöhnlich nur vereinzelt vor.

Wie meinst du das? fragte er.

Gelehrigkeit, gutes Gedächtnis, Geistesgegenwart, Scharfsinn und die weiteren Geisteseigenschaften finden von Natur sich doch bekanntlich nicht leicht beisammen, ferner Köpfe von jugendlichem Feuergeiste und hoher Sinnesart haben nicht leicht zugleich die Eigenschaft, eingezogen in Stille und in festen Grundsätzen zu leben, sondern Menschen der Art [D] werden von der Raschheit ihres Geistes dahin getrieben, wohin es der Zufall will, und die Festigkeit des Charakters geht ihnen gänzlich ab.

Ja, richtig bemerkt, sagte er.

Nicht wahr, dagegen jene festen und nicht leicht wandelbaren Charaktere, auf die man sich wegen ihrer Treue verlassen könnte, und die im Kriege gegen die Gefahren wie Mauern stehen, tun dasselbe gleichfalls beim Erlernen der Künste und Wissenschaften, sind auch hier Mauern, hartköpfig, als wenn sie vernagelt wären, Schlafens und Gähnens voll, wenn sie eine geistige Arbeit vornehmen sollen?

Es ist so, sagte er.

Nach unserer Forderung aber müßte einer in beiden Stücken gut und wohlbeschlagen sein, [E] oder man dürfte ihn weder an der höchsten Bildung noch an der höchsten Ehre und Gewalt teilnehmen lassen.

Recht, versetzte er.

Nicht wahr, selten wird nun wohl jener Fall vorkommen?

Allerdings.

Eine Probe muß er also bestehen nicht nur in den vorhin schon erwähnten Beschwerden und Schrecknissen sowie in den Reizen sinnlicher Lüste, sondern man muß, was wir vorhin übergingen, jetzt aber hinzufügen, auch noch in vielen Lehrgegenständen seine Seele üben und dabei beobachten, ob sie imstande sei, [504 St.2 A]  die Forschungen der größten Wissenschaft zu ertragen, oder ob sie auch hierbei den Mut verliert, wie die Feiglinge in den körperlichen Übungen.

Ja, sagte er, es muß allerdings diese Beobachtung stattfinden, aber was verstehst du denn unter der größten Wissenschaft?

Du erinnerst dich wohl daran, antwortete ich, daß wir nach Aufstellung dreier Seelenvermögen daraus das eigentliche Wesen von Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit und Weisheit ermittelten.

Ohne meine Erinnerung hieran, sprach er, wäre ich nicht wert, die übrigen Belehrungen zu vernehmen.

Auch wohl an die damals zuvor gemachte Bemerkung erinnerst du dich?

[B] An welche denn?

Wir machten wohl damals die Bemerkung, daß es, um das Wesen jener Tugenden vollkommen einzusehen, noch einen anderen, jedoch etwas weiteren, Umweg gebe, nach dessen Zurücklegung es einem sonnenklar werde, man könnte jedoch Erörterungen nach Maßgabe der vorhergehenden Besprechungen folgen lassen. Und ihr sagtet damals, daß es euch genüge, und so wurde denn die Abhandlung dieses Gegenstandes damals, wie es mir vorkommt, ohne die gehörige Gründlichkeit abgemacht, wenn sie euch aber hinlänglich scheint, so mögt ihr das sagen.

Nun, mir wenigstens, sagte er, schien sie das gehörige Maß zu haben, und es war dies unstreitig auch bei den übrigen der Fall.

Aber, mein Freund, erwiderte ich, [C] das Maß in dergleichen Dingen, wenn es auch um ein kleines Teilchen der wahren Vollständigkeit ermangelt, ist kein gehöriges, denn Unvollständigkeit ist durchaus nicht ein gehöriges Maß von etwas. Aber es scheint bisweilen manchen Leuten eine Sache schon ihre Richtigkeit zu haben, um keine weitere Untersuchung anstellen zu müssen.

Ja, sicher, sprach er, haben manche diese Neigung aus Bequemlichkeit.

Diese Neigung aber, sagte ich, soll durchaus nicht sein bei einem Hüter des Staats und der Gesetze.

Versteht sich, sprach er.

Den größeren Umweg also, mein Freund, sagte ich, muß ein solcher gehen und muß ebenso auf dem Felde der Wissenschaft sich anstrengen [D] wie auf dem Turnplatze, oder er wird niemals an das Ziel der vorhin erwähnten größten und aller notwendigsten Wissenschaft gelangen.

Begreifen denn die bisher verhandelten Gegenstände, fragte er, nicht schon die größte Wissenschaft, und gibt es noch eine größere als Gerechtigkeit und die damit von uns dargestellten Tugenden?

Ja, es gibt noch eine größere, versetzte ich. Von eben diesen Tugenden darf er nicht bloß [E] wie bisher einen Schattenriß schauen, sondern er muß unablässig ihre Erörterung bis zur Vollendung fortführen, oder wäre es nicht lächerlich, bei anderen geringfügigen irdischen Dingen in Absicht auf Sorgfalt und reinste Vollendung mit aller Kraftanstrengung sich Gewalt anzutun, dagegen von den größten Gütern nicht zu glauben, daß sie auch der größten Sorgfalt wert seien?

Ja, sicherlich, sagte er, was du jedoch unter der größten Wissenschaft und unter dem Gegenstand derselben verstehst, wird man dich da wohl loslassen, ohne nach ihrem eigentlichen Wesen gefragt zu haben?

Ich glaube es kaum, sprach ich, frage daher nur! Jedenfalls hast du es nicht selten schon gehört, aber in diesem Augenblicke entsinnst du dich entweder nicht, oder du hast wiederum im Sinne, mir Schwierigkeiten zu bereiten  [505 St.2 A ]  durch einen solchen Angriff, und das ist mir wahrscheinlicher. Denn daß das Wesen des Guten der Gegenstand der größten Wissenschaft ist, das hast du schon öfter gehört, und daß gerechte Handlungen erst durch ihre Teilnahme an ihnen heilsam und nützlich werden. Und auch jetzt weißt du wohl schon, was ich unter jenem Ausdrucke verstanden haben will, und zudem noch, daß wir vom Wesen jenes Guten noch keine vollkommenes Wissen besitzen. Wenn wir aber dieses nicht erfaßt haben, [B] so weißt du, daß ohne dieses Wesenhafte, hätten wir auch alles übrige Wissen, nichts uns nütze ist, geradeso als wenn wir etwas besäßen, ohne daß es ein Gut für uns wäre. Oder glaubst du, es bringe einen Gewinn, alles mögliche zu besitzen, ohne daß das Gute dabei ist? Oder in alles mögliche Einsicht zu haben, vom eigentlichen wesenhaften Schönen und Guten aber keine zu haben?

Nein, bei Zeus, antwortete er, ich gewiß nicht!

Ferner mußt du auch das bereits wissen, daß es in bezug auf das eigentliche wesenhafte Gute bis jetzt zweierlei Ansichten gibt: Dem großen rohen Haufen ist Sinnenlust das eigentliche Gute, den Gebildeteren verständige Einsicht.

Allerdings.

Ferner mußt du wissen, [C] mein Lieber, daß die, welche letztere Ansicht haben, das Objekt jener Einsicht nicht näher bestimmen können, aber konsequenterweise müssen sie schließlich von ihr sagen, sie sei die Einsicht in das Gute.

Und diese nähere Bestimmung, sagte er, ist sehr sonderbar.

Allerdings, erwiderte ich. Erst schelten sie, daß wir das eigentliche Gute nicht wüßten, hernach drücken sie sich bei seiner Erklärung so aus, als wenn wir es schon wüßten, denn nach ihrer näheren Erklärung ist jenes eigentliche Gute Einsicht in das Gute, als wenn wir dann verständen, was sie meinten, wenn sie das Wort ‚gut’ aussprächen.

Ja, sprach er, ganz recht?

Wie sieht es nun mit der anderen Ansicht aus? Die die Sinnenlust als das Gute Bestimmenden, schweben sie vielleicht in einem geringeren Irrtume als ihre Gegner? [D] Oder müssen auch diese, in die Enge getrieben, einräumen, es gebe auch Sinnenlüste mit Übeln?

Ja, sicher.

Sie kommen also in den Fall, zuzugeben, daß Güter und Übel einerlei sind, nicht wahr?

Ja, wahrlich!

Nicht wahr, daß in bezug auf die Frage, was gut sei, große und viele Streitigkeiten bestehen, das liegt nun am Tage?

Allerdings.

Liegt nicht auch das am Tage, daß in bezug auf Gerechtes und Schönes, viele, wenngleich es dies gar nicht ist, dennoch in den hier genannten Beziehungen den Schein vorziehen, [E] daß aber in bezug auf Güter niemandem es genügt, den Schein davon zu besitzen, sondern daß man die Realitäten davon erstrebt, den Schein aber in dieser Beziehung alle verachten?

Jawohl, sagte er.

In Betreff also des eigentlichen Guten, wonach jede Menschenseele strebt und dessentwegen sie alle Anstrengungen unternimmt, weil es nach ihrer dunkeln Ahnung das Höchste ist, aber mit dem auch die übrigen Gewinne in dem Falle zugrunde gehen, wenn sie über diesen Gegenstand in Ungewißheit bleibt, wenn sie von seinem Wesen keinen vollkommen klaren Begriff erlangen, nicht einen festen Glauben daran haben kann wie an die übrigen Dinge. [506 St.2 A]  In Betreff eines solchen uns so wichtigen Gegenstandes sollten wir auch jene im Finsteren herumtappen lassen, die in unserem Staate die Besten sein sollen, und deren Händen wir alles Wohl desselben anvertrauen wollen?

Nein, durchaus nicht, sagte er.

Ja, fuhr ich fort, die Meinung wenigstens hege ich, daß das Gerechte und Schöne ohne ein gründliches Wissen, inwiefern es gut ist, an dem einen schlechten Hüter über sich haben werden, der von jenem Gegenstande keine gründliche Kenntnis hat, und ich vermute, daß vor jener Kenntnis niemand davon eine klare Einsicht bekommen werde.

[B] Ja, sagte er, gar nicht ohne Grund ist deine Vermutung.

Nicht wahr, unsere Staatsverfassung hat erst dann die abschließende Gestaltung bekommen, wenn ein solcher Hüter über sie die Oberaufsicht hat, der in den genannten Beziehungen zur vollkommenen Wissenschaft gelangt ist?

Ja, notwendig, sagte er. Aber wie sieht's denn aus mit deiner Ansicht hiervon, o Sokrates? Ist nach deiner Behauptung das Gute eine Einsicht oder eine Lust oder etwas außer diesen beiden?

Du bist mir der rechte Mann, sprach ich. Schön, daß ich dir schon längst anmerkte, daß es dir nicht genüge, nur die Ansicht der anderen hierüber zu vernehmen!

[C] Es scheint mir auch gar nicht recht, sagte er, o Sokrates, zwar die Ansichten anderer vortragen zu können, die seinige aber nicht, zumal wenn man schon so lange Zeit sich damit abgibt.

Wie, versetzte ich, es scheint dir recht zu sein, wenn jemand über Dinge, worüber er kein gründliches Wissen hat, sich äußerte, als habe er es?

Das soll man ja auch nicht, sagte er, man soll sich nur zum Vortrage seiner Meinungen verstehen, die man für wahr hält.

Wie? sprach ich. Hast du denn von den Meinungen ohne sichere Erkenntnis noch nicht bemerkt, wie verabscheuenswert sie alle sind? [D] Denn die besten davon sind blind. Oder scheinen dir die, welche ohne wirkliche Einsicht einmal durch bloßes Meinen eine Wahrheit ertappen, von Blinden sich zu unterscheiden, die einmal auf dem richtigen Pfade wandeln?

Nein, antwortete er.

Hast du also Lust, bei mir Schmähliches, Blindes und Entstelltes anzuschauen, während du bei anderen Strahlendes und Schönes sehen kannst?

Um Gottes willen, rief hier Glaukon, tritt jetzt nicht zurück, als wenn du zu Ende wärest! Wir wollen uns ja damit begnügen, wenn du uns in derselben Weise eine Darstellung vom eigentlichen Guten gibst, wie du es in bezug auf Gerechtigkeit, Besonnenheit und den übrigen Tugenden getan hast.

Ja, mein Freund, sprach ich, auch ich wollte damit recht zufrieden sein, aber ich befürchte, ich möchte auch dies nicht vermögen und [E] bei dem besten Willen durch meine Ungeschicktheit euch Stoff zum Lachen geben. Drum, ihr Trefflichen, wollen wir die eigentliche Wesenheit des Guten für jetzt lassen, denn es scheint mir zu umfassend, als daß ich nach dem gegenwärtigen Anlaufe auch nur das erschöpfend darstellen könnte, was ich in dem Augenblick darüber meine, was aber ein Sprößling des Guten und ein sehr ähnlicher von ihm zu sein scheint, das will ich euch zeigen, falls es euch beliebt, widrigenfalls wollen wir es lassen.

Nun, zeige es nur, sagte er. Vom Vater kannst du ja ein anderes Mal die Darstellung liefern.

Ja, ich wünschte, sprach ich, ich könnte sie euch wie eine Schuld auszahlen, [507 St.2 A]  und ihr könntet es mit nach Hause tragen und nicht bloß die Zinsen davon. Also diesen Sprößling und diese Zinsen des Guten sollt ihr jetzt bekommen. Nehmt euch jedoch in acht, daß ich euch nicht wider Willen täusche und euch keine falsche Rechnung über den Zins erstatte!

Ja, wir wollen uns schon in acht nehmen nach Kräften, sagte er. Aber nur mit dem Vortrage angefangen!

Ich will zuvor nur, sprach ich, ein paar Worte vorausschicken und euch die Gedanken ins Gedächtnis zurückrufen, die vorhin schon und schon anderwärts oftmals ausgesprochen worden sind.

Welche denn? fragte er.

[B] Daß es eine Vielheit von Schönem, sagte ich, eine Vielheit von Gutem und so überhaupt von allen Dingen gäbe, räumen wir ein und bezeichnen es auch näher in der Rede.

Ja.

Auch bekanntlich ein Schönes an sich, ein Gutes an sich, und so überhaupt in bezug auf alles, was wir erst als eine Vielheit von jedem hinstellten, [C] das stellen wir dann wieder, um in einem einzigen Begriff hin, als wenn die Vielheit eine Einheit wäre, und nennen es das Wesen von jedem.

Es ist so.

Und von jener Vielheit räumen wir ein, daß sie sichtbar und nicht denkbar, sowie andererseits von den Begriffen, daß sie nur denkbar und nicht sichtbar sind.

Ja, allerdings.

Womit an uns sehen wir nun die sichtbaren Dinge?

Mit dem Gesichte, erwiderte er.

Nicht wahr, sprach ich, und mit dem Gehöre die hörbaren und mit den übrigen Sinnen alle sinnlich wahrnehmbaren Dinge?

Freilich.

Hast du denn nun auch, fragte ich, schon bemerkt, wie der Bildner der Sinne das Vermögen des Sehens und Gesehenwerdens mit einem Vorzug ausgestattet hat?

Nicht eben, antwortete er.

Nun, betrachte es so: Bedarf Gehör und Stimme irgend eines anderen Dinges dazu, [D] damit das eine hört, die andere gehört wird, so daß in Ermangelung jenes Dritten das eine nicht hören, die andere nicht gehört werden könnte?

Nein, sagte er.

Und ich glaube es bis jetzt wenigstens, fuhr ich fort, daß auch die meisten anderen Sinne, um nicht zu sagen keiner, keines solchen Etwas bedürfen, oder kannst du eines angeben?

Ich wenigstens nicht, antwortete er.

Von dem Gesichtssinn und vom Gesehenen siehst du aber ein, daß er eines solchen bedarf?

Wieso?

Wenngleich in Augen sich ein Sehvermögen befindet und der Besitzer es zu gebrauchen sucht, [E] wenngleich andererseits auch eine Farbe vorliegt, so weißt du, daß, falls nicht ein eigens dafür geschaffenes drittes Etwas vorhanden ist, der Gesichtssinn nichts sieht und Farben unsichtbar sind.

Nun, was verstehst du denn unter diesem ‚Etwas’ da? fragte er.

Was du bekanntlich, sagte ich, Licht heißest.

Ja, richtig bemerkt, sprach er.

Also ist der Gesichtssinn und das Vermögen des Gesehenwerdens, die für sich genommen nicht unbedeutend sind, durch ein edleres Band verbunden als die übrigen Verbindungen, [508 St.2 A]  wofern das Licht nichts Unedles ist.

Nein, wahrlich, antwortete er, das ist es auf keinen Fall.

Welchen der Götter kannst du nun als Urheber davon angeben, dessen Licht nämlich uns erst den Gesichtssinn sehen macht und auch die sichtbaren Gegenstände sehen läßt?

Keinen anderen, erwiderte er, als den du sowohl wie die übrige Welt dafür ansiehst. Denn nach der Sonne fragst du offenbar.

Ist nun das naturgemäße Verhältnis des Gesichtes zu der Sonne folgendes?

Welches?

Der Gesichtssinn ist keine Sonne, weder er selbst noch das Ding, worin er sich befindet, was wir bekanntlich Auge nennen.

Ja, freilich nicht.

[B] Aber am sonnenartigsten ist er doch wohl unter allen Sinneswerkzeugen.

Ja, das allerdings.

Und nicht wahr, das Vermögen, welches er besitzt, erhält er von dorther gespendet wie etwas das ihr von dorther zufließt?

Jawohl.

Nicht wahr, auch die Sonne ist kein Gesichtssinn, wohl aber die Ursache davon und wird von eben diesem gesehen?

Ja, sagte er.

Unter dieser Sonne also, fuhr ich fort, denke dir, verstehe ich den Sprößling des Guten, der von dem eigentlichen wesenhaften Guten als ein ihm entsprechendes Ebenbild hervorgebracht worden ist, so daß das Gute im Denkbaren zum Denken und zum Gedachten sich verhält, [C] wie die Sonne in der sinnlich sichtbaren Welt zum Gesicht und zum Gesehenen.

Wie, sprach er, erkläre mir's noch!

Wenn man die Augen, entgegnete ich, nicht mehr auf jene Gegenstände richtet, auf deren Oberfläche das helle Tageslicht scheint, sondern auf jene Dinge, worauf nur eine nächtliche Dämmerung fällt, so sind sie, weißt du, blöde und scheinen beinahe blind, als wäre ein rechtes Sehvermögen in ihnen nicht vorhanden.

Ja, sicher, sprach er.

Wenn man sie aber dann darauf richtet, worauf die Sonne scheint, [D] so sehen sie, meine ich, dann ganz deutlich, und in eben denselben Augen scheint dann wieder ein Sehvermögen sich zu befinden.

Freilich.

Dasselbe Verhältnis denke dir nun auch so in bezug auf die Seele: Wenn sie darauf ihren Blick heftet, was das wahre und wesenhafte Sein bescheint, so vernimmt und erkennt sie es gründlich und scheint Vernunft zu haben, richtet sie ihn aber auf das mit Finsternis gemischte Gebiet, auf das Werdende und Vergehende, so meint sie dann nur, ist blödsichtig, indem sie sich ewig im niederen Kreise der Meinungen auf und ab bewegt, und gleicht nun einem vernunftlosen Geschöpfe.

[E] Ja, dem gleicht sie dann freilich.

Was den Dingen, die erkannt werden, Wahrheit verleiht und dem Erkennenden das Vermögen des Erkennens gibt, das begreife also als die Wesenheit des eigentlichen Guten und denke davon: Das Gute ist zwar die Ursache von Erkenntnis und Wahrheit, sofern sie erkannt wird, aber obgleich beide, Erkenntnis und erkannt werdende Wahrheit, also etwas Herrliches sind, so mußt du unter ihm selbst noch etwas weit Herrlicheres vorstellen, wenn du davon eine ordentliche Vorstellung haben willst, ferner, wie es vorhin in unserem Bilde seine Richtigkeit hatte, [509 St.2 A]  Licht und Gesichtssinn für sonnenartig zu halten, sie aber als Sonne sich vorzustellen nicht richtig ist, so ist es auch hier recht, jene beiden, Erkenntnis und Wahrheit, für gutartig zu halten, aber sie, welche von beiden es auch sei, als das eigentliche höchste Gute sich vorzustellen unrichtig, nein, das Wesen des eigentlichen Guten ist weit höher zu schätzen.

Eine überschwängliche Herrlichkeit ist es, sagte er, von der du da sprichst, wenn sie erstlich die Quelle von Erkenntnis und Wahrheit ist [B] und dann noch über diesen beiden an Herrlichkeit stehen soll, denn ein Sokrates kann, versteht sich, nicht Sinnenlust unter jenem höchsten Gut verstehen.

Versündige dich nicht! sprach ich. Nur noch weiter das Bild von jenem höchsten Guten von dieser Seite betrachtet!

Von welcher?

Du wirst wohl einräumen, glaube ich, daß die Sonne den sinnlich sichtbaren Gegenständen nicht nur das Vermögen des Gesehenwerdens verleiht, sondern auch Werden, Wachsen und Nahrung, ohne daß sie selbst ein Werden ist?

Das ist sie nicht!

Und so räume denn auch nun ein, daß den durch die Vernunft erkennbaren Dingen von dem Guten nicht nur das Erkanntwerden zuteil wird, [C] sondern daß ihnen dazu noch von jenem das Sein und die Wirklichkeit zukommt, ohne daß das höchste Gute Wirklichkeit ist, es ragt vielmehr über die Wirklichkeit an Würde und Kraft hinaus.

Da rief Glaukon mit einem feinen Wortwitze aus: Beim Apollon, welch übernatürliches Übertreffen!

Daran, erwiderte ich, ist niemand als du schuld durch die Nötigung, meine Ansicht über jenes höchste Gut zu äußern.

Und höre ja nicht auf, sprach er, das Gleichnis in bezug auf die Sonne weiter zu verfolgen, wenn du noch etwas rückständig hast!

Ja, sprach ich, noch gar mancherlei habe ich rückständig.

[D] Und übergehe davon, sprach er, doch nicht das geringste!

Nach meinem Überschlag zwar, entgegnete ich, gar vieles ist zu übergehen, indessen, soweit es gegenwärtig in meinen Kräften steht, will ich nichts mit Willen auslassen.

Ja nicht! sagte er.

Denke dir also, fuhr ich fort, wie gesagt, jene zwei, und das eine, denke dir, herrsche über das denkbare Geschlecht und Gebiet, das andere über das Sichtbare - ich sage das Sichtbare und nicht des Lichts, damit ich dir es nicht zu gelehrt zu treiben scheine in bezug auf den Ausdruck - [E] aber du merkst dir doch diese zwei Arten, das des Sichtbaren und das des Erkennbaren?

Ja.

Als wenn du nun eine in zwei ungleiche Abschnitte geteilte Linie hättest, nimm wiederum mit jedem von beiden Abschnitten, sowohl mit dem des durchs Auge sichtbaren als auch mit dem des durch die Vernunft erkennbaren Gebietes, wiederum nach demselben Verhältnisse eine abermalige Teilung vor, und du wirst dann bei dem durch das Auge sichtbaren Abschnitte in bezug auf Deutlichkeit und Undeutlichkeit zu einander an dem einen Unterabschnitte Bilder haben. Ich verstehe aber unter Bildern erstens  [510 St.2 A]  die Schatten, sodann die Abspiegelungen in den Wassern, in allen Körpern von dichter, glatter und reflektierender Oberfläche und überhaupt in jedem Dinge dieser Eigenschaft, wenn du es begreifst?

Ja, ich begreife.

Unter dem anderen Unterabschnitte, dem der sichtbaren Welt, von dem der eben genannte nur Schattenbilder darstellt, denke dir sodann die uns umgebende Tierwelt, das ganze Pflanzenreich und die sämtliche Erzeugnisse des Kunstfleißes.

Ich tue es, sagte er.

Wärst du denn nun auch bereit, fuhr ich fort, einzuräumen, daß jener erste Abschnitt auch in bezug auf Wahrheit und deren Gegenteil sich verhält, [B] wie im Bereich des Wissens das Meinbare zu dem durch die Vernunft Erkennbaren, also sich verhalte wie das Schattenbild zu dem wirklichen Gegenstande?

O ja, sagte er, sehr gerne.

So betrachte denn nun den anderen Abschnitt, den des durch die Vernunft Erkennbaren, wie er in Unterabschnitte zu teilen ist!

Wie?

So: den ersten Unterabschnitt desselben muß die Seele von unerwiesenen Voraussetzungen ausgehend erforschen, indem sie sich dabei der zuerst geteilten Unterabschnitte wie Bilder bedient und [C] dabei nicht nach dem Anfang zurückschreitet, sondern nach dem Ende hin schreitet, den anderen Unterabschnitt jener Hälfte aber erforscht sie, indem sie zu dem auf keiner Voraussetzung beruhenden Anfang schreitet und ohne Hilfe von Bildern, deren sie sich bei ersterem Unterabschnitte des Erkennbaren bedient, nur mit Begriffen den Weg ihrer Forschung bewerkstelligt.

Die Gedanken, sagte er, [D] welche du hier aussprichst, habe ich nicht recht verstanden.

Nun, erwiderte ich, du wirst sie bald leichter verstehen, wenn folgende Worte vorausgeschickt sind: Ich glaube, du weißt ja doch, daß die, welche sich mit Geometrie und Arithmetik und dergleichen abgeben, den Begriff von Gerade und Ungerade, von Figuren und den drei Arten von Winkeln und sonst dergleichen bei jeder Verfahrensart voraussetzen, als seien sie sich über diese Begriffe im Klaren, während sie diese doch nur als unerwiesene Grundlagen nehmen und weder sich noch anderen davon Rechenschaft schuldig zu sein glauben, [E] führen dann das Weitere durch und kommen so folgerecht an dem Ziele an, auf dessen Untersuchung sie ausgegangen waren.

Ja, sagte er, das weiß ich allerdings.

Nicht wahr, auch das weißt du, daß sie sich der sichtbaren Dinge bedienen und ihre Demonstrationen auf jene beziehen, während doch nicht auf diese als solche, als sichtbare, ihre Gedanken zielen, sondern nur auf das, wovon jene sichtbaren Dinge nur Schattenbilder sind? Nur des Vierecks selbst und seiner Diagonale wegen machen sie ihre Demonstrationen, nicht derentwegen, die sie mit einem Instrumente auf die Tafel zeichnen, und so verfahren sie in allem übrigen. Selbst die Körper, die sie bilden und zeichnen, wovon es auch Schatten und Bilder im Gewässer gibt, eben diese Körper gebrauchen sie weiter auch nur als Schattenbilder und suchen dadurch zur Schauung eben jener Ausführung zu gelangen, [511 St.2 A]  die niemand anders schauen kann als mit dem denkenden Verstand.

Richtig bemerkt, sagte er.

Das ist's also, was ich vorhin meinte, als ich von dem einen Unterabschnitte der bloß durch die Vernunft erkennbaren Hälfte sagte, daß die Seele bei dessen Erforschung von unerwiesenen Voraussetzungen auszugehen genötigt sei, indem sie nicht auf den Anfang zurückgeht, weil sie über ihre Voraussetzungen nicht hinausgehen könne, endlich, daß sie sich dabei als Bilder bediene nicht nur der eigentlichen Bilder von der sinnlichen Körperwelt, sondern auch jener sinnlichen Körperwelt selbst, die von den gewöhnlichen Leuten im Vergleich zu jenen Nachbildungen für hell und klar gehalten und geschätzt sind.

[B] Ich verstehe, sagte er, daß du die Geometrie und den damit verwandten Wissenschaften meinst.

So verstehe denn nun auch, daß ich unter dem anderen Unterabschnitte der nur durch die Vernunft erkennbaren Hälfte das verstehe, was die Vernunft durch die Macht der Dialektik, erfaßt und wobei sie ihre Voraussetzungen nicht als Erstes und Oberstes ausgibt, sondern als eigentliche Voraussetzungen, [C] gleichsam nur als Einschritts- und Anlaufungspunkte, damit sie zu dem auf keiner Voraussetzung mehr beruhenden Anfang des Ganzen gelangt, und wenn sie ihn erfaßt hat, an alles sich haltend was mit ihm in Zusammenhang steht, wieder herabsteige ohne das sinnlich Wahrnehmbare dabei zu verwenden, sondern nur die Begriffe selbst nach ihrem Zusammenhang, und mit Begriffen auch abschließe.

Ganz verstehe ich das nicht, sagte er, denn es scheint sich da um eine sehr bedeutende Aufgabe zu handeln. Aber soviel verstehe ich doch, du willst durch diese Gegenüberstellung feststellen, daß demjenigen, was durch die auf das Seiende und Gedachte gerichtete Wissenschaft der Dialektik betrachtet wird, größere Sicherheit und Deutlichkeit zukommt [D] als dem von den sogenannten Wissenschaften Erkannten, denen die Voraussetzungen zugleich das Erste und Oberste sind, und bei denen die Betrachtenden ihren Gegenstand zwar mit dem Verstand, nicht mit den Sinnen zu betrachten genötigt sind, aber, weil ihre Betrachtungsweise sie nicht aufwärts zu dem Ersten und Obersten führt, sondern sich auf bloße Voraussetzungen stützt, es dir nicht zu vernünftiger Einsicht über ihre Gegenstände zu bringen scheinen, obschon auch sie einer Vernunfterkenntnis mit Einschluß des Ersten und Obersten zugänglich sind. Verstandeserkenntnis aber, und nicht Vernunfterkenntnis [E] scheinst du mir das von den geometrischen und den ihnen verwandten Wissenschaften eingehaltene Verfahren zu nennen, da du sie für etwas Mittleres hältst zwischen bloßer Meinung und Vernunft.

Das hast du durchaus richtig aufgefaßt, sprach ich. Und so laß denn jenen vier Abschnitten auch vier Seelenzustände entsprechen, Vernunfttätigkeit dem obersten, Verstandestätigkeit dem zweiten, dem dritten aber weise den Glauben und dem vierten das Wahrerscheinen zu, und ordne sie nach dem Verhältnis, daß du ihnen denjenigen Grad von Deutlichkeit beimißt, welcher dem Anteil entspricht, den sie an der Wahrheit haben.

Ich verstehe, sagte er, und räume es ein und ordne sie wie du sagst.